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Ciriaco Sforza : Wie verwandelt nach der Lebenskrise

Zurück auf der Fußball-Bühne: In Thun hat Sforza ein kleines Publikum Bild: pixathlon / EQ Images

Er war einer der erfolgreichsten Spieler der Schweizer Fußballgeschichte. Nach großen psychischen Problemen ist Ciriaco Sforza heute im Reinen mit sich - und reif für einen Neustart seiner Trainerkarriere.

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          Da konnte Ciriaco Sforza so viel gestikulieren und lamentieren, wie er wollte. Der Auftakt war misslungen. 3:5 endete das erste Saisonspiel seines neuen Klubs FC Thun gegen Grasshopper Zürich. „Jeder Schuss ein Treffer“, klagte er nach Spielende. Es war ein kleines Heimdebakel bei der Rückkehr auf die große Fußballbühne, Sforza verordnete seinem Team einen mutigeren, offensiveren Stil, als die Elf nach vier Wochen umzusetzen in der Lage ist.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der FC Thun aus dem Berner Oberland gehört seit Jahren zu den Top-Klubs im Land, in der Europa-League-Qualifikation kämpft er gerade um die Rückkehr auf die internationale Bühne, nachdem der Kleinstadtklub vor einem Jahrzehnt schon einmal Champions League spielen durfte. Aber eigentlich ist auch dieses Umfeld zu klein für einen wie Sforza, der neben dem ehemaligen Dortmunder Torjäger Stephane Chapuisat der wohl erfolgreichste Spieler der Schweizer Fußballgeschichte ist.

          Er war mit Bayern München deutscher Meister, Champions-League-Sieger und Weltpokalsieger, er war die Schaltzentrale bei der sensationellen deutschen Meisterschaft des 1. FC Kaiserslautern, der 1998 als Aufsteiger die Bundesliga dominierte. Unterbrochen von einem Intermezzo bei Inter Mailand, zählte der Spielmacher mehr als ein Jahrzehnt zu den schillerndsten Stars der Bundesliga. Im Vergleich dazu ist Thun, wo 6000 Zuschauer zum Dienstantritt des Trainers ins Stadion kamen, sehr klein. Und doch ist die Idylle am Thuner See vielleicht der richtige Ort zur richtigen Zeit.

          Denn Sforza ist ein anderer Sforza als jener, der in der Bundesliga berühmt wurde. Er hat 2012, beginnend mit dem Ende eines sportlich zuletzt unbefriedigenden Trainerengagements bei Grasshopper, eine persönliche Krise durchlebt, die er Anfang des Jahres in einem bemerkenswerten Interview mit dem Schweizer „Tagesanzeiger“ erstmals öffentlich beschrieb. „Ich war platt, total ausgelaugt, es ging nicht mehr. Meine Kraft war aufgebraucht, ich benötigte zwingend eine Auszeit. Das Ganze hatte mich krank gemacht. Ich bin froh, dass ich mir das eingestehen konnte und nichts vorspielte“, sagte er dort.

          „Ich habe mich selbst lieben gelernt“

          Sforza, der sich damals von seiner Frau trennte, spricht auch jetzt noch offen von der Zeit, „als einfach die Tränen kamen, wenn ich mit mir selbst allein war“. Der 45 Jahre alte Fußballtrainer berichtet auch von Todesängsten, wenn er nachts, klatschnass geschwitzt, aufgewacht sei. Und er versichert, wie froh er sei, seine Probleme mit einem Psychologen offensiv angegangen zu sein. Dafür nahm er eine Pause vom Fußball, die zwangsläufig seine Trainerkarriere gefährdete. „Heute bin ich glücklich, dass ich das alles durchmachen musste. Ich bin als Mensch weitergekommen. Ich habe mich selbst lieben gelernt“, sagt Sforza.

          Zuvor hatte er in seinem Leben nie die Zeit dazu. Mit 16 Jahren debütierte Sforza in der obersten Schweizer Liga bei Grasshopper Zürich, er wurde Nationalspieler und Bundesligastar. Im Anschluss an die Spielerkarriere bot ihm der FC Luzern umgehend die Chance, die Trainerkarriere auf hohem Niveau zu beginnen. Und Sforzas Name kursierte fast immer auch bei Bundesligaklubs, die einen neuen Übungsleiter suchten. Doch plötzlich verschwand der aufstrebende Trainer in der Versenkung.

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          Sforza weiß mittlerweile, dass seine Probleme vor allem mit dem Leben als Profi zu tun hatten. „Ich hatte keine Jugend, mir fehlt ein Teil des Lebens. Auf dem Platz war alles immer okay. Der Fußball war die Rettung, weil ich dort alles andere, alles Problematische ausblenden konnte. Außerhalb des Platzes musste ich mich verstellen. Ich war nie ich“, sagt er. „Nach außen kam es so rüber, dass ich der unnahbare Kerl bin, innen war ich aber ganz weich, ganz lieb. Wenn ich jetzt hier mit dir zusammensitze, dann bin ich im Reinen mit mir.“ Sforza duzt seine Gesprächspartner heute ungefragt. Er, der früher in jedem Gespräch mit Journalisten wohl aus Selbstschutz Arroganz ausstrahlte, auf Distanz bedacht war, den der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge öffentlich als „Stinkstiefel“ brandmarkte, hat gelernt, Vertrauen zu entwickeln. Das liegt auch daran, dass Sforza für anderthalb Jahre zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist.

          „Der Ciri war ein Glücksfall für uns“

          Beim FC Wohlen, wo er einst als Jugendlicher das Spiel lernte und heute sein Sohn Gianluca auf dem Sprung aus dem Nachwuchs in die erste Mannschaft ist, übernahm er nach Bewältigung seiner Lebenskrise Ende 2013 den abgeschlagenen Tabellenletzten der zweitklassigen Challenge League. Er rettete das Team und stürmte im Jahr darauf bis an die Spitze der Liga, wegen finanzieller Bedenken verzichtete der Klub aber auf einen Lizenzantrag für die Super League. Auf dem Dach der Trainerbank haben sie trotzdem zu Ehren des größten Sohns des Klubs den Schlachtruf „(S)Forza Wohle“ aufgeklebt. „Der Ciri war ein Glücksfall für uns, und ich glaube, dass wir für ihn auch der genau richtige Verein zum richtigen Zeitpunkt waren. In jeder Hinsicht“, sagt Lucien Tschachtli, der Vorsitzende des FC Wohlen. Und Alain Schultz, einst bei Grasshopper und nun in Wohlen Spieler unter Sforza, hat einen Trainer vorgefunden, der lockerer geworden sei, zu Späßen aufgelegt. „Er brauchte den Schritt zurück, um ein viel besserer Trainer zu werden“, sagt Schultz.

          Sforza konnte, wie er sagt, in Wohlen seine „Visitenkarte neu gestalten“. Noch ist Sforzas Rückkehr auf die größere Bühne nur in der Schweiz wirklich zur Kenntnis genommen worden. In Thun will er, der in der vergangenen Woche Vater einer Tochter wurde, nun die Basis legen, eines Tages doch noch seinen Traum von einer Trainerkarriere in der Bundesliga in Angriff nehmen zu können. Eine Heimniederlage zum Auftakt ist da ein vergleichsweise geringfügiger Rückschlag, wenn man gerade eine Lebenskrise gemeistert hat.

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