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Schweizer Fußball : Die Problemliga

Sion statt Monte Carlo? Christian Constantin (l.) ließ Rolland Courbis mit dem Privatjet einfliegen, um ihm seine Mannschaft zu zeigen Bild: AFP

Ein streitsüchtiger Präsident und dubiose Investoren drängen den Sport ins Abseits. Wohin steuert der eidgenössische Fußball?

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          Der FC Sion zieht weiter von Gericht zu Gericht, Xamax Neuchatel verliert die Lizenz, und Servette Genf steht vor dem Konkurs. Hinter den unangreifbaren Baselern finden seltsame Spielchen statt: Kapriolen und Affären erschüttern den Schweizer Fußball. Christian Constantin, Präsident des FC Sion, hat vergangenen Montag den 30. Trainerabgang in seinen bisher 15 Amtsjahren erlebt. Laurent Roussey warf hin, offenbar aufgerieben durch teaminterne Streitigkeiten wie durch die wachsende Kritik von Constantin. Nun soll es der Franzose Rolland Courbis richten, den der Präsident flugs von der Cote d’Azur mit dem Privatjet ins Wallis fliegen ließ.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Es läuft nicht gut für Constantin, der sich in seiner Wut auf den internationalen (Fifa) und den europäischen Fußballverband (Uefa) weiter von Gericht zu Gericht klagt, mal mit, zuletzt aber immer häufiger ohne Erfolg. Die Verbände hatten seinen Klub zunächst mit einer Transfersperre belegt (Fifa) und im vergangenen Sommer aus der Europa League ausgeschlossen (Uefa). Am 30. Dezember 2011 hatte der Schweizer Fußballverband Sion wegen des Einsatzes der während der Transfersperre verpflichteten Profis auf Druck der Fifa mit einem Punktabzug in rekordverdächtiger Höhe belegt: 36 Punkte.

          Fortan inszenierte sich Constantin noch heftiger als unterdrückter Walliser, dem höhere Mächte böse mitspielen. Gab schäumende Interviews, beschimpfte Uefa-Präsident Platini („nicht tragbar“) und Fifa-Pendant Blatter („Diktator“), beklagte bei jeder Gelegenheit das System („mafiös“, „korrupt“) - und klagt selbstverständlich weiter. Sein Klub spielte derweil eine sportlich tadellose Saison: Ohne Abzug wäre Sion Zweiter, hätte auf die Baseler 13 Punkte Rückstand. Nur 13 Punkte. Zum Vergleich: Die beiden Zürcher Klubs, ihrem Selbstverständnis nach die einzig wahren Konkurrenten der Baseler, haben 27 (FCZ) und 37 Punkte Rückstand (Grashoppers), der tatsächliche Zweite Luzern 16.

          Das wäre der Weg gewesen: Über den Pokal wäre Constantin nach Europa zurückgekehrt - doch das Heimspiel gegen Luzern ging verloren Bilderstrecke
          Das wäre der Weg gewesen: Über den Pokal wäre Constantin nach Europa zurückgekehrt - doch das Heimspiel gegen Luzern ging verloren :

          Doch die wirklich wichtigen Auseinandersetzungen verliert Sion. Meist finden sie fernab der Stadien statt: Am vergangenen Donnerstag entschied die erste Zivilkammer des Berner Obergerichts, dass der Punktabzug in voller Höhe bestehen bleibt. Zuständig für den Einspruch sei der Sportgerichtshof Cas. Jene Institution, auf die Constantin einen großen Teil seiner Wut und Häme richtet, weil er sie als befangen ablehnt. Und so schlugen die Baseler am vergangenen Sonntag zwar die wahrscheinlich zweitbeste Mannschaft der Schweiz, aber eben auch den Tabellenvorletzten. Der nur deshalb nicht direkt absteigen kann, weil der einzige Absteiger längst feststeht: Xamax Neuchatel.

          Der vermeintliche Investor Bulat Tschagajew, angeblich zu Geld gekommen im Bau- und Rohstoffgewerbe, war seit Mai 2011 Mehrheitseigner des Klubs im beschaulichen Neuchâtel. In einer seiner ersten öffentlich gewordenen Amtshandlungen drohte Tschagajew seinen Spielern in der Halbzeitpause des letztjährigen Pokalfinals gegen Constantins Sion beim Stand von 0:2: „I will kill you all!“

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