https://www.faz.net/-gtl-6v2hq

Schweiz : Das ganze Arsenal der Repression

  • -Aktualisiert am

Die Idylle trügt: Im Schweizer Fußball sind die Fronten verhärtet Bild: dpa

Kriminalisierung der Pyros, rigider Umgang mit Fans, verfeinerte Überwachungsmethoden, mehrjährige Stadionverbote: Die Fronten im Schweizer Fußball sind verhärtet.

          3 Min.

          Drei Finger beschäftigen den Schweizer Sport derzeit. Drei Finger, die zur Hand eines jungen Mannes gehörten. Bis er am Donnerstag voriger Woche beim Europacupspiel in Rom im Fansektor des FC Zürich einen bereits gezündeten Knallkörper vom Boden aufhob. Der Böller explodierte in seiner Hand und riss ihm die drei Finger ab.

          Diesen grässlichen Unfall im römischen Olympiastadion hätte es nicht gebraucht, um die Sicherheitsdebatte in der Schweiz anzuheizen. Es ist erst sechs Wochen her, als das 226. Zürcher Derby im Chaos frühzeitig endete. Auf eine Provokation der Grasshoppers-Fans hin entlud sich die Wut der Ultras des FC Zürich. Einige stürmten - während die Partie lief - über die Laufbahn des Letzigrund-Stadions zu den Fans des Stadtrivalen und warfen zwei brennende bengalische Fackeln in deren Kurve. Die Tumulte bewogen den Schiedsrichter, erstmals ein Spiel der höchsten Liga abzubrechen. Mit dem Urteil und dem Strafmaß lässt die Swiss Football League noch auf sich warten.

          Bei Pyrotechnik Spielabbruch

          Doch auch dieser Eklat wäre nicht nötig gewesen, das Phänomen der Gewalt bei Sportveranstaltungen ins Bewusstsein zu rücken. Eine quantitative Zunahme von Zwischenfällen ist zwar nicht festzustellen, es sind jedoch die gravierenden Einzelfälle, die die Volksseele empören. Der 13. Mai 2006, als der FC Basel am letzten Spieltag in der Nachspielzeit den Meistertitel verlor und seine Fans das Spielfeld stürmten, gilt als Schwarzer Samstag. Zwei Jahre später wurden im Basler St.-Jakob-Park aus dem Block der Fans des FC Zürich brennende Fackeln in den Nachbarsektor geworfen.

          In den Wochen und Monaten vor den Nationalratswahlen am vorletzten Oktober-Wochenende wurde das Thema Sicherheit von Politikern besonders eifrig in den Medien inszeniert. Eine der beliebtesten Formeln, weil kurz und griffig, lautet nun: null Toleranz. Fußball ohne Zuschauer oder zumindest ohne auswärtige Fans, Eingangskontrollen bis in den Intimbereich, lebenslange Stadionverbote - der ganze Repressionskatalog wird rauf und runter gebetet. Nach dem Derby-Abbruch stellte der Präsident der Grasshoppers den Antrag, Spiele künftig sofort abzubrechen, sobald auf den Rängen Pyrotechnik entzündet wird. Die Manipulationsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind nicht in letzter Konsequenz durchdacht. Dementsprechend zurückhaltend ist man bei der Liga. Ende November soll darüber abgestimmt werden.

          Katz-und-Maus-Spiel zwischen Fans und Polizei

          Dabei erlebt der Schweizer Fußball Boomzeiten. Es strömen immer mehr Zuschauer in die Super-League-Stadien, mehr als zwei Millionen waren es vergangene Saison. Mit durchschnittlich 11.300 Besuchern steht die kleine Schweiz auf Platz zehn des europäischen Rankings. Viel länger als die deutsche Bundesliga kennt das Land die Ultrafans, weil diese Bewegung früh von Italien aus ihren Reiz auf Jugendliche und junge Erwachsene ausübte. In Rauch und von 1500 Grad heißen Fackeln in grellrotes Licht getauchte Kurven gehörten schon in den achtziger Jahren zum Bild in den Schweizer Stadien.

          Weil aber auch in der Schweiz das Entzünden von Pyrotechnik unter das Sprengstoffgesetz fällt und im Stadion verboten ist, gehören der Schmuggel und die - ebenfalls verbotene - Vermummung beim Abbrennen der Fackeln zum Ritual. Es ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Ultras, den privaten Sicherheitskräften, die in der Schweiz im Stadion für Kontrolle und Ordnung sorgen, und der Polizei, die nur in Ausnahmefällen im Stadion präsent ist. Gab es in den vergangenen Jahren Ärger an den Stadiontoren, dann fast ausnahmslos im Zusammenhang mit dem Pyroverbot und den Stadionverboten für überführte Fans.

          Kein Patentrezept zur Eindämmung gegen Gewalt

          Die Kriminalisierung der Pyros, der rigide Umgang vor allem mit den auswärtigen Fans, verfeinerte Überwachungsmethoden, mehrjährige Stadionverbote, die Fahndung mit Konterfeis von Verdächtigen im Internet oder gar in Tageszeitungen - das ganze Arsenal der Repression also - haben vor allem zu einem geführt: zu einer Verhärtung. Im Vorfeld der Europameisterschaft 2008, unter dem Druck von Uefa und der Politik, wurden die Instrumente verschärft mit einer Gesetzesrevision zur „Wahrung der inneren Sicherheit“. Dazu gehörten Stadionverbote, Meldeauflagen, Polizeigewahrsam und Ausreisebeschränkungen. Und eine Datenbank, die jenen Schweizern missfiel, die Überwachungstendenzen gegenüber empfindlich sind. Parallel dazu wurde 2007 vom Bundesrat ein nationaler Runder Tisch eingerichtet, an den alle relevanten Gruppen gerufen wurden, auch aus dem Eishockey.

          Ein Patentrezept zur Eindämmung gegen Gewalt wurde auch dort nicht erfunden. Der Eindruck entstand, dass sich die Interessengruppen - Politiker, Sicherheitsbehörden, Verbände, Vereine und Fanprojekte - eher auseinandergelebt statt aufeinander zubewegt haben. Der Runde Tisch wurde Mitte September, mehr oder weniger ergebnislos, faktisch abgeschafft. Das Zepter haben nun die Justiz- und Polizeidirektoren der 26 Kantone übernommen und ihre Vorstellungen ins Gesetzgebungsverfahren geschickt: Kombi-Tickets für auswärtige Fans, Bewilligungspflicht für Spiele, Identifikation beim Stadioneintritt und vieles mehr. Besonnene Stimmen finden derzeit kaum Gehör, und es ist absehbar, dass das weitere Drehen an der Repressionsschraube zu einem führen wird: zur noch größeren Solidarisierung in den Kurven mit ihren lauten und kreativen, aber auch wilden und bisweilen gewalttätigen Kräften.

          Weitere Themen

          Bayers Herrscher über die Balance

          Leverkusen-Profi Aranguiz : Bayers Herrscher über die Balance

          Charles Aranguiz gilt als unverzichtbarer Chefstratege bei Bayer Leverkusen. Doch das Spiel gegen Juventus Turin könnte für den Chilenen der letzte Champions-League-Auftritt im Bayer-Trikot werden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.