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Schweden : "Larstommy" - das perfekte Paar kennt keinen Streit

  • -Aktualisiert am

Lars Lagerbäck: Taktiker der Doppelspitze Bild: REUTERS

Das schwedisches Modell ist einzigartig. Die Trainer Lars Lagerbäck und Tommy Söderberg bilden eine gleichberechtigte Doppelspitze. Nun will sich Söderberg, der Kommunikator, zurückziehen.

          Mit diesen europäischen Titelkämpfen wird ein schwedisches Fußball-Phänomen enden. Tommy Söderberg gibt seinen Arbeitsplatz als Coach der Nationalmannschaft auf und sprengt damit das einzige Trainerduo im internationalen Fußball.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Sein Freund und Kollege Lars Lagerbäck macht weiter. Ihm wird der frühere Nationalverteidiger Roland Andersson als Assistent zur Seite gestellt. So begann auch Lagerbäck 1998, aber nach zwei Jahren machte ihm sein Studienfreund Söderberg das Angebot, zum gleichberechtigten Partner aufzusteigen. Seitdem qualifizierten sich die Schweden für jedes große Turnier, seitdem sind sie in ihrer Heimat als "Larstommy" bekannt.

          Gespräche gehören zum täglichen Programm

          Die beiden Fußball-Lehrer harmonieren schließlich so perfekt miteinander, vertreten so exakt die gleichen Ansichten, daß die schwedischen Zeitungen Aussagen eines der beiden als "Larstommy"-Zitat kenntlich machen. Denn genauso hätte es auch der andere stets sagen können.

          Tommy Söderberg will abtreten

          In sechs Jahren der Zusammenarbeit ist keine einzige Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen bekanntgeworden, schon gar kein Streit. Daß er nun aus der vordersten Linie zurücktritt, begründet Söderberg allein mit Verschleißerscheinungen. "Das Team braucht frisches Blut." Die beiden Trainer sind gleich alt und haben auch die gleiche Ausstrahlung. Man könnte sie sich gut als Sozialarbeiter oder Erzieher vorstellen. Und so verstehen sie auch ihre Aufgabe. Die beiden wollen das ideale Betriebsklima - vertrauensvoll und verständnisvoll. Deshalb gehören Gespräche zum täglichen Programm.

          Söderberg ist der Kommunikator - Lagerbäck der Taktiker

          Sechs Spieler treffen sich bei großen Turnieren an jedem Abend mit den Trainern, damit Mißstände, Unzufriedenheiten sofort erkannt und ausgeräumt werden können. Söderberg übernimmt in der Regel mehr die Rolle des Kommunikators - gegenüber den Medien und den Spielern. Lagerbäck ist der Taktiker. Die Trainingsarbeit auf dem Fußballplatz teilen sich die beiden. Während Söderberg sich im schwedischen Fußball als Meistertrainer von AIK Solna und als Trainer der Junioren-Nationalmannschaft einen Namen gemacht hatte, war Lagerbäck vorher nur Insidern bekannt. Der Fußball-Systemforscher hatte bis dahin nur Junioren- und Jugendmannschaften trainiert.

          Ihrem souveränen Arbeiten mit den hochbezahlten Profis verdankt Fußball-Schweden, daß für die Europameisterschaft Henrik Larsson ins Team zurückgekehrt ist. Der 32 Jahre alte Star der Skandinavier fühlte sich einige Zeit nicht mehr recht motiviert. Nach fast 15 Jahren im Profigeschäft und einigen schweren Verletzungen fehlte dem Angreifer von Celtic Glasgow, der möglicherweise zum FC Barcelona wechseln wird, der Antrieb, in Qualifikationsspielen seine Knochen hinzuhalten. Söderberg und Lagerbäck akzeptierten die Einstellung des "wunderbaren Menschen", wie sie Larsson loben. "Aber wir blieben immer in Kontakt zu ihm, sagten ihm, die Tür bleibe offen", erzählt Söderberg. Anfang Mai erklärte der große Sympathieträger zur Freude der ganzen Nation seine Rückkehr ins Dreikronenteam.

          Der Premier forderte mehr Offensive

          Seitdem sind die Erwartungen im Land und im Verband gestiegen. Mit Larsson hat der Sturm jenen Extrakick Gefährlichkeit gewonnen, der die Schweden vom Außenseiter zum ernsthaften Kandidaten - zumindest für das Halbfinale - macht. Im Zusammenspiel mit Zlatan Ibrahimovic und Fredrik Ljungberg wirbelte Larsson in den Gruppenspielen erst die Bulgaren und dann sogar die Italiener durcheinander. Da sich die Schweden darüber hinaus aber ihre traditionelle Standfestigkeit in der Verteidigung bewahrt haben, trauen sie sich gegen die Niederlande an diesem Samstag durchaus den Einzug ins Semifinale zu. "Wir haben uns gegenüber der Weltmeisterschaft 2002 deutlich gesteigert", stellt Lagerbäck kühl fest. "Damals operierten wir viel mit weiten, hohen Bällen, jetzt sind wir konstruktiver." Auch dank Larsson.

          Noch in der Qualifikation zur Europameisterschaft wurde Lagerbäck für seine zwar erfolgreiche, aber langweilige Defensivtaktik kritisiert. Vor dem ersten Gruppenspiel gegen Bulgarien meldete sich sogar der schwedische Premierminister zu Wort. Göran Persson nutzte die Zeit der Rekonvaleszenz nach einer Hüftoperation, um sich mit der richtigen Taktik für Portugal zu beschäftigen, und teilte sie "Larstommy" über die Öffentlichkeit mit. Er forderte mehr Offensive. "Laßt Ljungberg hinter den Spitzen Ibrahimovic und Larsson agieren. Im Mittelfeld will ich Wilhelmsson und Mikael Nilsson sehen, dazwischen soll Kallström spielen."

          1994 „war etwas ganz Spezielles“

          So ganz richteten sich Söderberg und Lagerbäck nicht danach, aber nach dem 5:0 über Bulgarien waren alle Schweden überzeugt, daß die Trainer keinen Nachhilfeunterricht benötigen. Der Eindruck wurde durch das 1:1 gegen Italien und das 2:2 gegen Dänemark bestätigt. Zwar fiel der weiterführende Ausgleich gegen den Nachbarn erst in vorletzter Minute, aber mit Glück wollte Lagerbäck diesen Erfolg nicht in Verbindung bringen. "Wir haben uns das Viertelfinale durch mannschaftliche Disziplin und individuelle Klasse verdient."

          Bei aller Begeisterung nach der Vorrunde in Portugal schwächte der kühle Schwede das Lob der Medien in der Heimat ab, die die Mannschaft schon mit der verglichen, die bei der Weltmeisterschaft 1994 in den Vereinigten Staaten Dritte wurde. "Wir haben zwar wieder ein gutes Team, aber die Mannschaft vor zehn Jahren war schon etwas ganz Spezielles." Vielleicht ändert sich ja Lagerbäcks persönliche Rangliste noch in den nächsten Tagen.

          "Mir gefällt Holland zwar als Land, aber die Plätze waren furchtbar schlecht."

          Der schwedische Torjäger Henrik Larsson, der einst bei Feyenoord Rotterdam stürmte

          "Er ist großartig. Mich mit ihm zu vergleichen geht nicht: Er ist viel, viel besser."

          Larsson über seinen niederländischen Stürmerkollegen Ruud van Nistelrooy

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