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Schottland : Kleiner General kurz vor seinem Waterloo

Vogts spaltet die Schotten Bild: AP

Es hätte ein großer Tag für Schottland werden können. Königin Elisabeth eröffnete das erste schottische Parlament in Edinburgh seit 1707. Doch dann erlitt die Fußballauswahl ihre erste Heimniederlage in der WM-Qualifikation seit 1985.

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          Es war ein großer Tag für Schottland. Königin Elisabeth eröffnete in Anwesenheit ihres früheren Agenten 007 alias Sir Sean Connery das neue schottische Parlament in Edinburgh, das erste seit 1707. Der Bau ist zwar ein bißchen kostspielig geraten - 431 Millionen Pfund, zehnmal so teuer wie geplant -, aber für das Wahrzeichen einer größeren Eigenständigkeit gegenüber London nahm man das in Kauf.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Ein großer Tag also - wäre da nicht fünfzig Kilometer weiter in einem anderen stolzen schottischen Gebäude, dem Glasgower Hampden Park, etwas Peinliches passiert. "Am selben Tag, als die Eröffnung des Parlaments die Schotten wieder wie eine Nation fühlen lassen sollte", schrieb die Sonntagszeitung "Scotland on Sunday", "schien es, daß der Tag, an dem dieses Land wieder als Fußballnation gelten darf, womöglich nie eintreten wird." Die erste Heimniederlage in einem WM-Qualifikationsspiel seit 1985, sie war für viele Schotten ein weiterer Schritt auf dem Abstieg ihres Fußballs. Ein Volk leidet - die einen mit Berti Vogts, die anderen an ihm. Die öffentliche Meinung nach dem 0:1 gegen Norwegen spaltete sich in Mitleid für den glücklosen deutschen Trainer und den Wunsch, ihn loszuwerden. Die Presse tritt eher für die Radikallösung ein. "Angesichts von dreißig jammervollen Monaten mit Vogts, in denen Schottland sich im Rückwärtsgang bewegt hat", schrieb der "Scotland on Sunday" nach der dreizehnten Niederlage in zwanzig Spielen, "sollte er von seinem Elend erlöst werden."

          Vogts auf die Tribüne verbannt

          Vogts zeigte sich kämpferisch. "Wir hatten viel Pech. Die Einstellung und Organisation waren gut, nur das Resultat war schlecht." Wie sehr ihm die Situation an die Nerven geht, zeigte die Überreaktion in der Pause, als er Schiedsrichter Allaerts anging. Der Belgier hatte den Schotten ein Tor verweigert, da der Ball bei Iversens Rettung gegen Hughes offenbar noch nicht hinter der Linie war. Vogts sah es anders und wurde wegen zu heftiger Proteste zum ersten Mal in seiner Karriere von der Bank verwiesen. Er saß noch keine zehn Minuten auf der Tribüne, da war das Spiel so gut wie verloren, sein Job vielleicht auch. McFadden verhinderte auf der Torlinie ein Gegentor per Handspiel: Rote Karte, Elfmeter, 0:1 durch Iversen. Der Rest war ein uninspiriertes Anrennen der Schotten.

          Aufruhr: die Schotten reklamieren, daß der Ball hinter der Linie ist

          Vogts' Wunschbild modernen Fußballs - flüssiges Paßspiel, vernetzte Bewegung, Phantasie, Dynamik, das alles in höchstem Tempo - es bleibt in Schottland ein unvollendetes Gemälde; eine Phantasie, der sich die Realität in zweieinhalb Jahren kaum angenähert hat. Natürlich kam wieder alles zusammen: zur Talentlosigkeit der aktuellen Spielergeneration auch noch der Ausfall von vier Profis; die fehlende Match-Praxis der einzigen Kreativkräfte, Fletcher und McFadden, die in Manchester und Everton nur Ersatzleute sind; dazu einer der unangenehmsten Gegner Europas: die norwegische Antispaßfabrik, die schon viel bessere Teams einfallslos gemacht hat.

          Präsiden McBeth schweigt

          Nach dem 0:0 gegen Slowenien und dem 0:1 gegen Norwegen steht Vogts, der davon geträumt hatte, mit Italien um den Gruppensieg zu kämpfen, auf dem vorletzten Platz der Gruppe fünf. Der "Observer" konstatierte: "Schottlands WM-Aussichten haben sich von dunkelgrau auf pechschwarz verdunkelt." Vogts weiß, daß er am Mittwoch in Chisinau gegen Moldova gewinnen muß, und das ohne den gesperrten McFadden, seinen einzigen Stürmer, der in einem der letzten zwölf Spiele traf. Auf die Frage, ob er seine Entlassung erwarte, entgegnete Vogts: "Fragen Sie den Präsidenten, nicht mich." Der Präsident, der den dramatischen Namen McBeth trägt, schwieg. "Ich habe den Spaß wiedergefunden, den ich in Deutschland verloren hatte", beteuerte Vogts. "Mein einziges Ziel ist die WM 2006. Ich erwarte nicht, entlassen zu werden."

          Die "Glücklosigkeit des kleinen Mannes" sah "Scotland on Sunday" im Spielverlauf gespiegelt. Kapitän Barry Ferguson sagte: "Ich fühle mit dem Trainer, weil ihm einfach das Glück fehlt." Berti Vogts, das Gegenstück zum Glückskind Beckenbauer - dieses Stigma des Unglücksraben hat ihn auch in der Fremde eingeholt. In einem Interview mit dieser Zeitung hatte Vogts nach wenigen Monaten im Amt auf eine Frage über das Unerklärliche des Trainerjobs historisch geantwortet: "Schauen sie, was Napoleon über die Auswahl seiner Generäle sagte: Mich interessiert nicht seine Ausbildung, mich interessiert nur: Hat er Glück oder hat er Pech?" Der kleine General braucht Glück, daß sein Waterloo nicht Chisinau heißt.

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