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Schalkes Jefferson Farfan : Die Diva wird erwachsen

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Mittendrin: Jefferson Farfan ist endlich stabiler Leistungsträger bei Schalke 04 Bild: dpa

Jefferson Farfan war bei Schalke schon als Diva abgestempelt. Aber er hat sich zum herausragenden Spieler seiner Elf gemausert. Seine Qualitäten sind im Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid (20.45 Uhr) besonders gefragt.

          Das milde Winterklima in Westfalen kommt Jefferson Farfan gelegen. Der Flügelspieler des FC Schalke 04 erfüllt das Klischee des Südamerikaners, dessen Spiellaune bei allzu kühler Witterung schon mal einfrieren kann. Doch derzeit fühlt er sich so wohl wie lange nicht. Es ist für die Jahreszeit, nicht aber für Farfan viel zu warm. Der 29 Jahre alte Fußballkünstler hat sich zum herausragenden Spieler seiner Mannschaft entwickelt.

          Früher oft als Diva aufgefallen, ist er dazu übergegangen, seinen Beruf ernsthaft anzugehen und mehr Konstanz in seine Leistungskurve zu bringen. Irgendwann muss es seinen Vorgesetzten gelungen sein, ihn davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, dem inneren Schweinehund zu trotzen. Der Zuwachs an Professionalität sei auch „das Ergebnis vieler Gespräche“, sagt Schalkes Sportvorstand Horst Heldt. „Bei Jeff hat wohl ein Bewusstseinswandel stattgefunden.“

          Er strebt den Höhepunkt seiner Schalker Schaffenskraft an

          Unter vielen hochveranlagten Spielern ist Farfan derjenige, dem am ehesten zuzutrauen wäre, auch in europäischen Spitzenmannschaften Fuß zu fassen, die noch eine oder zwei Stufen über dem FC Schalke stehen – wie etwa Real Madrid, an diesem Mittwoch Gegner der Gelsenkirchener im Achtelfinalhinspiel der Champions League (20.45 Uhr, live in ZDF und F.A.Z.-Liveticker). Auch Klaas-Jan Huntelaar und Kevin-Prince Boateng können Weltklasse verkörpern, irgendwann vielleicht auch Julian Draxler, der jüngste unter den Leistungsträgern.

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          Aber sie alle hatten, seit sie „auf“ Schalke zusammenspielen, nicht die Kraft, über einen längeren Zeitraum auf höchstem Niveau zu kicken. Farfan indes scheint fit und frisch dem Höhepunkt seiner Schalker Schaffenskraft entgegenzustreben. „Ich danke Gott dafür, dass ich mich in einer so guten Verfassung präsentieren kann“, sagt er. „Ich versuche, für die Mannschaft und den Verein das Maximum aus mir herauszuholen.“ Inzwischen gelingt ihm das – nicht immer, aber oft genug, um den Makel des „Schönwetterspielers“ abzustreifen.

          Der Spaß am Fußball kam ihm abhanden

          In jüngeren Jahren habe er die Regeln des Profifußballs „nicht so ernst genommen“, sagt Farfan. Zudem sei es ihm anfangs schwergefallen, sich an die deutsche Mentalität zu gewöhnen. Doch inzwischen habe er „einen Reifeprozess durchlaufen“ und begriffen, dass Fußball auf höchstem Niveau mehr erfordert, als auf dem Platz sein Talent aufblitzen zu lassen, wenn einem gerade der Sinn danach steht. Eine Zeitlang hatte sich Farfan unbewusst, vielleicht sogar bewusst, dagegen gesträubt, das anzunehmen, was die Deutschen Arbeitsmoral nennen. Als er unter Felix Magath trainieren musste, kam ihm der Spaß am Fußball abhanden; aus Lust wurde Last.

          Die Art, wie Magath sich als „Schleifer“ gefiel und Spieler verbal runterputzte, riefen bei Farfan Fluchtgedanken hervor. Vor drei Jahren spielte er mit dem Gedanken, Schalke in der Winterpause zu verlassen; der VfL Wolfsburg, ambitioniert und liquide genug, seine Forderungen zu erfüllen, zeigte sich interessiert. Doch der Transfer platzte – und Farfan weiß diese Fügung des Fußball-Schicksals zu schätzen. Ein paar Wochen nach dem Flirt mit dem VfL wurde Magath Trainer und Geschäftsführer in Wolfsburg.

          Nicht in erster Linie Schalker, sondern Profi

          Farfan machte kein Geheimnis daraus, was das für ihn bedeutet hätte. „Ich hätte lieber in Peru Steine geschleppt und Erde umgegraben, als noch mal unter Herrn Magath zu spielen“, sagte er. Das blieb ihm erspart, stattdessen wurde Farfan zur festen Größe bei den Königsblauen. Aus der aktuellen Mannschaft hat nur Kapitän Benedikt Höwedes, ein „Eigengewächs“ des Revierklubs, ähnlich viele Spiele für Schalke bestritten wie er.

          Auf und davon: Jefferson Farfan ist momentan  nur schwer zu stoppen

          Mit solcher Vereinstreue hatten die wenigsten gerechnet, nicht nur weil Magath ihm vorübergehend den Spaß verdorben hatte. Farfan ist nicht in erster Linie Schalker, sondern Profi, man könnte auch sagen: Söldner. Vor zwei Jahren hatte sein Berater den Verein mit geradezu unverschämten Forderungen überzogen; die Rede war von einem Handgeld in zweistelliger Millionenhöhe allein für die Unterschrift unter einen neuen Vertrag, der zudem einen Gehaltssprung enthalten sollte.

          Das Investment scheint sich zu lohnen

          Schalke lehnte ab, Manager Heldt verpflichtete in Chinedu Obasi vorsorglich schon im Winter einen Nachfolger, doch der Zugang aus Hoffenheim hat sich in Gelsenkirchen nicht durchsetzen, geschweige Farfan Konkurrenz machen können. Am Ende fand Farfans Management keinen Arbeitgeber, der sich finanziell derart verausgaben wollte, und der Rechtsaußen – seit 2008 in Schalke – verlängerte seinen Vertrag zu Konditionen, die der Verein sich offenbar leisten kann.

          Farfan mag ein teurer Angestellter sein, aber das Investment scheint sich zu lohnen. Er hat zwar keine wesentlichen Fortschritte im Deutschunterricht gemacht, sich taktisch aber weiterbilden lassen und sich mit Außenverteidiger Atsuto Uchida, derzeit verletzt, auf der rechten Seite zu einem eingespielten Team zusammengefunden. „Leicht ist es nicht, da ich in der Vergangenheit immer nach vorne gespielt und angegriffen habe“, sagt Farfan. „Aber ich habe hier gelernt, auch für die Defensive zu arbeiten.“ Seine neue Lernbegierde ruft sogar beim Management Erstaunen hervor. „Wir sind manchmal auch positiv überrascht“, sagt Heldt. „Aber wir werden ihn sicher nicht stoppen.“

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