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Schalkes Draxler : Frontmann auf Abruf

  • -Aktualisiert am

Sein Wort zählt. Aber seine Träume reichen über Schalke hinaus: Julian Draxler Bild: dpa

Julian Draxler gibt Schalke 04 ein Gesicht als jugendlicher Held, als Nummer 10, als Werbeikone - auch an diesem Montag im Pokal. Doch wie lange noch? Die Prognose „bis 2018“ klingt übertrieben.

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          Als der Stürmerstar Raúl den FC Schalke vor gut einem Jahr verließ, um in den Vorruhestand nach Qatar zu gehen, fragte Julian Draxler den Spanier nach Kontaktdaten wie Mobilfunknummer und E-Mail-Adresse. So blieb der junge Mann mit seinem fast väterlichen Freund in Verbindung - zum Glück für den Klub, für den beide zwei Jahre lang zusammen Fußball gespielt hatten.

          Raúl stand seinem jungen Kollegen auch zur Seite, als es darum ging, ob Draxler seinen Vertrag mit Schalke verlängern oder schon eine der lukrativen Offerten aus dem europäischen Ausland annehmen sollte. Raúl riet dazu, noch eine Weile „auf“ Schalke zu bleiben, wenn auch nicht unbedingt die fünf Jahre, die in Draxlers neuem Vertrag vorgesehen sind. Wenn die Zeit reif sei, in einem oder zwei Jahren vielleicht, solle der Mittelfeldstratege von den Königsblauen zu den Königlichen zu wechseln, also zu Real Madrid, jenem Klub, für den Raúl sechzehn Jahre lang gekickt hatte, ehe er seine europäische Karriere im Ruhrgebiet ausklingen ließ.

          „Kein normaler Neunzehnjähriger“

          Das Verhältnis zwischen Draxler und Raul erinnert an eine Stabübergabe. Ein Großer des Fußballs hat die Bühne verlassen und im Rausgehen schon einen neuen jugendlichen Helden vorgestellt, der fast sein Sohn ein könnte. Draxler bleibt vorerst; das ist der größte Erfolg der Schalker Personalpolitik dieses Sommers, auch wenn das Management rund fünfzehn Millionen Euro ausgegeben hat für Profis wie Adam Szalai (Mainz), Leon Goretzka (Bochum), Felipe Santana (Dortmund) und Christian Clemens (Köln). Der Verein braucht den Ausnahmespieler Draxler - als Frontmann im Mittelfeld und als Identifikationsfigur. Auch in der ersten Pokalrunde an diesem Montag (18.30 Uhr/im Pokal-Liveticker bei FAZ.NET) beim FC Nöttingen.

          Also ist nicht nur Cheftrainer Jens Keller erleichtert, den Teenager noch (mindestens) eine Saison zur Verfügung zu haben. Der Fußball-Lehrer sagt, Draxler sei „kein normaler Neunzehnjähriger“, sondern in seiner Entwicklung schon weit vorangeschritten. Mit dieser Erkenntnis steht Keller nicht allein. Auch die Marketingstrategen des Klubs sind hocherfreut, das Gesicht der Mannschaft, ja des Vereins noch eine Weile für ihre Projekte nutzen zu können.

          „Julian Draxler steht für Werte wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Bodenständigkeit, und er sieht gut aus“, sagt Schalkes Marketingvorstand Alexander Jobst, der einst bei Real Madrid beschäftigt war. Solche Eigenschaften, glaubwürdig verkörpert, seien für Werbekunden überaus attraktiv. Der Mittelfeldspieler habe sich „rasant schnell vom Schalker Buben zum Führungsspieler entwickelt“.

          Menschen wie Draxler entspannen am besten, wenn sie das tun, was sie am besten können: auch wenn Millionen zuschauen
          Menschen wie Draxler entspannen am besten, wenn sie das tun, was sie am besten können: auch wenn Millionen zuschauen : Bild: dpa

          Mit seinen neunzehn Jahren scheint Draxler bestens beraten (nicht nur von Raúl) - und ein Naturtalent, wenn es darauf ankommt, das Richtige zu sagen, so etwa, wenn er über Werte wie Respekt spricht. Mancher Jungprofi, natürlich nicht auf Schalke, lasse „den Respekt vor den Älteren vermissen, vielleicht auch weil die Jüngeren in der Mannschaft nicht mehr allein sind“, sagt er, „ein einzelner würde sich eher zurückhalten.“

          Als Draxler seinen Vertrag verlängert hatte, stand die nächste Werbekampagne mit der Hauptfigur schon, und die übernächste, eine Mitgliederoffensive, war in Planung. Schalke ließ Lastwagen mit Plakatwänden durch das Ruhrgebiet fahren. Die Route führte auch am Stadion des Erzrivalen Borussia Dortmund vorbei. „Julian Draxler. Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018“ lautet der Slogan. Und der Profi fühlt sich geehrt. „Es ist doch eine Auszeichnung, wenn der Verein sich freut, dass ich weiter für Schalke spiele.“

          Eine Werbeikone auf Abruf

          Die Kollegen wissen seine Dienste offenbar auch zu schätzen. Obwohl er noch so jung ist, gehört Draxler dem Mannschaftsrat an. Sein Wort hat Gewicht, nach innen wie nach außen. Die Prognose „bis 2018“ klingt allerdings übertrieben. Das weiß der Verein, das wissen die Fans, das weiß auch Draxler - und spricht es fast sogar offen aus. Jüngst sagte er, es sei „nicht in Stein gemeißelt“, dass er Schalke verlassen werde. Und fügte hinzu: „Ich habe immer gesagt, dass es mein Traum ist, auch mal bei einem der ganz großen Klubs in Europa zu spielen.“ Größer als Schalke, ein Klub, von dem Sportdirektor Horst Heldt behauptet, er sei auch sportlich vom Nachbarn und Bayern-Herausforderer Dortmund „nicht weit weg“. Ein Neunzehnjähriger, der gerade seinen Vertrag verlängert hat, bittet schon vor dem Anpfiff zur neuen Saison um Verständnis für seinen Wunsch, den (angeblichen) Klub seines Herzens zu verlassen, und beteuert, er habe „immer mit offenen Karten gespielt“. Auch das gehört nach fünfzig Jahren Bundesliga zum Geschäft.

          Menschen wie Draxler entspannen sich am besten, wenn sie das tun, was sie am besten können, auch wenn Millionen dabei zuschauen: Fußball spielen. Aber auch dieser junge Mann bekommt „einen höheren Pulsschlag“, wie er sagt, wenn europäische Spitzenklubs ihre Angebote unterbreiten. Wie lange geht das aus Sicht der Gelsenkirchener noch gut?

          Schalke und Draxler haben eine Transfersumme von 45,5 Millionen Euro vereinbart, für die der Nationalspieler den Verein vorzeitig wechseln kann. Horst Heldt hat deshalb einige Nächte nicht besonders gut schlafen können, die Ablöse sei wohl doch zu niedrig angesetzt, befürchtet der Sportdirektor. „Julian hat gesagt, so eine Summe sei utopisch. Jetzt ärgere ich mich, dass ich sie nicht noch höher angesetzt habe.“ Es ist eben auch und gerade im Fußball schwer, den fairen Wert, oder was der Handel dafür hält, zu ermitteln. So bleibt Draxler eine Nummer 10, ein Publikumsliebling, eine Werbeikone auf Abruf. Wie lange, weiß niemand.

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