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Schalke bei Fehnerbahce Istanbul : „Kratzen, beißen, Haareziehen“

  • -Aktualisiert am

Schalker Torjäger Bild: dpa/dpaweb

Die Fußballspieler des FC Schalke 04 machen sich nichts vor. Sie ahnen, was sie an diesem Mittwoch in der Champions League in Istanbul gegen den türkischen Meister Fenerbahce SK erwartet. „Das wird die Hölle“, sagt Torhüter Frank Rost.

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          Die Fußballspieler des FC Schalke 04 machen sich nichts vor. Sie ahnen, was sie an diesem Mittwoch in Istanbul gegen den türkischen Meister Fenerbahce SK erwartet. "Das wird die Hölle", sagt Torhüter Frank Rost. Dort, in der Hölle, sind Männer gefragt, die keine Angst haben; die dort hingehen, wo es weh tut, auch dem Gegner. Von dieser Sorte hat der Revierklub nicht allzu viele, wie die jüngste Bundesligapartie gegen Bayern München gezeigt hat. Ein Schalker Profi aber erfüllt das Anforderungsprofil für die harten, die schweren, zuweilen auch schmutzigen Spiele.

          Christian Poulsen, der Kämpfer im zentralen Mittelfeld, sieht aus, als könnte er kein Wässerchen trüben, niemandem etwas zuleide tun. Doch auf dem Rasen scheut er keine Konfrontation, und mancher Gegner wünscht ihn zur Hölle. Poulsen beherrscht das Repertoire aus der Abteilung "Kratzen, beißen, Haareziehen". Den Stars der Branche gibt der Vorarbeiter, der nicht immer ein Vorbild ist, mit seiner Körpersprache zu verstehen, daß er es jederzeit mit ihnen aufnehme, nach der Devise: Du bist vielleicht der bessere Fußballer, aber ich habe trotzdem keine Angst vor dir.

          Poulsens Aufgabe: Zerstörer

          Zuletzt ärgerte Poulsen die Spitzenkräfte des AC Mailand über das für sie erträgliche Maß hinaus. Beim 2:2 in Gelsenkirchen sah sich der brasilianische Genius Kaka von Poulsen in seiner Kunstfreiheit empfindlich gestört. Milan-Trainer Carlo Ancelotti schimpfte heftig über den kompromißlosen Kämpfer. "Poulsen ist ein Feigling, ein Spieler, der auf unfaire Weise angreift, wenn der Schiedsrichter es nicht sieht. Sein Spiel besteht aus Fouls, Angriffen und Provokationen."

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          Er schrecke nicht einmal davor zurück zu spucken. Poulsen begegnet solchen Anwürfen gelassen; so, als gälten sie nicht ihm, sondern jemand anderem. Wenn überhaupt, habe er "nur auf den Boden gespuckt". Der Fünfundzwanzigjährige nimmt seine Aufgabe als Zerstörer ernst, und er hat kein schlechtes Gewissen dabei. Was die Zweikämpfe im Mittelfeld angehe, könne er nur sagen: "So ist das immer." Daß gerade die Italiener sich derart über seinen Charakter ereifern, verwundert ein wenig. Kenner des dortigen Fußballs sagen, einer wie Poulsen würde mit seiner Art, zu spielen oder nicht zu spielen, gut in die Serie A passen.

          Selbstbehauptungswille am Rande der Legalität

          Viele Italiener nehmen es dem dänischen Nationalspieler immer noch übel, daß er ihren Regisseur Francesco Totti bei der Europameisterschaft 2004 dazu verleitet habe, die Benimmregeln vollends zu mißachten. Von Poulsen angeblich provoziert, hatte Totti den Dänen angespuckt und war dafür gesperrt worden, obwohl der Schiedsrichter es nicht gesehen hatte. Poulsen erinnert sich noch an den Vorfall, der zu den aufregendsten Szenen der EM gehörte. Wieder ist seine Sicht, im doppelten Sinne, eine ganz andere. Zum einen habe er nicht provoziert, zum anderen sei er nicht so ausgeglichen gewesen, wie es im Fernsehen gewirkt habe. "Ich war total sauer. Hätte ich aber eine Reaktion gezeigt, wäre ich vom Platz geflogen." Totti habe seine gerechte Strafe bekommen.

          Im internationalen Fußball hat Poulsen, oft am Rande der Legalität, einen Selbstbehauptungswillen gezeigt, der längst nicht allen Schalkern zu eigen ist. Diese Stärke hilft ihm auch im Gelsenkirchener Innenverhältnis. Vor der Saison lief er Gefahr, seinen Stammplatz zu verlieren; schon früher hatte er zuweilen auf die Position des rechten Verteidigers ausweichen müssen, um in der Mannschaft zu bleiben. Dann wechselte Nationalspieler Fabian Ernst aus Bremen nach Schalke, als Kandidat für das Zentrum des defensiven Mittelfeldes. Auch diesen Konkurrenten vermochte Poulsen auszustechen. Ernst wirkt seit seiner Ankunft im Ruhrgebiet ausgelaugt; zuletzt wich er auf den rechten Flügel aus. Aber nicht einmal als Randfigur im Mittelfeld kann er seiner Sache sicher sein. Es spricht einiges dafür, daß Trainer Ralf Rangnick gegen Fenerbahce den türkischen Nationalspieler Hamit Altintop für den formschwachen Ernst in die Mannschaft nimmt.

          „Glückwunsch, du bist ein Verrückter“

          Für Poulsen jedenfalls ist Fabian Ernst aktuell kein Konkurrent. Insofern ist es für den Dänen besser gelaufen, als er selbst angenommen haben mag. Die Gespräche über eine Verlängerung der Zusammenarbeit haben Poulsen und der Vorstand bis November vertagt. "Vielleicht hat Christian gedacht, wegen Ernst wird es schwer, in der Mannschaft zu bleiben", sagt Teammanager Andreas Müller. "Aber diese Bedenken sind vom Tisch. Ich hoffe, daß er bei uns bleibt." Als wollte er Werbung für den ungeliebten Kollegen machen, meldet sich, gegen den Trend, sogar ein Widerpart aus Italien. Gennaro Gattuso, ein Fußballprofi der rustikaleren Art, reichte Poulsen kürzlich die Hand und verabschiedete sich mit versöhnlichen Worten. "Glückwunsch, du bist ein Verrückter." Trainer Rangnick nahm es erfreut zur Kenntnis. "Da hat ein Verrückter dem anderen gratuliert."

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