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Schalke 04 zu Putin? : Schweinshaxen sind nicht mehr genug

Fleischunternehmer Tönnies: „Tage wie diese“ Bild: dpa

Wladimir Putin wünscht sich beim Aufsichtsratschef Tönnies einen Besuch des FC Schalke 04: Fans reagieren erbost. Der Ehrenrat ist eingeschaltet.

          Clemens Tönnies war in Sotschi vor drei Wochen, auf Olympiabesuch. Es hat ihm gut gefallen, im Österreich-Haus sang er an einem Abend Lieder der Toten Hosen und von Udo Jürgens, „Tage wie diese“, „Griechischer Wein“. Heitere Spiele für Clemens Tönnies, und als er nach Westfalen zurückkehrte, hatte er ein Mitbringsel für den FC Schalke 04 im Gepäck: Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, würde sich über einen Besuch der Profifußballspieler herzlich freuen. Die „Sport Bild“ zitierte Tönnies gar mit den Worten, ein Besuch sei Putins Wunsch.

          Der Aufsichtsratsvorsitzende des Bundesligaklubs versteht sich gut mit Putin, es ist noch keine zwei Jahre her, da gab er dem Kölner Boulevardblatt „Express“ ein Interview, in dem er seine Erkenntnis mitteilte, dass man mit dem russischen Präsidenten „Spaß haben“ könne. Er bringe Putin bei der Gelegenheit gerne Schweinshaxen fürs deftige Eisbein mit. Tönnies fühlt sich wohl bei den Russen und die Russen bei Schalke 04: Rund 15 Millionen Euro überweist Russlands größter Arbeitgeber, der Staatskonzern Gasprom, jährlich für das Privileg, auf den Trikots der Schalke-Kicker und der Fans werben zu dürfen. Das ist, jedenfalls in etwa, der Sockelbetrag, bei sportlichen Erfolgen, wie etwa der Qualifikation für die Champions League, gibt es noch etwas mehr.

          „Eine wirtschaftliche Waffe“

          Allein: Inzwischen hat Wladimir Putin das Völkerrecht gebrochen und die Krim de facto besetzen lassen. Bei den Schalker Fans kommt das nicht gut an, auch bei Roman Kolbe nicht. Kolbe ist Versicherungsmathematiker, also einer, der das logische Denken studiert hat. Und er hat Einfluss auf die Schalker Fanszene, denn er ist Redakteur der Fanzeitschrift „Schalke Unser“, nach eigenen Angaben mit 6000 Exemplaren das meistverkaufte Heft seiner Art in der Bundesliga. „Der Verein wird seit 2006 von Gasprom gesponsert“, sagt Kolbe, „die Verbindung hat mich von Anfang an unglaublich gestört. Gasprom ist kein Energielieferant wie jeder andere, sondern eine wirtschaftliche Waffe. Das sieht man jetzt.“

          Kolbe spricht über die Anhebung der Gaspreise, die das russische Staatsunternehmen nach dem politischen Umsturz in Kiew von der Ukraine verlangt. Und Kolbe wehrt sich gegen Putins Einladung. Er hat den Ehrenrat des FC Schalke angerufen, das Schlichtungsgremium des Vereins, in dem fünf Mitglieder unter Vorsitz des evangelischen Pastors Hans-Joachim Dohm Streitigkeiten klären. „Ich möchte eine öffentliche Erklärung“, sagt Roman Kolbe. „Ich möchte, dass der Verein sagt: Diese Einladung nehmen wir nicht an.“ Kolbes Brief steht auch auf der Seite des Fanforums Schalkermarkt.de.

          Wer Hans-Joachim Dohm nach seiner Meinung als Pastor zu Wladimir Putin und Gasprom als Schalke-Sponsor fragt, bekommt keine Antwort. „Was ich privat denke, ist unerheblich. Sie haben mich als Ehrenratsvorsitzenden angerufen, wenn ich mich dazu äußerte, würde ich mich auf die Bahn der Voreingenommenheit begeben. Wir halten in aller Ruhe und Sachlichkeit den Verfahrensweg ein.“

          Dieser Weg sieht vor, dass die Beteiligten zur Einladung des russischen Präsidenten angehört werden. Nach der Lage der Dinge müssten das also Tönnies und Kolbe sein, der eine als Überbringer von Putins Botschaft, der andere als derjenige, der daran Anstoß nimmt. Dohm hat seine vier Ehrenratsbeisitzer informiert, der Verfahrensweg schreibt die Einhaltung einer Zweiwochenfrist vor, nach dem Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale bei Real Madrid am 18. März will sich der FC Schalke also offiziell zum ersten Mal mit seinen heiklen Verbindungen mit dem Kreml auseinandersetzen.

          Schalke-Spieler in Gasprom-Trikots: Erfolgsprämien

          Roman Kolbe hat nicht viel Hoffnung, dass sein Ansinnen Erfolg hat. Aber er fordert, dass sich der FC Schalke, seine Fans und sein Vorstand damit auseinandersetzen, von wem das Geld kommt, mit dem der Profikader finanziert wird. „Ich will weder als Nestbeschmutzer hingestellt werden noch als Tagträumer. Nur: Diesen Diskurs gab es bei uns bislang nicht. Vom Verein heißt es: Wir haben einen Sponsor, fertig, aus. Natürlich ist die Relevanz jetzt, angesichts der russischen Aggression, besonders hoch. Aber das ist ein generelles Thema, dazu muss man eine Meinung haben.“

          Tönnies hat dazu eine Meinung. Er sagte der „WAZ“: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das eine ist ein politisches Problem, das andere ist eine wirtschaftliche Beziehung, wie es viele andere zwischen deutschen und russischen Unternehmen gibt.“

          Präsident Putin: Königsblauer Wunsch

          Kolbe ist von Aussagen wie dieser zunehmend genervt: „Ich habe den Eindruck, er ist zum persönlichen Sprachrohr Putins mutiert. Das liegt an der persönlichen Beziehung. Ich glaube nicht, dass andere in diesem Verein diese Nähe suchen.“ Auf der nächsten Jahreshauptversammlung Anfang Mai wird über den Antrag entschieden, die Satzung des FC Schalke 04 zu ändern. Dann soll darin aufgenommen werden, dass sich der Verein gegen Homophobie ausspricht. „Das geht durch“, sagt Kolbe. „Ich frage mich: Wieso haben wir dann einen Sponsor, der dem russischen Staat gehört, in dem Herr Putin Gesetze gegen Schwule erlässt?“

          Die Erklärung wird Clemens Tönnies liefern können. Seine Firma „Tönnies-Fleisch“ investiert derzeit in der Region Woronesch: Fünf Schweineverarbeitungsstätten, Investitionsvolumen 200 Millionen Euro, die erste Anlage soll in diesem Jahr in Betrieb gehen und zunächst rund 300 Schweine pro Stunde verarbeiten. Am Wochenende bestätigte eine Sprecherin der Schalker, was Vorstand Horst Heldt schon am Donnerstag gesagt hatte: „Es gibt keine Reisepläne.“ Kann sein, dass Clemens Tönnies demnächst Wladimir Putin enttäuschen muss.

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