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Schalke 04 : Reck darf auch einmal Slomka sein

  • -Aktualisiert am

„Erster oder Zweiter” will Slomka mit Schalke in der Gruppenphase werden Bild: dpa

Die Champions League beginnt für Mirko Slomka auf der Tribüne. Dort muss Schalkes Trainer wegen einer Uefa-Sperre das Spiel gegen den FC Valencia verfolgen. Auf der Bank sitzt Oliver Reck, der einst mit Slomka um den Trainerposten der Schalker konkurrierte.

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          Wenn der Fußball-Lehrer Mirko Slomka zu einem Karrieresprung ansetzt, haben die Umstände zuweilen etwas Legendenhaftes an sich. Wie etwa in jener Januarnacht vor zwanzig Monaten. Der damalige Assistenztrainer Slomka war in die Geschäftsstelle des FC Schalke 04 geladen und kam viel zu spät, weil er auf der Autobahn festsaß. Ein Lastwagen mit Jauche war umgekippt und hielt den Verkehr auf. Slomka konnte er nicht aufhalten. Als die Aufräumarbeiten es zuließen, setzte er die Fahrt fort und traf tief in der Nacht in Gelsenkirchen ein - in der festen Erwartung, entlassen zu werden wie ein paar Wochen zuvor sein Chef und damaliger Förderer Ralf Rangnick.

          Zur Verblüffung aller wurde Slomka in jener Nacht zum Cheftrainer befördert und zu einer "der bizarrsten Figuren auf deutschen Trainerbänken", wie die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb. Am nächsten Morgen gab sogar Rudi Assauer, zu dieser Zeit noch Manager des Klubs, zu Protokoll: "Auf die Idee Mirko Slomka wäre ich nie gekommen." Andreas Müller, damals Assauers rechte Hand, hatte seinen Kandidaten im Vorstand durchgesetzt. Viele Fachleute trauten den beiden Assistenten nicht viel zu. Dem Aufstieg Slomkas werde bald ein Abstieg folgen, und das wiederum werde auf Müller zurückfallen, lautete eine weitverbreitete Meinung in der Bundesliga. International war die Personalie zu unbedeutend, um kommentiert zu werden. Es kam anders.

          Schiedsrichter Gonzalez fühlte sich bedroht

          Beide Assistenten mutierten zu Chefs. An diesem Dienstag feiern sie in verantwortlicher Position ihre Premiere in der Champions League. Gemeinsam und doch jeder für sich. Müller wird beim Heimspiel gegen den FC Valencia seinen Stammplatz auf der Bank einnehmen, aber anders als sonst wird Slomka nicht neben ihm sitzen.

          Wieder wird der Trainer auf ungewöhnliche Art einen neuen Abschnitt seines Berufslebens beginnen. Wenn Schalke versucht, endlich einmal erfolgreich in die Königsklasse zu starten, ist für ihn nur ein Platz auf der Tribüne reserviert. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hat Slomka für ein Spiel gesperrt - Spätfolge eines Vergehens aus der ersten und für Schalke letzten Uefa-Pokalrunde der vergangenen Saison. In Nancy hatte der Trainer aus schlechter Gewohnheit so heftig mit den Armen gerudert, dass sich der spanische Schiedsrichter Gonzalez bedroht fühlte und einen Vermerk ins Protokoll nahm, der die Sperre nach sich zog. "Das ist sehr bedauerlich, schließlich wäre es für mich das erste Champions-League-Spiel als Cheftrainer gewesen", sagt Slomka.

          „Volles Vertrauen in den Trainerstab“

          Noch ein Kuriosum: Den freien Platz auf der Bank nimmt Oliver Reck ein: der Kollege, der im Bewerbungsverfahren mit Slomka konkurrierte und in der Übergangsphase sogar für ein Spiel (0:2 in Stuttgart) die Verantwortung getragen hatte. Anders als der mäßig begabte Amateurfußballer Slomka konnte Reck den Stallgeruch eines erfolgreichen und erfahrenen Bundesligaprofis vorweisen, mit meisterlichen Weihen aus Bremen und mit der emotional wichtigen Station Schalke. Aber die Wahl fiel in jener Nacht auf den Mann, der zuvor weder als Spieler noch als Trainer einem größeren Publikum aufgefallen war. Inzwischen hat Slomka Großes vor. "Wir wollen als Erster oder Zweiter aus der Gruppenphase hervortreten", sagt er. Seine Vorgänger Stevens und Rangnick hatten, jeweils nach schwachem Start, das Achtelfinale verpasst. "Wenn wir diesmal eine Chance haben wollen, wäre ein Auftakterfolg gegen Valencia sehr wichtig", sagt Slomka.

          Es mag eine weitere ironische Note in seinem Werdegang sein, dass er sich bei seiner ersten selbstverdienten Champions-League-Teilnahme vom ehemaligen Mitbewerber Reck vertreten lassen muss. Aber er geht professionell damit um. "Ich habe volles Vertrauen in den Trainerstab. Meine Kollegen können das genauso gut wie ich", sagt der verhinderte Chef. Die Strategie sei ohnehin ein Gemeinschaftswerk. Mit seinem Team habe er alle möglichen Szenarien erörtert, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. "Man kann vieles absprechen, aber nicht alles." Elektronische Spickzettel hält Slomka nicht für nötig. Reck brauche keine Kurznachrichten per SMS. Er wisse schon, was er zu tun habe.

          Laut Reglement ist diese Art der Kommunikation dem gesperrten Trainer ohnehin verboten; ebenso wie der Aufenthalt in der Kabine oder im Innenraum ab dreißig Minuten vor dem Anpfiff. Spätestens dann wird Slomka optisch und phonetisch die Sichtweise der Basis kennenlernen. Eine Perspektive, die sich von der Tribüne aus besser erschließt als von der Bank. "Wir spielen zu Hause und werden von unseren Fans getrieben", sagt er. Das sollte man zu genießen versuchen, auch als Schalker Trainer.

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