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Schadensersatz nach Foulspiel : Auswirkungen für den ganzen Fußball?

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Foulspiel um Fußball: Verstoß gegen die DFB-Fußballregel Nummer zwölf Bild: dpa

Die Spielergewerkschaft VdV begrüßt das Schmerzensgeldurteil des Oberlandesgerichts Hamm. Nach Auffassung von DFB-Vizepräsident Rothmund hat der Richterspruch weitreichende Konsequenzen. Andere Experten sehen dies allerdings nicht so.

          Grobe Fouls im Fußball können nach einem richtungweisenden Urteil drastische finanzielle Konsequenzen für die Übeltäter haben. „Das hat Auswirkungen für den ganzen Fußball, aber es betrifft natürlich besonders den Amateurbereich und die Schiedsrichter“, kommentierte DFB-Vizepräsident Karl Rothmund den bemerkenswerten Spruch des Oberlandesgerichts Hamm: 50.000 Euro Schmerzensgeld muss ein Kreisliga-Fußballer zahlen, weil er seinen Gegenspieler so schwer verletzt hatte, dass dieser seinen Beruf nicht mehr ausüben kann.

          Sportanwalt Christoph Schickhardt sieht in dem Urteil hingegen keine Auswirkungen auf den Profifußball. „Da gibt es keine Prozessflut“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag. „Diese Rechtsprechung, die bereits vom Bundesgerichtshof in den 80er-Jahren entwickelt worden ist, ist völlig anerkannt und unbestritten.“ Sie gelte für alle sogenannte „Kampfsportarten“. Das jetzige Urteil sei „gar nix Neues“, meinte Schickhardt. Im Profibereich würden mitunter Krankenkassen, die die Gehälter von verletzten Spielern weiterbezahlen, Ansprüche an den Verursacher von schweren Verletzungen geltend machen - „in Zeiten klammer Kassen immer öfter“. Es sei jedoch relativ selten, dass dies mit Erfolg geschehe.

          Auch Rainer Koch, der für Rechts- und Satzungsfragen zuständige Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), findet zunächst „keinen neuen Aspekt“, sagte aber auch: „Angesichts der Höhe des zugesprochenen Schmerzensgeldes wird man das Urteil des Oberlandesgerichts Hamm genau analysieren müssen.“ Die Fußballergewerkschaft VdV heißt das Urteil jedenfalls gut. „Das ist in Ordnung, wenngleich 50.000 Euro eine Menge Holz für den Betroffenen sind“, meinte VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. „Aber in der Tat ist der Fußballplatz kein rechtsfreier Raum“, ergänzte er.

          Je tiefer das Niveau, desto brutaler die Fouls

          Rothmund sagte: „Die besonders brutalen Fouls passieren nach unserer Erfahrung oft in den unteren Spielklassen.“ Weil es in diesen Ligen oft sehr große Beweisschwierigkeiten gebe, käme es da „immer mal wieder zu Prozessen wie jetzt in Hamm“, meinte Schickhardt.

          Einen bemerkenswerten Fall in der Bundesliga hatte es 1987 gegeben. Der Kölner Torwart Bodo Illgner hatte den Stuttgarter Karl Allgöwer in einem Spiel gerammt und ihm dabei einen Sehnenabriss in der Schulter zugefügt. Die Nationalspieler einigten sich außergerichtlich, Illgner zahlte rund 7500 Euro Schadenersatz. Allgöwer wurde damals von Schickhardt vertreten.

          Im wohl spektakulärsten Fall von 1981 zwischen Norbert Siegmann und Ewald Lienen, dem der rechte Oberschenkel aufgeschlitzt wurde, gab es übrigens keinen Prozess, weil es sich nach allgemeiner Auffassung lediglich um ein „unglückliches“ Foul handelte.

          Wie den Vorsatz nachweisen?

          Es gibt ein Grundproblem, speziell bei zivilrechtlichen Verfahren: Wie soll bei groben Fouls mit schweren Verletzungsfolgen für den Gefoulten der Vorsatz des Foulenden bewiesen werden? Der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner sagt, ein Schiedsrichterpfiff entscheide nicht über einen Rechtsanspruch. Klar ist für Lehner eines: „Die sogenannte Blutgrätsche im Fußball ist vorsätzliche Körperverletzung.“

          Der Jurist sagte, es „könnte“ eine Zahlung vom Verursacher des Regelverstoßes fällig werden. Bei rücksichtslosen Fouls, die schwere Verletzungen nach sich zögen, müssten Fußballer mit solchen Urteilen rechnen, meinte VdV-Justiziar Frank Rybak.

          Das Gericht hatte am Montag dem klagenden Fußballer 50.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Er war bei einem Kreisligaspiel von seinem Konkurrenten so schwer am Knie verletzt worden, dass er seinen Beruf als Maler und Lackierer auch gut zweieinhalb Jahre nach dem Foul nicht mehr ausüben kann.

          Im August war der ehemalige Bochumer Fußballprofi Matias Concha mit einer Klage gegen seinen früheren Gegenspieler Macchambes Younga-Mouhani von Union Berlin vor dem Landgericht gescheitert. Concha hatte sich im Spiel beim 1. FC Union am 6. Dezember 2010 bei einem Zusammenprall mit Younga-Mouhani das Schien- und Wadenbein gebrochen und seinen Gegenspieler auf bis zu 200.000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Rybak schränkte grundsätzlich ein, dass Fußballer bereits beim Betreten des Platzes mit Verletzungen rechnen müssten. Schwierig sei es bei anschließenden Zivilklagen, den Foulenden der Vorsätzlichkeit zu überführen. Für Lehner wären bei „versteckten“ Regelwidrigkeiten mit Verletzungsfolgen Filmaufnahmen oder Zeugenaussagen eine konkrete Hilfe bei der Beweisaufnahme.

          Az.: I-6 U 241/11

          Fußballspieler müssen bei rücksichtslosen Fouls für dabei entstehende Verletzungen haften. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm hervor. Im konkreten Fall hatte sich der Kläger bei einem Kreisliga-Spiel so schwer am Knie verletzt, dass er seinen Beruf als Maler und Lackierer auch gut zweieinhalb Jahre danach nicht mehr ausüben kann. Das Oberlandesgericht bestätigte nun das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Dortmund, wonach der beklagte Spieler unter anderem 50.000 Euro Schmerzensgeld zahlen muss. Ein Fußballspieler hafte zwar nicht, wenn er seinen Gegenspieler bei regelgerechter und dem Fairness-Gebot entsprechender Spielweise verletze. Im vorliegenden Fall aber hafte der Beklagte, weil er unter Verstoß gegen die DFB-Fußballregel Nummer zwölf („Verbotenes Spiel und sportliches Betragen“) rücksichtslos gehandelt habe (Urteil vom 22.10.2012; Az.: I-6 U 241/11).

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