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Schachtjor Donezk : Brasilianische Künstlerkolonie

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So viel Spaß: Willian (r.) und Darijo Srna beim Sieg gegen Rom Bild: REUTERS

Der Name Schachtjor Donezk hat noch immer keinen guten Klang - trotz des Uefa-Cups-Siegs vor zwei Jahren. Doch Trainer Lucescu spricht vom „brasilianischsten Team“ des Kontinents. Und der Meister der Ukraine weiß, wie der FC Barcelona zu besiegen ist.

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          Hellauf begeistert waren sie beim FC Barcelona nicht, als ihnen folgendes Los beschert wurde: Schachtjor Donezk. Der fünfmalige ukrainische Fußballmeister prüft an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) im Viertelfinalhinspiel der Champions League die wohl beste Mannschaft der Welt im Camp Nou - und das im vollen Bewusstsein der eigenen Stärke. Mag der Champion aus der ostukrainischen Bergbau- und Schwerindustriekapitale auch erstmals zum handverlesenen Kreis der acht besten europäischen Teams gehören, so gilt das Aufgebot des rumänischen Trainers Mircea Lucescu doch spätestens seit dem Mai 2009 als eine der besseren und dennoch immer wieder unterschätzten Adressen des kontinentalen Vereinsspitzenfußballs.

          Damals gewann Schachtjor mit einem 2:1 nach Verlängerung über Werder Bremen das letzte Uefa-Pokalfinale, und seitdem glänzen Lucescus Stars noch heller als zuvor. „Im Augenblick“, sagt der 65 Jahre alte Coach, der zuvor unter anderem bei Inter Mailand und Galatasaray Istanbul beschäftigt war, „ist Schachtjor das brasilianischste Team in ganz Europa.“

          Und was für eins: Fernandinho, Jádson, Luiz Adriano, Willian, Douglas Costa und Alex Teixeira sind von Lucescu, der seit 2004 für den Verein des schwerreichen ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow arbeitet, zu international begehrten Profis aus- und weitergebildet worden. Gegen die Zauberkünstler und Teamarbeiter des FC Barcelona hat Schachtjor Donezk schon bei zwei Champions-League-Gelegenheiten 2004 und 2008 gewonnen.

          Schachtjors größter Aufbauhelfer: Mircea Lucescu

          Voller Respekt sagt Pep Guardiola, der Coach des Champions-League-Gewinners von 2009, über den Viertelfinalgegner: „Die brasilianischen Spieler von Schachtjor sind sehr gut. Donezk hat in dieser internationalen Saison nur gegen Arsenal in London verloren - und die acht übrigen Spiele gewonnen. Nach Punkten gerechnet, wären sie damit bisher führend in der Champions League.“ Dass Schachtjor Donezk, der Klub mit dem meisten Geld im Land, dazu die heimische Premier Liga mit großem Vorsprung vor Rekordmeister Dynamo Kiew anführt, versteht sich momentan von selbst.

          Nicht allein auf Eleganz und Schönheit verlassen

          Donezk do Brasil - das klingt pittoresk und ist es auch in einer Arbeiterstadt, deren führender Fußballklub so etwas wie das Schalke des Ostens ist. Schachtjor (zu Deutsch: Bergmann) aber pflegt keineswegs einen Stil, der allein auf Eleganz und Schönheit des Spiels setzte. Die Brasilianer stellen zwar die Künstlerkolonie, doch um sie herum kämpfen vor allem in der Defensivzone auch Haudegen wie der 24 Jahre alte Ukrainer Dmytro Chygrynskiy, der 2009 für eine Ablöse von 25 Millionen Euro zum FC Barcelona wechselte und 2010 gegen eine Transferentschädigung von 15 Millionen Euro wieder nach Donezk heimkehrte.

          Dazu bereichern europäische Größen wie der in Brasilien geborene und für Kroatien stürmende Angreifer Eduardo oder dessen Landsmann Darijo Srna eine Mannschaft, die sperrig und kreativ zugleich ist und zuletzt im Champions-League-Achtelfinale nicht viel Federlesens mit dem AS Rom machte: Einem 3:2-Erfolg in der italienischen Hauptstadt folgte ein glattes 3:0 daheim in der hochmodernen, 50.000 Zuschauern Platz bietenden Donbass-Arena, in der 2012 eine Reihe von Europameisterschaftsspielen, darunter ein Halbfinale, stattfinden werden.

          Der Jugend eine große Chance

          Lucescu ist Schachtjors größter Aufbauhelfer. Er hat die Brasilianer in deren Heimatland verpflichtet und dafür gesorgt, dass sie im kalten ukrainischen Herbst und Vorfrühling fußballerisch auf einer hohen Betriebstemperatur blieben, er hat auch Wert darauf gelegt, dass in seinem Klub der Jugend eine große Chance gegeben wird. Ähnlich wie Jürgen Klopp, der Trainer des jugendbewegten Bundesliga-Tabellenführers Borussia Dortmund, hat Lucescu mit der jüngsten Elf aller acht Champions-League-Viertelfinalisten schon große Erfolge gefeiert.

          Ob die Traumreise weitergeht, ist angesichts des Gegners an diesem Mittwoch und (beim Rückspiel) am kommenden Dienstag mehr als ungewiss. Bei Schachtjor weiß man zumindest, wie man Weltgrößen wie Messi, Xavi, Iniesta, Alves oder Piqué beikommen kann - und bei Barca ahnt man, dass die Duelle mit dem Favoritenschreck schwerer als so mancher Zweikampf mit einem etablierten Schwergewicht des europäischen Fußballs werden könnten. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für zwei große Fußballabende im Camp Nou und in der Donbass-Arena.

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