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SC Freiburg : Gallisches Dorf ohne Zaubertrank

Der Asterix von Freiburg: Demba Papiss Cissés Tore sind der GRundstein des Erfolgs Bild: imago sportfotodienst

Die Erfolgsgeschichte des SC Freiburg ist erklärbar und bleibt doch erstaunlich. Aber die Macher des Aufschwungs warnen: Ohne neues Stadion wird der Klub auf Dauer nicht erstklassigen Fußball wie an diesem Samstag gegen Wolfsburg bieten können.

          4 Min.

          Der FC Chelsea steht eigentlich nicht im Verdacht, eine Bezugsgröße für den SC Freiburg zu sein. Dass sich neuerdings dennoch einige Blicke aus dem Breisgau auf London richten, hat mit einer Besonderheit zu tun, die der kleine badische Bundesligaverein und der Weltklub aus der Premier League teilen: Ihre Stadien sind nicht gemacht für die große Fußballbühne – der Platz ist hier wie dort ein paar Meter zu kurz. Chelsea, so hat man dieser Tage in Freiburg mit Interesse vernommen, bestreitet seine Champions-League-Heimspiele an der Stamford Bridge mit einer Ausnahmegenehmigung. Vielleicht braucht man so etwas demnächst ja beim Sportclub auch: für die kommende Saison in der Europa League.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Ginge in dieser Spielzeit alles seinen gewohnten Gang, wäre nicht nur Chelsea Lichtjahre entfernt. Auch der VfL Wolfsburg, der Gegner an diesem Samstag, müsste eine unerreichbare Größe sein. Rund 39 Millionen Euro haben die Niedersachsen dank der Alimentierung durch den VW-Konzern vor der Saison in neue Spieler investiert. In Freiburg war es nicht einmal eine Million, die Sportchef Dirk Dufner zur Verfügung stand. „Manchmal ist es schon brutal wenig“, sagt er. Aber der Klub hat in den vergangenen Jahren eine Meisterschaft darin entwickelt, aus wenig viel zu machen. Elf Punkte liegt der SC Freiburg derzeit vor dem VfL – da darf man sich schon an der eigenen Arbeit erfreuen. „Es macht ja auch ein Stück weit Spaß und ist eine Herausforderung“, sagt Dufner, „wenn man mit einem kleinen Etat erfolgreich sein kann.“

          Auch wenn die Freiburger das selbst so nie sagen würden – dass es so gut läuft, hat viel mit dem zu tun, was Wolfsburg alles nicht hat: Kontinuität in der Führung (Dufner und Trainer Robin Dutt sind seit knapp vier Jahren in Freiburg), hohe Identifikation (Dufner stand einst selbst als Fan mit Dauerkarte auf der Tribüne), eine ertragreiche Jugendarbeit (sieben Spieler im Kader haben die eigene Fußballschule durchlaufen), ein gesundes Klima im Team (darauf legen Dutt und Dufner besonderen Wert). Selbst die geographische Randlage hat der Klub in einen Standortvorteil umdeuten können: Die Nähe zu Frankreich ermöglicht es französischsprachigen Spielern, dort zu leben, was bei schulpflichtigen Kindern schon mal ein Pluspunkt sein kann.

          Kein Miraculix: Robin Dutt coacht Freiburg ohne Zaubertrank
          Kein Miraculix: Robin Dutt coacht Freiburg ohne Zaubertrank : Bild: dapd

          „Geld ist nicht so erfolgreich wie Papiss auf dem Spielfeld“

          Vielleicht ist es aber vor allem der Blick für die Details, den die Freiburger manchem Konkurrenten voraus haben. Wer mit einem der schmalsten Etats bestehen will, muss zwangsläufig genauer hinschauen als andere, gerade wenn es um die Zusammenstellung des Kaders geht. Die Freiburger Nische, das sind zum einen aufstrebende Talente wie Oliver Baumann, Felix Bastians oder Johannes Flum, zum anderen erfahrenere Profis, die, wie Dutt sagt, anderswo „auf Hürden stoßen, die sie nicht überspringen können“ – Jan Rosenthal zum Beispiel, Maximilian Nicu oder der im Januar vom FC Schalke geholte Erik Jendrisek.

          Besonders genau hingesehen haben die Freiburger bekanntlich bei einem Mann, der bis vor gut einem Jahr in der zweiten französischen Liga sein Geld verdiente: Papiss Demba Cissé. In Frankreich, sagt Dufner, wundere man sich noch heute, dass niemand anderes dessen Klasse erkannte.

          Nachdem Cissé sich in der Hinrunde als einer der besten Bundesliga-Stürmer entpuppte, wurde auch Wolfsburg auf ihn aufmerksam. Doch selbst zwölf Millionen Euro – so viel, wie der Unterhalt des ganzen Freiburger Kaders in dieser Saison kostet – waren kein Argument, den Mann, der nun 15 Tore auf dem Konto hat, ziehen zu lassen. „Das Geld auf dem Konto ist nicht so erfolgreich wie Papiss auf dem Spielfeld“, sagt Dutt. „Wir wollen nicht während der Saison zwei Schritte zurück machen müssen.“

          Wachsende Begehrlichkeiten

          So viel Wehrhaftigkeit ist selten, wenn Männer wie Dieter Hoeneß mit den Millionen vor der Tür stehen. Ist Freiburg also so etwas wie das gallische Dorf der Liga? Dem Führungsduo gefällt das Bild nicht so gut. Er habe die Asterix-Hefte früher „verschlungen“, sagt Dutt. „Aber der Erfolg des gallischen Dorfes gründet ganz klar auf dem Zaubertrank. Und so etwas haben wir nicht – weder als Getränk noch finanziell.“ Dufner wiederum weist darauf hin, dass Freiburg bei weitem nicht der einzige Klub sei, der sich der stärkeren Konkurrenz erwehren müsse.

          Die Frage, die sich beide stellen, ist: Wie lange kann das Ganze so erfreulich weitergehen? Unter den aktuellen Bedingungen womöglich nicht mehr lange. Da sind zum einen die üblichen Begehrlichkeiten, die den Erfolg begleiten. Kapitän Heiko Butscher beklagte sich jüngst öffentlich über das neue Vertragsangebot – so etwas sieht die Führung schon wegen der Signalwirkung nicht gern. Butscher verlängerte am Freitag, so wie andere Stammspieler vor ihm auch.

          Problem Stadion

          Doch das eine oder andere Angebot wird kommen, und es ist kein Geheimnis, dass auch über Cissé im Sommer noch einmal neu (und dann womöglich mit anderem Ergebnis) nachgedacht werden wird. Vielleicht muss Dufner sogar mit Dutt, dem er freundschaftlich verbunden ist, in Verhandlungen treten. Der Trainer hat zwar noch einen Vertrag bis 2012, gilt aber längst auch als Kandidat bei Branchengrößen wie Leverkusen, wo noch nicht klar ist, ob Jupp Heynckes nach dieser Saison weitermacht. „Er ist ein Trainer für eine große Mannschaft“, sagt Dufner über Dutt und fügt – gewiss auch im eigenen Interesse – hinzu: „Irgendwann mal.“

          Vor allem aber weiß man auch in Freiburg, dass auf lange Sicht die wirtschaftlichen Realitäten wieder an Macht gewinnen werden. Und da, so glauben Dutt und Dufner, wird der Verein sehr schnell den Anschluss verlieren, wenn er nicht bald eine neue Arena baut.

          Das Vorbild Mainz enteilt

          Dutts Bemerkung, mit dem (städtischen) Stadion an der Dreisam, das über keine Logen, wenig Komfort und eine schlechte Verkehrsanbindung verfügt, sei man „nicht mehr lange in der ersten Liga, und in zehn Jahren auch nicht mehr in der zweiten“, provozierte beim grünen Bürgermeister Dieter Salomon eine gereizte Antwort: „Wer viel Ahnung vom Fußball hat, muss nicht unbedingt viel Ahnung von allem anderen haben.“

          Inzwischen, heißt es, rede man wieder sachlich miteinander. Und gewiss spielt dabei auch ein Beispiel eine Rolle, das nicht ganz so fern liegt wie London: Mainz 05 kalkuliert mit Mehreinnahmen von acht bis zehn Millionen Euro jährlich, wenn er im Sommer sein neues Stadion bezieht – eine Menge Geld, auch wenn längst nicht alles in den Profietat fließen wird. „Mainz“, sagt Dufner, „ist ein Verein, der vor kurzem noch auf unserem Niveau war.“ Im kommenden Jahr wird das schon nicht mehr so sein.

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