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Sapina, Mafia und Zocker aus Asien : Eine Reise in die Welt der Wettbetrüger

Wer den Fußball liebt, darf dieses Buch nicht lesen - oder muss es erst recht Bild: Murmann Verlag

Für Ante Sapina beginnt vor dem Bochumer Landgericht das „Rückspiel“ im Verfahren um den Wettskandal. Benjamin Best beschreibt in seinem Buch die Hilflosigkeit von Strafverfolgern und Verbänden.

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          Es ist gewissermaßen das Rückspiel, das für Ante Sapina vor dem Bochumer Landgericht an diesem Mittwoch begonnen hat. Das Verfahren um den Wettskandal aus den Jahren 2008 und 2009 muss in Teilen neu verhandelt werden, der Bundesgerichtshof (BGH) hatte den Revisionen gegen das Urteil aus dem Mai 2011 teilweise stattgegeben und zur Neuverhandlung nach Bochum zurückverwiesen.

          Sapina war vor zweieinhalb Jahren in Bochum zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden, jetzt hofft er auf Strafmilderung. Der BGH will vom Bochumer Landgericht überprüft wissen, ob Sapina, sein Kompagnon Marijo Cvrtak und ihre Helfer und Helfershelfer nicht doch als Bande im juristischen Sinne agierten, ob Sapinas Geständnis sich nicht stärker strafmildernd auswirken müsste und wie hoch der tatsächliche Schaden war, der den Wettanbietern durch die Absprachen entstanden ist.

          Ende Januar soll neu geurteilt werden, bis dahin wird sein Name wieder mit dem Zusatz „Deutschlands bekanntester Wettbetrüger“ versehen werden, dem Zusatz, den der mittlerweile 37 Jahre alte Berliner nun schon knapp zehn Jahre mit sich herum trägt. Wie Sapina zum Inbegriff des Wettbetrügers hierzulande wurde, erzählt der Journalist Benjamin Best in seinem Buch „Der gekaufte Fußball – Manipulierte Spiele und betrogene Fans“ noch einmal: Vom Jungen, der von der Wettleidenschaft gepackt wurde, der schnell die Möglichkeiten des Internets begriff, von Sapinas maßgeblicher Rolle im sogenannten „Hoyzer-Skandal“, für die er das erste Mal ins Gefängnis musste und vom immer professioneller werdenden Betrug, nachdem er 2008 wieder auf freiem Fuß war.

          Sapina und sein Kompagnon Marijo Cvrtak hatten mit ihrem Netzwerk aus Zockern und Fußballspielern Dutzende Fußballspiele in ganz Europa manipuliert und zu manipulieren versucht. Der Bochumer Staatsanwalt Andreas Bachmann nannte sie einst die „Spitze des Eisbergs“, inzwischen, sagt Bachmann, wisse er, dass es „viele Eisberge in der Welt gibt“. Denn die Versuchung mit dem Geschäftsmodell Wettbetrug reich zu werden, ist offenkundig groß.

          Rückspiel vor Gericht: Ante Sapina in Bochum
          Rückspiel vor Gericht: Ante Sapina in Bochum : Bild: dpa

          Best geht es in seinem Buch vor allem um die Hilflosigkeit der Funktionäre und der Strafverfolger gegenüber diesem attraktiven Geschäftsmodell. Er kennt die Szene aus jahrelanger Recherche, er zitiert aus Cvrtaks Vernehmungsprotokollen, er hat mit einem Matchfixer in Singapur gesprochen und mit einem italienischen Torwart, der einst U-19-Europameister wurde, schließlich in der dritten Liga landete und bis heute bestreitet, seinen Mitspielern in Cremonese Schlafmittel untergemischt zu haben, damit sie ein Spiel verlieren.

          Best schildert seine Gespräche mit Strafverfolgern, Verbandsermittlern und Mafia-Paten, er zeichnet nach, warum der Wettbetrug für die organisierte Kriminalität so reizvoll ist: Hohe Rendite, niedriges Aufdeckungsrisiko, geringe Strafen, eine nahezu perfektes Waschmaschine für verbrecherisch erlangtes Geld. Dabei springt er zwischen Singapur und Italien, von Finnland nach Österreich, schaut zum Tennis und zum Basketball in die NBA und vom Bundesliga-Skandal über die Schande von Gijon bei der Fußball-WM 1982 in die Bochumer Ermittlungen gegen Sapina und Cvrtak.

          Verdachtsfall folgt auf Verdachtsfall

          Das ist beinahe zu viel, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen, beschreibt aber so auch treffend die wüste Struktur zwischen Internet, Zockerhöhle, europäischem Fußball- und asiatischem Finanzplatz, in der die Hybridstraftat Wettbetrug prosperiert: Verdachtsfall folgt auf Verdachtsfall, Strafverfolger in ganz Europa sind mit den Zockern beschäftigt und schauen doch immer wieder hilflos nach Fernost.

          So lesen sich allein die Schlagzeilen der vergangenen zwei Wochen wie geeignete Fortsetzungskapitel: neuerliche Verdachtsfälle im inzwischen notorisch verdächtigen österreichischen Fußball machten Schlagzeilen, vergangene Woche dann schrieb der Londoner „Telegraph“ über die Nacht, in der auf den asiatischen Wettmärkten mehr Geld auf ein Spiel des Billericay Town Football Club aus der Grafschaft Essex gesetzt wurde als auf das Spiel des FC Barcelona in der Champions League. Wer das Milieu lieber am Einzelfall studiert, dem bleibt der Besuch im Gerichtssaal. Seit diesem Mittwoch auch wieder in Bochum.

          Benjamin Best: Der gekaufte Fußball - Manipulierte Spiele und betrogene Fans.
          Murmann Verlag, 240 Seiten, 19,90 Euro.

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