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Russischer Fußball : Gefährliches Finale

Präsident als Fan verkleidet: Ramsan Kadyrow Bild: dpa

Das Endspiel um den russischen Pokal zwischen ZSKA Moskau und Anschi Machatschkala in der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj weckt nationalistische Leidenschaften.

          3 Min.

          ZSKA Moskau hat am kommenden Wochenende die Chance, zum sechsten Mal in seiner Vereinsgeschichte das Double aus Meisterschaft und Pokal zu gewinnen. Doch vor dem Finale haben Fanclubs des neuen russischen Fußball-Meisters zu einem Boykott des Spiels aufgerufen, weil es in der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj stattfinden wird. Dort „schlagen einheimische Schiedsrichter und Mitarbeiter der Sicherheitskräfte Fußballspieler, und das Republikoberhaupt lässt sich öffentlich zu Beleidigungen hinreißen, was er hinterher noch mit Stolz in den sozialen Netzen verkündet“, heißt es in dem Aufruf zur Begründung.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Diese Vorwürfe stimmen - es geht um Ereignisse der vergangenen zwei Monate. Im März beschimpfte der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow den Schiedsrichter per Stadionlautsprecher als „käuflichen Esel“, nachdem dieser den Kapitän der Heimmannschaft vom Platz gestellt hatte. Anschließend suchte Kadyrow mit seinen Leibwächtern den Schiedsrichter in der Kabine auf, um ihn „als Fan“ zur Rede zu stellen. Ende April schlug ein einheimischer Linienrichter nach einer Begegnung der Jugendmannschaften Terek Grosnyj und Amkar Perm einen Spieler der Gäste aus dem Ural nieder. Perms Trainer kommentierte das mit den Worten, mit so etwas müsse man bei Spielen in Grosnyj immer rechnen. Der Täter wurde später vom Russischen Fußballverband auf Lebenszeit disqualifiziert; die Vereinsführung von Terek Grosnyj teilte nach dem Urteil mit, sie habe dem Mann auf Anweisung von Kadyrow eine neue Arbeit verschafft - sinnigerweise bei einem Boxklub.

          Das ist symptomatisch für die Einstellung der tschetschenischen Führung: Auch Kadyrow fand es ungerecht, dass sein Verhalten nicht nur mit einer geringen Geldbuße, sondern auch damit bestraft wurde, dass Terek Grosnyj ein Heimspiel auf fremdem Territorium austragen musste. Er organisiert daher für Grosnyjs Fans die Reise in die nordkaukasische Nachbarrepublik Dagestan, wo dieses Spiel schließlich ausgetragen wurde - im Stadion von Anschi Machatschkala, das am 1. Juni im Finale der Gegner von ZSKA Moskau ist.

          Angst um Leib und Leben

          In Grosnyj, so klagen Fans des Moskauer Klubs, seien ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr, weil sie dort von den Sicherheitskräften nicht gegen Angriffe nordkaukasischer Hooligans geschützt würden. Auch diese Behauptung ist, glaubt man russischen Medienberichten, nicht aus der Luft gegriffen. Sie ist aber nur ein Teil der Geschichte. Ultras von ZSKA Moskau haben auch vor dem Pokalfinale vor zwei Jahren schon zum Boykott aufgerufen.

          Das Spiel fand damals zwar in Jaroslawl in Zentralrussland statt, doch der Gegner von ZSKA war in Alanija Wladikawkas ebenfalls ein Verein aus dem Nordkaukasus. Und es ging nicht um konkrete Missstände in einem Stadion: „Wir rufen alle Fans sowohl von ZSKA als auch von anderen russischen Klubs auf, alle Spiele mit Beteiligung nordkaukasischer Mannschaften zu boykottieren!“ Auch der neue Boykottaufruf lässt im Unklaren, ob nur das Finale in Grosnyj oder der Nordkaukasus insgesamt gemeint ist.

          Im Mai 2011 lagen die Ausschreitungen auf dem Moskauer Manegen-Platz gerade ein halbes Jahr zurück, während deren russische Hooligans Jagd auf Menschen mit kaukasischem und zentralasiatischem Aussehen gemacht und viele schwer verletzt hatten. Die Krawalle hatten sich aus einem „Trauermarsch“ nationalistischer Fangruppen entwickelt, nachdem wenige Tage zuvor bei einer Auseinandersetzung mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Nordkaukasus ein Ultra von Spartak Moskau getötet worden war. Befolgt wurde der Aufruf zum Boykott des Finales vor zwei Jahren nicht. Doch trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen gelang es ZSKA-Fans während des Spiels, den Block der Anhänger von Wladikawkas mit Steinen zu bewerfen.

          Startrainer im Dienste von Anschi Machatschkala: Guss Hiddink Bilderstrecke
          Startrainer im Dienste von Anschi Machatschkala: Guss Hiddink :

          Auch jetzt ist der Boykottaufruf unter den ZSKA-Fans umstritten. Der Finalgegner Anschi Machatschkala ist ein besonderes Hassobjekt vieler russischer Fans. Der Verein aus der Hauptstadt der Krisenrepublik Dagestan, die regelmäßig von Bombenanschlägen und Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und islamistischen Extremisten erschüttert wird, ist auch in den Augen nichtnationalistischer Russen ein Skandal: Während Dagestan eines der ärmsten Gebiete Russlands ist und fast vollständig von Zuwendungen der Zentralregierung in Moskau abhängt, lockte der aus Dagestan stammende Multimilliardär Sulejman Kerimow, der Anschi Machatschkala Anfang 2011 übernommen hat, mit internationalen Rekordgehältern Stars wie den Stürmer Samuel Eto’o und den holländischen Trainer Guus Hiddink.

          Die Mannschaft lebt und trainiert in Moskau, wo sie aus Sicherheitsgründen auch ihre internationalen Spiele austragen muss. Nach Machatschkala, wo derzeit ein neues Stadion gebaut wird, reist sie nur zu ihren sogenannten Heimspielen. In seiner ersten Saison war das zusammengekaufte Ensemble nur mäßig erfolgreich. In der gerade abgeschlossenen Saison ist es Hiddink aber gelungen, mit dem dritten Platz in die Phalanx der traditionsreichen Klubs aus Moskau und Petersburg einzudringen. Beliebter ist Anschi Machatschkala dadurch bei den russischen Fans nicht geworden.

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