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Essen zurück im Profifußball : Der schlafende Riese erwacht

  • -Aktualisiert am

Marius Kleinsorge stürmt mit Rot-Weiß Essen in den Profifußball. Bild: Picture-Alliance

Nach 15 Jahren schafft Rot-Weiß Essen den ersten Schritt zurück ins Rampenlicht. Die Fans des Traditionsvereins sind aus dem Häuschen – doch das soll nur der Anfang sein.

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          Diverse Fetzen vom Tornetz, verschieden große Stücke Rasen mit Erdreich, ein einzelner Aluminium-Pfosten: Die Bandbreite der Souvenirs, die am Samstagabend beim großen Fanmarsch durch die Essener Innenstadt zur Rüttenscheider Ausgehmeile zum Vorschein kamen, war schon enorm.

          Mancher Anhänger von Rot Weiss schien das Stadion seines Vereins an der Hafenstraße mit einem 3-D-Puzzle verwechselt zu haben, das man nach Belieben dekonstruieren kann. Der deutliche Apell von Klubchef Marcus Uhlig, die Spielstätte nach dem letzten, entscheidenden Saisonspiel gegen Rot-Weiß Ahlen (2:0) weder zu betreten noch zu zerrupfen, hatte die überschwänglichsten unter knapp 17.000 Zuschauern jedenfalls nicht erreicht.

          Weshalb den Frauen der SGS Essen zum Sonntag nichts anderes übrig blieb, als ihr letztes Bundesliga-Match gegen Carl-Zeiss Jena auf einen anderen Platz zu verlegen.

          Es brodelte seit Jahren

          Der Übergang von Jubel in fröhlichen Vandalismus ist in diesen Tagen, wo so viele Titel und Aufstiege vergeben werden, an manchem Standort fließend. In diesem speziellen Fall aber war das Scheitern gut gemeinter Einbremsversuche vorauszusehen.

          Unter dem Deckel des Traditionsvereins aus dem Herzen des Reviers brodelte es schließlich schon seit Jahren. Hier konnte es eine leidenschaftliche Anhängerschaft zuletzt kaum noch ertragen, in den Niederungen fußballerischer Viertklassigkeit gefangen zu sein.

          Die elf Jahre in der Regionalliga West schienen ihr wie allen Akteuren in dem 1909 (als SV Vogelheim) gegründeten Klub so mächtig an Armen und Beinen zu kleben, dass der Aufenthalt darin sich schon wie eine ewige Prüfung anfühlte – jeweils kurz von neuer Hoffnung unterbrochen, die sich allzu schnell wieder zerschlug.

          Allzu oft den Aufstieg verpasst

          Der Weg aus der Niemandsbucht schien vorgezeichnet, als die Nachfahren der Rahn und Lippens, Burgsmüller und Hrubesch, Wegmann und Mill im Laufe der letzten Saison die gesamte Fußballnation mit fulminanten Pokalsiegen über Arminia Bielefeld, Fortuna Düsseldorf und Bayer Leverkusen verblüfften.

          Die ersehnte Trophäe: Die Essener feiern vor dem Regionalliga-Pokal den Aufstieg in die 3. Liga.
          Die ersehnte Trophäe: Die Essener feiern vor dem Regionalliga-Pokal den Aufstieg in die 3. Liga. : Bild: dpa

          Mit der Niederlage im Viertelfinale bei Holstein Kiel (0:3) war das große Kino im März 2021 jedoch wieder vorbei, und zwei Monate später eroberte nicht Rot Weiss, sondern die zweite Auswahl von Borussia Dortmund den einzigen Aufstiegsplatz in der Regionalliga West.

          Der letzte Zug nach oben war einmal mehr ohne den ehemaligen Bundesligaklub abgefahren, der weiter im Sammelbecken der Traditionsvereine verblieb. Auch der Wuppertaler SV, Rot-Weiß Oberhausen, Alemannia Aachen, Fortuna Köln und der KFC Uerdingen 05 tummelten sich zuletzt in dieser Regionalliga.

          „Der schlafende Riese ist erwacht“

          Ein Jahr und 34 Spiele darauf durfte RWE-Vorsitz Marco Uhlig endlich sein Lieblingsbild vom Verein bemühen, als er nach dem nervenaufreibenden Sieg im Fernduell mit Preußen Münster verkündete: „Der schlafende Riese ist erwacht.“ Die Mannschaft um den 33-jährigen Torjäger Simon Engelmann, der am Samstag das 2:0 und damit Saisontreffer Nr. 23 erzielte, war zum Saisonfinale einfach konstanter als die des Mitbewerbers.

          Dabei schienen die Münsteraner Ende Februar noch die besseren Karten zu haben, als ihnen am grünen Tisch drei Punkte für das Auswärtsspiel an der Hafenstraße zugesprochen wurde, nachdem zwei seiner Einwechselspieler dort eine Viertelstunde vor Schluss beim Stand von 1:1 durch einen Böller beworfen wurden und nicht mehr einsatzfähig waren.

          Am vorletzten Spieltag jedoch gab Preußen die Tabellenführung überraschenderweise mit einem torlosen Remis beim SC Wiedenbrück her – und bekamen sie nicht mehr zurück.

          Trainerentlassung kurz vor Schluss

          Der letzte Biss im Essener Team war vielleicht auch durch eine überraschende Personalie geschärft worden. Nachdem man Anfang Mai im Halbfinale des Niederrheinpokals am Wuppertaler SV gescheitert war, wurde Cheftrainer Christian Neidhart freigestellt und durch den etatmäßigen Sportdirektor Jörn Nowak am Spielfeldrand ersetzt.

          Trainer Christian Neidhart wurde zwei Spieltage vor Saisonende entlassen.
          Trainer Christian Neidhart wurde zwei Spieltage vor Saisonende entlassen. : Bild: Picture-Alliance

          Der 36-jährige Thüringer sollte auf den letzten Metern „neue Energien entfachen“, wie es hieß, und ob das tatsächlich den Ausschlag gegeben hat, dürfte an der Hafenstraße fast schon egal sein. Wichtiger ist mit Blick auf die nahe Zukunft, dass Nowak schon bald einen geeigneten Nachfolger auf der von ihm vorübergehend bekleideten Stelle findet. Der soll ab Ende Juni aus einem neu zusammenzustellenden Kader ein Team formen, das sich nach 15 Jahren Abstinenz auf Anhieb im Profifußball behaupten kann.

          „Erstmal nur froh“

          Es gilt schließlich als offenes Geheimnis, dass die Essener nicht bloß mal eben in höhere Etagen hineinschnuppern wollen. Mittel- bis langfristig soll der Aufstieg nach Möglichkeit einen größeren, nachhaltigen Aufschwung einleiten, der sie mit den Vorzeigeklubs aus Bochum, Dortmund und Gelsenkirchen annähernd auf Schlagdistanz bringt – einschließlich ähnlich lukrativer Vermarktungsmöglichkeiten.

          Fertige Papiere dazu liegen einstweilen aber in keiner Schublade, wie RWE-Pressesprecher Niclas Pieper zum Montag versicherte: „Wir sind nach vierzehn Jahren erstmal nur froh, den unterklassigen Fußball endlich verlassen zu können…“

          In dem Sinne hat der Verein mit der „Riesen-Entwicklung“ (OB Thomas Kufen) auch kein Interesse, seine eigenen Fans wegen des Platzsturms zur Rechenschaft zu ziehen. Neue Tore und Netze sind doch schnell aufgetrieben, und die Frauen der SGS Essen haben ihr Heimspiel am Sonntag auf einem anderen Platz 3:0 gewonnen. Das bedeutet: Klassenverbleib.

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