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Roman Neustädter : Der moderne Beckenbauer

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„Roman ist einer unserer konstantesten Spieler in dieser Saison“, sagt Neustädters Trainer Huub Stevens Bild: dpa

Roman Neustädter ist als Denker und Lenker beim FC Schalke 04 nicht wegzudenken. In der Champions League soll der Stratege die Kollegen nun mit einem Sieg über Piräus (20.45 Uhr) ins Achtelfinale führen.

          Roman Neustädter gehört zu den Fußballprofis, die nicht jedem gleich ins Auge fallen; deren Aktionsradius aber spätestens auf den zweiten Blick so groß erscheint, dass sie aus der Mannschaft nicht wegzudenken sind. Neustädter verrichtet seine Arbeit im hinteren zentralen Mittelfeld des FC Schalke 04 oft unauffällig, dabei aber auffallend effizient, als Leser und Lenker des Spiels.

          Der 24 Jahre alte Stratege ist nicht wegzudenken: Als einziger aus dem Aufgebot der Königsblauen hat er sämtliche Bundesligaspiele von Anfang bis Ende bestritten und sich auch in der Champions League als feste Größe erwiesen. „Roman ist einer unserer konstantesten Spieler in dieser Saison“, sagt Trainer Huub Stevens. „Er ist physisch sehr stark, hat wahnsinnig gute Ausdauerwerte und kann schnell regenerieren.“

          Meist sieht es nicht spektakulär aus, was Neustädter macht, aber er tut häufig das Richtige, weil er die außergewöhnliche Gabe besitzt, Spielsituationen zu erkennen, bevor andere sie erfasst haben. „Er weiß schon vorher, wo der Ball hingeht und kann jede Situation bestens einschätzen“, sagt Christoph Moritz, Kollege und Konkurrent, der auf der gleichen Position spielen könnte, wenn der Trainer ihn ließe. Neustädter vermag sein Herrschaftswissen zu nutzen, im Sinne der Mannschaft und für sich selbst.

          Die Ruhe, die er dabei ausstrahlt, wirkt auch auf andere. „Roman gibt den Takt vor“, sagt Lewis Holtby, sein offensiver Vordermann im Mittelfeld. Holtby wagt einen Vergleich, der sogar „auf“ Schalke aus dem Rahmen fällt. Neustädter sei „der moderne Beckenbauer“, zumindest was seine Rolle auf dem Rasen betrifft. Holtby liefert sogleich die Erklärung für seine überaus mutige Einschätzung. Neustädter verspüre „keinen Pulsschlag, wenn er an den Ball kommt“.

          Beim 0:0 in Amsterdam lief Neustädter (rechts) erstmals für Deutschland auf

          Diese Eigenschaft könnte ihm und seiner Elf auch an diesem Mittwoch im Heimspiel gegen Olympiakos Piräus (20.45 Uhr / Live im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) zugute kommen. Bleiben die Schalker als Tabellenführer der Gruppe B so cool wie ihr äußerlich zurückhaltender Vorarbeiter und gewinnen die Partie, ist ihnen der vorzeitige Einzug ins Achtelfinale der Champions League sicher. „Wir wollen die Gruppe als Erster beenden“, sagt Neustädter.

          Allerdings hat die jüngste Bundesliga-Niederlage gegen Bayer Leverkusen die zuvor gezeigte Konstanz der Schalker relativiert; sie fiel klarer aus, als das Ergebnis (0:2) es ausdrückt, und war von atmosphärischen Störungen gekennzeichnet. Auch Neustädter konnte dem Tiefausläufer bei der schwächsten Saisonleistung nicht trotzen, der sich schon eine Woche zuvor, beim knappen Sieg über Bremen, angedeutet hatte.

          „Jetzt heißt es: Gas geben und sich voll auf das Spiel gegen Piräus fokussieren“

          Dennoch bildet er dank seiner Umsicht und Übersicht, dank seiner Zweikampfstärke und der Präzision seiner Pässe einen Ruhepol. „Wir sind uns bewusst, was wir in Leverkusen abgeliefert haben. So etwas passiert uns kein zweites Mal“, sagt Neustädter. „Jetzt heißt es: Gas geben und sich voll auf das Spiel gegen Piräus fokussieren“, sagt Neustädter.

          Auch abseits des Spielfelds bleibt der Aufsteiger der Saison zurückhaltend, sogar wenn es um seine erstmalige Berufung in die Nationalelf geht. Als er jüngst von seiner Einladung zur Partie in den Niederlanden erfuhr, sah Neustädter sich überrascht - und mental sogar ein wenig überfordert. Er habe zunächst „unter Schock gestanden“, sei „ins Schwitzen geraten“ und habe eine Weile gebraucht, um zu begreifen, was geschehen war.

          Auch in der Champions League glänzte der Jung-Nationalspieler schon

          Trotz seines schnellen Aufstiegs ist Neustädter nicht der Typ, der sich feiern lässt. Bei seinem vorherigen Verein Borussia Mönchengladbach hatte er einen schweren Start, ehe er zum Leistungsträger wurde. Im ersten Jahr war er nur eine Randfigur, spielte in der zweiten Mannschaft, beschränkte sich aber nicht darauf, die Schuld bei anderen zu suchen, sondern begab sich auf Fehlersuche und kam mit Hilfe seines Vaters zu der Erkenntnis, „dass es nur an mir liegt“.

          Im Koordinatensystem der Fußballtaktik besitzt Neustädter einen Blick für Raum und Zeit - und für Lücken, die es zu schließen gilt. Wenn er solch eine Lücke beim Gegner bemerkt, weiß er sich im Dienste der Mannschaft zurückzunehmen und seine Mitspieler in Szene zu setzen. „Ich kenne meinen Job, und wenn die anderen glänzen können, weil sie Tore gemacht haben, habe ich alles richtig gemacht“, sagt Neustädter. Inzwischen schießt er selbst Tore: drei in zwölf Bundesligaspielen für Schalke, das ist nicht schlecht für einen „Sechser“. Bei Gladbach war ihm in drei Jahren nur ein einziger Treffer gelungen.

          In Mönchengladbach reifte Neustädter zum Klassespieler - seine Entwicklung setzt sich „auf“ Schalke fort

          Die inneren Fußballwerte, die ihn auszeichnen, stehen im Kontrast zu der Außenwirkung, die sein Style hervorruft. Modisch gehört Neustädter „auf“ Schalke zu den Trendsettern, stets auf dem neuesten Stand und ein wenig auf Avantgarde bedacht.

          Sein Arbeitskollege Holtby war schon mal in Neustädters Ankleidezimmer und kam zu dem Schluss, es mit dem begehbaren Kleiderschrank einer Frau vergleichen zu können. Auf dem Rasen in sich gekehrt, ist Neustädter außerhalb ein Mann, der Botschaften und Weisheiten hautnah vor sich herträgt: „Jeder stirbt mal, aber nicht jeder lebt“, lautet der Text eines seiner Tattoos. Roman Neustädter lebt auf Schalke gerade auf.

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