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Der lange Schatten der WM : Hype war gestern

  • -Aktualisiert am

Auf dem Boden gelandet: „Die“ Mannschaft ist nur noch eine Mannschaft unter Vielen. Bild: Picture-Alliance

„Die Mannschaft“ ist nur noch eine von mehreren Mannschaften. Nach der ernüchternden WM in Russland kämpfen die deutschen Fußball-Profis trotz einer Verjüngungskur um Anerkennung. Doch das könnte dauern.

          Es ist noch keine zwölf Monate her, dass die Fußball-WM 2018 angepfiffen wurde. Der kurze Blick zurück nach Russland erscheint dabei mittlerweile auch wie ein Rückblick auf eine versunkene deutsche Fußballwelt. Vor nicht einmal einem Jahr wähnten sich deutsche Weltmeister auf der Mission Titelverteidigung. Neun Helden von Rio 2014 gehörten dem Kader an und bildeten den Kern des Teams. Auch Mesut Özil zählte noch dazu. Der Deutsche Fußball-Bund und Bundestrainer Joachim Löw hatten sich zu dieser Zeit größte Mühe gegeben, ihn nach den Aufnahmen mit dem türkischen Staatspräsidenten als unverzichtbaren und integralen Bestandteil der Nationalmannschaft erscheinen zu lassen.

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          In diesen Tagen, in denen die Weltmeister von vorgestern es nur noch mit international nachrangigen Fußballnationen wie Weißrussland und an diesem Dienstag Estland (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur EM-Qualifikation und bei RTL) zu tun haben, während die aktuellen Topteams wie Portugal und die Niederlande den Titel in der Nations League ausspielten, waren Özils türkische Hochzeitsfotos mit seinem Ehrengast Erdogan nochmals eine Erinnerung an den tiefen Graben des vergangenen Sommers. Aber auch an die traurige Tatsache, wie einer der größten deutschen Fußballer der vergangenen Jahrzehnte und eine Symbolfigur für eine vielfältige Nationalelf nach nur einem Jahr vollkommen vergessen und getrennt von seiner einstigen sportlichen Heimat erscheint. Im Juni 2019 wirkt die Nationalmannschaft, die aktuell auch ohne ihren verletzten Bundestrainer auskommt, tatsächlich wie eine unbelastete, aber auch unfertige Mannschaft. Das kann nach so kurzer Zeit auch kaum anders sein. Er fühle sich wie in der U-21, sagte Serge Gnabry nach dem Sieg in Weißrussland und vor dem letzten Saisonduell an diesem Dienstag in Mainz gegen Estland. Es klang so, als ob ihm das sehr gefiele.

          So erfrischend die mit einiger Verzögerung und am Ende umso rigoroser vollzogene Veränderung und Verjüngung nun daherkommen will – an Sympathie und Status hat die jahrelang fast schon vergötterte Nationalelf dennoch einiges eingebüßt. „Die Mannschaft“, als die Oliver Bierhoff die Nationalelf vermarktet und auch weiterhin verstanden wissen will – also als ein alle anderen Teams überragendes Team –, ist in der öffentlichen Wahrnehmung in diesen Tagen jedoch nur noch eine von mehreren Mannschaften, die um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlt. So hatten die deutschen Männer bei ihrem Sieg in Weißrussland am Samstagabend in absoluten Zahlen zwar deutlich mehr Zuschauer (6,23 Millionen) als die deutschen Frauen (4,38 Millionen) bei ihrem Auftaktsieg am Nachmittag bei der WM gegen China. Aber die vielen noch namenlosen deutschen Spielerinnen kamen dennoch zu einem höheren Marktanteil (33,8) als „Die Mannschaft“ (23,8). Das heißt, rund jeder Dritte, der Fernsehen schaute, sah die Frauen. Aber nur jeder Vierte die Männer.

          Vor einem Jahr war auch die emotionale Nähe der deutschen Fans deutlich größer. Die ganz große Aufregung um das DFB-Team, auch das kann man am Ende dieser Saison sagen, hat sich gelegt. Der Neuanfang wird mit einem gewissen inneren Abstand verfolgt. Aber einmal verspieltes emotionales Kapital zurückzugewinnen ist eine Aufgabe, die sich nicht mit Siegen gegen Weißrussland und Estland erledigen lässt. Auch was das deutsche Nationalmannschaftsgefühl angeht, kann die EM-Qualifikation nur ein Anfang sein.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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