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Robinho : Brasiliens letzter Zauberer

  • -Aktualisiert am

Robinho: Ballkünstler mit Höchstgeschwindigkeit Bild: AFP

Unter Trainer Dunga hat der Ballkünstler Robinho gelernt, das eigene Können auch einem höheren Zweck unterzuordnen. Im Achtelfinale gegen Chile (20.30 Uhr) soll der „König der Übersteiger“ nun die nötigen Geniestreiche liefern.

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          Beim 0:0 gegen Portugal sollte er vorsichtshalber nicht mitspielen. Leichte Oberschenkelprobleme machten Robinho zu schaffen. Und da die brasilianische Nationalmannschaft sowieso schon für das Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika qualifiziert war, gönnte Trainer Carlos Dunga seinem Dribbelkünstler vom linken Flügel eine Verschnaufpause. Anschließend sah jeder im Stadion von Durban, dass einer wie Robinho der Seleção nicht für längere Zeit fehlen dürfte. Dungas mit Spielern aus der zweiten Reihe aufgefüllte Auswahl fand gegen die tief gestaffelten Südeuropäer kaum Platz, ihre Qualitäten auszuspielen. Der Coach, sonst im Zweifel auf der Seite der Fußball-Pragmatiker, hatte vergeblich auf einen Geniestreich gehofft. Robinho hätte ihn womöglich parat gehabt. „Er kann mit seinen Dribblings den Unterschied ausmachen, wenn es wie gegen Portugal nicht viel Platz gibt“, sagte Dunga.

          Portugal war gestern. An diesem Montagabend kehrt der Zauberer, dem nach eigenem Bekunden „der Ball in die Wiege gelegt wurde“, wieder zurück - genauso wie Spielmacher Kaká nach der Sperre für ein Spiel wegen der Gelb-Roten Karte in der Partie gegen die Elfenbeinküste und auch der in dieser knochenharten Auseinandersetzung leicht verletzte rechte Flügelmann Elano. Mit frischer Eleganz und Leichtigkeit im Spiel will der Rekordweltmeister seine Achtelfinalprüfung gegen den kleineren südamerikanischen Nachbarn Chile glänzend bestehen. Robinho könnte da zur großen Hilfe werden: In den vergangenen fünf Spielen der Seleção gegen Chile schoss der Angreifer sechs Tore.

          Vielleicht gelingt dabei dem „König der Übersteiger“, wie Robinho in seiner Heimat genannt wird, auch sein erster Turniertreffer. Er würde ihn seinem zweijährigen Sohn Robson widmen, der nebst Mutter und Frau des Fußballstars in Johannesburg ist - und so die Spiellaune des Artisten noch beflügelt. „Meine Familie“, hebt der Fußball-Wunderwerker gern hervor, „ist das Fundament, auf dem ich ruhe.“ Dunga hat es im Übrigen gar nicht so begeistert gesehen, dass Robinho in Südafrika die Nähe zu seinen Liebsten sucht. „Ist erst die Familie da“, sagte er vor kurzem, „verlieren die Spieler den Fokus auf das Turnier.“

          Gegen Chile wieder gemeinsam: Robinho und Kaka soll den brasilianischen Angriff beleben

          Den Durchbruch hat Robinho noch nicht geschafft

          Robinho, der sich um seine Gegenspieler selten kümmert, windet sich gelegentlich auch um die strengen Dunga-Dekrete herum. So hat er als Einziger aus der Seleção einer brasilianischen Fernsehstation ein nicht vom Verband genehmigtes Interview gegeben. Dunga ließ seinen letzten Artisten gewähren, hat er ihn doch auf dem Platz längst zu einem Profi umgemodelt, der seine Extraklasse ökonomischer als früher zum Nutzen aller einsetzt. „O Rei dos Pedalades“ muss aus lauter Begeisterung über die eigenen Fertigkeiten nicht mehr Übersteiger an Übersteiger reihen - und beim letzten davon hängenbleiben. Die Kunst, das eigene Können auch einem höheren Zweck unterzuordnen, hat Robinho, der in Südafrika seine zweite WM bestreitet, inzwischen intus.

          2006 bei der WM in Deutschland ließ der damalige Chefcoach Carlos Alberto Parreira sein größtes Talent bis auf ein paar aktive Minuten im verlorenen Viertelfinale gegen Frankreich von der Bank aus Erfahrung sammeln. Mittlerweile gehört der beim FC Santos großgewordene und dorthin im Januar für ein halbes Jahr zurückgekehrte Robson de Souza zum Establishment der Seleção. Den Durchbruch zu einem der ganz Großen des Weltfußballs hat der in Jugendjahren schon mit Pelé verglichene Ball-Liebhaber allerdings noch nicht geschafft.

          Beim FC Santos zaubert er sich zurück ins Rampenlicht

          Nicht bei Real Madrid, das Robinho 2005 für 24 Millionen Euro verpflichtete, und schon gar nicht bei Manchester City, wo die arabischen Besitzer des Klubs 2008 42,5 Millionen Euro lockermachten, um diese Orchidee des Weltfußballs zu erwerben. In den Midlands versauerte der Junge aus Santos zusehends, so dass er Anfang 2010 an seine alte Liebe, den FC Santos, für ein halbes Jahr ausgeliehen wurde. Derzeit versuchen Robinhos Agenten und die Spitzen des Premier-League-Klubs, den Brasilianer an den FC Barcelona weiterzuveräußern. Der aber will dem Vernehmen nach nicht mehr als 22 Millionen Euro für Robinho ausgeben.

          Der Kurswert von Dungas Dribbler ist inzwischen erkennbar gesunken. Eine starke Weltmeisterschaft des neben Luis Fabiano zweiten Stürmers der Seleção kann also mithelfen, Robinhos Preis und damit auch sein Gehalt aufs Neue zu liften. Verarmt ist er andererseits auch in Manchester bei einem geschätzten Jahressalär von 9,6 Millionen Euro nicht. Um aber aufzublühen und aus seinen Ideen Funken zu schlagen, braucht Robinho ein Ambiente, in dem er geliebt wird und seine Mitspieler sein Spiel verstehen. Das ist zuletzt beim FC Santos so gewesen, als er sich zurück zauberte ins Rampenlicht, und das ist nun auch bei der Seleção so.

          Das Leichtgewicht Robinho, das seine Technik als Jugendlicher beim Futsal, im Hallenfußball, auf engstem Raum geschult hat, kann mit seinen Finten und Hüftwacklern ein Stadion zum Rasen und einen Gegenspieler zur Verzweiflung bringen. Den feurigsten Sambatänzer der Seleção lässt Dunga, wie er ist, sofern er sich nicht aus reiner Liebe zu sich selbst verdribbelt. Doch Robinho sagt, dass er fürs ganze Land da sei. „Ich“, hebt der Spieler mit dem Lausbubengesicht hervor, „habe nur ein Ziel: Titel mit Brasilien zu gewinnen.“ Solche Sätze hört sein Chef, der Erlebnisse schätzt, aber Ergebnisse noch viel mehr, gern.

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