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Nachwehen des Ballon d’Or : Lewandowskis Wahlaffäre

Ein Lob auf feie und geheime Wahlen: Robert Lewandowski Bild: dpa

Zustände wie bei einer Klassensprecherwahl: Stürmerstar Lewandowski verweigert seinem Mannschaftskameraden Manuel Neuer bei der Weltfußballerwahl die Stimme. Fordert Bayern München jetzt die Entsendung von Wahlbeobachtern? Eine Glosse.

          Das war schon schwer, damals in der Grundschulklasse, als es bei der Klassensprecherwahl eine Stichwahl zwischen meinem besten Freund und dem zuverlässigsten Mädchen in der Klasse gab: Ich wählte also Simone, die mir auch nicht unsympathisch war. Das gab nachher auf dem Schulhof beim Pausenkick den ein oder anderen bösen Tritt gegen das Schienbein und alles war wieder in Ordnung. Robert Lewandowski wird, ähnlich widerstandsfähig,  die nächste Grätsche von Manuel Neuer auch verkraften, und dann werden die beiden womöglich gemeinsam sogar noch mal ein Bundesligaspiel gewinnen.

          Und das, obwohl Robert Lewandowski bei der Wahl zum Weltfußballer Cristiano Ronaldo vor, ja tatsächlich, vor Manuel Neuer auf Rang eins gewählt hat. Skandal! Damit hat Lewandowski das Wahlergebnis nachhaltig zu Neuers Ungunsten beeinflusst. Wenn unsere Berechnungen stimmen, läge der Torwart des FC Bayern gleichauf mit Lionel Messi auf Rang zwei, wenn sein vorderster Stürmerkollege ihm Rang eins (fünf Punkte) und nicht Rang zwei (drei Punkte) zugestanden hätte, statt sich auf sein Recht auf demokratische Wahlfreiheit zu berufen.

          Dass Cristiano Ronaldo nicht nur in der Gunst Lewandowskis, sondern auch bei der überwältigenden Mehrheit der wahlberechtigten Spieler, Trainer und Journalisten uneinholbar weit vorne liegt, tut der Entrüstung bei einigen Offiziellen des FC Bayern München aber keinen Abbruch. Und auch die Äußerung von Philipp Lahm, dass Cristiano Ronaldos Kür schon in Ordnung gehe, wenn man mal „die deutsche Brille“ abnehme, hat keine Beruhigung bewirkt.

          Von Sammer zur Staatsaffäre überhöht

          Nachdem Fans in sozialen Medien auf das unerlaubt selbstständige Abstimmungsverhalten des Kapitäns der polnischen Nationalmannschaft hingewiesen haben (sogar deren Nationaltrainer Adam Nawalka hat Neuer die meisten Punkte gegeben!), überhöhte Matthias Sammer die Klassensprecherwahl stattdessen mit einem merkwürdigen verbalen Einwurf fast in den Stand einer Staatsaffäre. „Wir haben darüber gesprochen, er hat es ja auch öffentlich schon korrigiert, dass er Manuel als Nummer eins sieht. Dementsprechend ist das auch okay“, sagte Sammer bei Sport 1.

          Diese Worte können nur bedeuten, dass Bayern München künftig bei der Wahl auf der Entsendung von Wahlbeobachtern der OSZE oder eben des FC Bayern beharrt, weil der Klub es im Grunde nicht dulden mag, dass einer seiner Spieler bei einer solchen Abstimmung einem Mannschaftskameraden die Unterstützung verweigert.

          Doch noch Gegner: Lewandowski und Neuer in einem Spiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund

          Also müsste die Entrüstung eigentlich noch deutlich mehr Zornesröte ins hagere Gesicht von Sammer treiben. Lewandowski hätte schließlich auch Lahm und nicht nur Bastian Schweinsteiger neben Neuer bedenken müssen. Ja: müssen. Um des guten Klimas in der Grundschulklasse, respektive im Mannschaftskreis, Willen. Und natürlich, damit die Konkurrenz von Neuer keinen Punkt ergattert.

          Lewandowski dementiert Reue

          Erstaunlicherweise datiert Sammer den Wahlfehler von Lewandowski auf August, obwohl die Fifa die Wahl mit der Verkündung der 23 Spieler umfassenden Kandidaten erst am 28. Oktober eröffnet hatte. Da hatte sich der im Sommer aus Dortmund nach München gewechselte Lewandowski nach einem Dutzend gemeinsamer Spiele und einigen wichtigen Duellen aus seiner BVB-Zeit vermutlich ein derartiges Bild von den aus seiner Sicht doch nicht wahlwürdigen Qualitäten Neuers gemacht, dass er sich eben doch für seinen portugiesischen Stürmerkollegen entschied.

          Trotzdem soll Lewandowski seine Wahl nun bereut haben. „Es war ein Fehler von mir, Ronaldo gewählt zu haben. Ich würde heute ganz klar Neuer wählen. Aber ich habe irgendwann im August abgestimmt, heute würde ich anders wählen“, zitiert die Internetseite des „Kicker“ den Stürmer – komischerweise auch mit der Datumsangabe im Hochsommer.

          Lewandowski und sein Berater Maik Barthel haben nun zurückgetwittert. „Bin mir bewusst, wie ich gewählt habe, und ich werde mich nicht dafür entschuldigen“, schreibt Lewandowski demnach. Sein Berater unterstellt dem Kicker eine „Frechheit“.

          An diesem Mittwoch dürfte Manuel Neuer, der mittlerweile Lewandowskis Wahlentscheidung als völlig legitim bezeichnet hat, im Trainingslager in Doha wieder auf den Platz zurückkehren. Eine Grätsche und ein Lewandowski-Trainingstor später dürfte alles vergessen sein. Sogar die Wahlposse von der Säbener Straße.

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