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Robert Huth : Der Türsteher vor dem Tor

Abräumer, Spielzerstörer – und manchmal auch Torschütze: Robert Huth. Bild: Reuters

Robert Huth brauchte 15 Jahre in England, um oben anzukommen. Nun trifft er mit Leicester City auf einen Deutschen, dem in Liverpool eine Pressekonferenz genügte, um auf der Insel ein Superstar zu sein.

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          Bei deutschen Exportschlagern in quadratischer Form dachte man bisher an Schokolade. Bald vielleicht an einen Schädel. „Kommt nicht oft vor, dass ein quadratischer Kopf nützlich ist“, scherzte Robert Huth in Tottenham nach seinem siegbringenden Kopfball für Leicester City, den wundersamen Tabellenersten der Premier League. Der „Telegraph“ nannte den Verteidiger „den unwahrscheinlichen Helden im neuesten Kapitel der unwahrscheinlichsten Geschichte der Saison“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Huth? Mancher wird sich erinnern. An einen jungen, blonden Hünen, den Jürgen Klinsmann aus der Jugend des FC Chelsea ins Nationalteam holte. Dem Debüt am 20. Geburtstag folgte eine kurze, intensive Karriere als Nationalspieler. Beim Confed Cup 2005 war er Stammspieler, vom Publikum mit dem langgezogenen Ruf „Huuuuth“ gefeiert, bei der WM ein Jahr später immerhin noch Ersatzmann. Doch Klinsmanns Nachfolger Joachim Löw konnte mit Huths Spielweise nicht mehr viel anfangen.

          Huth sei immer der „old school centre half“ geblieben, der Innenverteidiger alter Schule, sagt der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der im selben Jahr wie Huth, 2000, als Jugendspieler nach England ging. Hitzlsperger fiel es leichter, sich durchzusetzen. Der Münchner kam mit 19 zu Aston Villa und etablierte sich rasch im Profiteam. Der Berliner landete mit 16 bei Chelsea, wo bald darauf das große Geld des Milliardärs Roman Abramowitsch regierte und der neue Trainerstar José Mourinho sich nicht groß für Talente, sondern nur für Top-Profis interessierte.

          Das waren noch Zeiten: Huth bei der WM 2006 als Springinsfeld.

          „Daher reichte es nicht für Chelsea“, sagt Hitzlsperger. Aber andere Klubs in England schätzen „genau seine Qualitäten, resolutes Zweikampfverhalten, Kopfballstärke und Schussgewalt. Flanken in den Strafraum drischt er weg, genauso wie es von ihm erwartet wird. Nach wie vor sind Innenverteidiger von seiner Statur in England gefragt.“ Ja, sie lösen geradezu nostalgische Gefühle aus bei Freunden des englischen Fußballs, diese Türsteher vor dem Tor. In Typen wie Huth, von Fans gern als „Berlin Wall“, Berliner Mauer, gefeiert, überlebt der gute alte Ausputzer, der kein geschmeidiger Abläufer und Spieleröffner sein muss, sondern knochenharter Abräumer und Spielzerstörer sein darf.

          Nach 15 Jahren auf der Insel sei Huth „mehr Engländer als Deutscher“, sagt Hitzlsperger, der nach fünf Jahren zurückkehrte und mit dem VfB Stuttgart 2007 deutscher Meister wurde. Eine Rückkehr kann er sich bei Huth kaum vorstellen, dem gehe in Deutschland „das Gejammere auf die Nerven“. Sogar in England tut es das. Gegenüber dem Fußballmagazin „11 Freunde“ beklagte Huth „das Rumgeheule auf dem Platz“, das er am liebsten mit „drei Spielen Sperre“ bestrafen würde.

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          Huth ist nach eigener Auskunft „auf dem Platz ein Macho“. Und damit der Typ Fußballer, den das gutgeölte Talent-Fließband der deutschen Nachwuchsakademien nicht mehr ausspuckt - eisenharter Einzelgänger, schrankbreit und schweigsam. „Nach außen hin ruhig, eher schüchtern und sogar ein bisschen kauzig“, so beschreibt ihn Hitzlsperger. „Das kommt aber gut an, weil er sich nicht so inszeniert wie viele andere. Ein vorbildlicher Teamspieler.“

          Während der damals in der Chelsea-Jugend höher eingeschätzte Landsmann Sebastian Kneißl den Durchbruch nie schaffte und mit 26 in der Landesliga landete, hat Huth die harte Tour gemacht: über Middlesbrough nach Stoke, in jenen Tabellenregionen, in denen englischer Fußball vor allem Knochenarbeit ist. Und dann, als er nach fünfeinhalb Jahren nach einer Verletzung den Stammplatz in Stoke verlor, weiter als Leihspieler nach Leicester. Da war er schon dreißig, es sah aus wie der mögliche Knackpunkt dieser deutsch-englischen Karriere: als Notstopfen zum Tabellenletzten.

          Huth engagierte einen Chauffeur, um während der zweistündigen Heimfahrten vom Training in Leicester zurück in den Raum Manchester, zur englischen Lebensgefährtin und den beiden Söhnen, schlafen zu können. Die Investition hat sich ausgezahlt. Ein Jahr später ist Huth der ausgeschlafene Abwehrchef des am schwersten zu schlagenden Teams der Premier League: nur drei Niederlagen in 36 Ligaspielen, seit er da ist.

          Huth brauchte 15 Jahre in England, um oben anzukommen. Nun trifft er auf einen anderen Deutschen, dem eine einzige Pressekonferenz genügte, um auf der Insel ein Superstar zu sein. Jürgen Klopp kommt am Dienstag (20.45 Uhr/ live bei Sky) mit dem FC Liverpool nach Leicester. Für ihn hat die harte Tour gerade erst begonnen. Falls er es noch nicht weiß, wird Huth es ihm gern zeigen.

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