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Robben und van Bommel : Feuerwerk und Feuerwehr

Die zweite Hälfte der holländischen Lebensversicherung: Nigel de Jong Bild: REUTERS

Arjen Robben sorgt bei Holland für Glanz, Mark van Bommel für Zielstrebigkeit: Die beiden Bayern-Spieler geben der Mannschaft von Bert van Marwijk eine Mischung, die sie zu einem Kandidaten auf den Titel macht. Die Slowakei soll sie im Achtelfinale nicht aufhalten.

          Mark van Bommel sagt: „Einen Spieler wie mich braucht jedes Team.“ Das gilt für den FC Bayern, noch mehr aber für die Niederlande. Bei der letzten EM spielten die Holländer ohne van Bommel den schönsten Fußball des Turniers - und schieden nach der Vorrunde aus. „Nach vorn wieder überragend, aber nach hinten . . .“, sagt van Bommel, und die drei Pünktchen muss man wohl so komplettieren: Nach hinten fehlte einer wie er.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Auch 2010 ist das Angebot an Offensivspielern der Niederländer ein einziges Füllhorn von tollen Talenten und feinstem Fußball, erst recht jetzt, da Arjen Robben auf dem Sprung zurück in die Startformation steht, vielleicht schon an diesem Montag gegen die Slowakei, spätestens aber im erhofften Super-Viertelfinale gegen Brasilien. Doch die Abwehr, deren Spieler im Gegensatz zu den Vorderleuten in ihren Klubs nicht das Top-Niveau der Champions League gewöhnt sind, wirkt nicht weltmeisterlich. Sie braucht einen Schutz, wie ihn ein Orlando Engelaar, später in Schalke gescheitert, 2008 gegen Russland nicht bieten konnte; wie ihn aber nun van Bommel und der ebenso kompromisslose Nebenmann Nigel de Jong, früher beim Hamburger SV, bilden. „Nigel und ich sind die Lebensversicherung“, sagt van Bommel.

          Van Bommel ist 33, aber es ist erst sein zweites Turnier mit Oranje. Das bisher einzige endete 2006 in einer schlimmen Treterei gegen Portugal, der „Schlacht von Nürnberg“, in der die spielerisch besseren Holländer den Kürzeren zogen. Das lag auch daran, dass es wie fast schon üblich bei den Holländern Ärger zwischen einigen Spielern und dem Trainer - Marco van Basten - gab, „2002 nicht qualifiziert, 2004 verletzt, 2006 diese schlimme WM“, so van Bommel über seine bisher unbefriedigende Bilanz im Nationalteam, „und dann habe ich für 2008 abgesagt. Denn das war keine gute Ehe, van Basten und ich. Es hat nicht funktioniert.“

          Ruhe, Kompetenz, Diskretion: Bert van Marwijk verbreitet im niederländischen Camp die Atmosphäre, die für ein erfolgreiches Turnier nötig ist

          Der ruhigste Kader seit Jahrzehnten

          Unter van Bastens Nachfolger Bert van Marwijk kehrte van Bommel zurück, und das nicht nur, weil der sein Schwiegervater ist. Die beiden brachten eine neue Zielstrebigkeit ins Team. „Er ist zwar nicht der Kapitän“, sagt sein früherer Kollege Zenden, „aber du brauchst keine Armbinde, um ein Anführer zu sein.“ Van Bommel steht für die Bereitschaft, dass man ein Spiel auch einmal unspektakulär oder gar hässlich gewinnen muss. Er passt auf, dass sich das Team nicht von den gewohnten ästhetischen Erwartungen der Fußballnation unter Druck setzen lässt.

          „Es gibt in Holland die Erwartung, dass Gewinnen nicht genug ist, dass du auch schön gewinnen musst“, sagt Zenden. „Die Fans beklagen sich“, aber diesmal sei das „den Spielern egal“. Dem Trainer auch. Van Marwijk verbreitet Ruhe, Kompetenz und jene Art von Diskretion, die für ein erfolgreiches Turnier nötig ist. Falls es Ärger geben sollte, dann bleibt er intern, eine Grundvoraussetzung bei einer Expedition von sieben Wochen. Bisher ist es der ruhigste, harmonischste holländische WM-Kader seit Jahrzehnten. Bei den Niederländern, so der frühere deutsche Weltmeister Andreas Brehme vor der WM, „geht ein Turnier oft los, und plötzlich ist Chaos: Da will der eine den anderen nicht anspielen und so weiter“. Aber das habe van Marwijk „jetzt ganz gut im Griff“.

          Sieben Siege nacheinander - Landesrekord

          Nur einmal gab es ein wenig Ärger, weil in den Zeitungen stand, Robin van Persie habe sich als Angriffspartner für Dirk Kuyt anstelle von Rafael van der Vaart ausgesprochen - eine Wahl, die ansteht, wenn Arjen Robben wieder in die Start-Elf rückt. Doch die erfahrenen Spieler, von denen sieben schon bei der EM 2004 dabei waren, regelten die Sache intern, es gab keine Anzeichen von Unruhe. So zeigt sich im Niedergang von Fußball-Europa, das 2010 nur drei Viertelfinalisten stellen wird, so wenige wie nie, Holland als einziges Team ohne Schwäche. Das 2:1 gegen Kamerun war der siebte Sieg nacheinander, Landesrekord.

          „Natürlich müssen wir die Slowakei schlagen“, sagt Kapitän Giovanni van Bronckhorst. „Wir wollen in Südafrika Weltmeister werden. Wir können jeden schlagen.“ Robbens Rückkehr gab den nötigen Impuls für die spielerische Steigerung, die nach der glanzlosen Vorrunde nötig ist. In den letzten 17 Minuten gegen Kamerun wirbelte er wie in besten Bayern-Spielen und leitete mit einem Pfostenschuss den 2:1-Siegtreffer ein, nur 19 Tage nach seinem Muskelfaserriss. Dank zweier Bayern hat Oranje eine Mischung gefunden, die nun alles möglich erscheinen lässt bei der WM: Robben ist das Feuerwerk und van Bommel die Feuerwehr.

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