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Rene Adler und Jérome Boateng : Der Souverän und der Debütant

Platzverweis beim Debüt: Jerome Boateng musste gehen, Deutschland gewann dennoch Bild: AP

René Adler und die Abwehr waren die Stützen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beim Sieg in Russland und der damit verbundenen WM-Qualifikation. Auch Neuling Jérome Boateng empfahl sich - trotz seines Platzverweises.

          Die Verzweiflung war Jérome Boateng ins Gesicht geschrieben. Mit leerem Blick und hängendem Kopf verließ der Hamburger Debütant den Platz. Man spürte die Last, die auf seine Schultern drückte. Ausgerechnet bei seinem Einstand, so fürchtete er, würde er die deutsche Nationalmannschaft vielleicht noch um die direkte Qualifikation bringen. In der 69. Minute hatte der Verteidiger die Gelb-Rote Karte gesehen, die vorbildliche deutsche Verteidigung mit dem exzellenten Torhüter René Adler war gesprengt, der 1:0-Vorsprung in höchster Gefahr.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Boateng erhielt noch einen kurzen, tröstenden Klaps vom Bundestrainer an der Seitenlinie, bevor er in der Kabine verschwand, aber Joachim Löw war in Gedanken schon bei den personellen Umstellungen, die Boatengs Missgeschick auslöste. Die Ersatzspieler kamen zu ihm, aber der Trost wollte zunächst nicht wirken. Erst gut zwanzig Minuten später, als die deutsche Mannschaft auch in Unterzahl ihre erstklassige Leistung ohne jeden weiteren Rückschlag fortgeführt hatte, durfte sich auch Boateng als Gewinner eines großen deutschen Fußballabends fühlen. „Das war natürlich bitter, aber ich kann schon wieder lachen“, sagte der Verteidiger.

          Adler und die Abwehr – das waren die großen Stützen bei einem deutschen Sieg, der die Hoffnungen und Erwartungen in Richtung Südafrika zu beflügeln vermochte. Adler rettete in seinem siebten Länderspiel vor allem nach der Pause mit spektakulären Reaktionen den Sieg, genauso wie schon beim 2:1 im Hinspiel in Dortmund. „Das war das emotionalste Spiel meiner Karriere. Dass es für mich persönlich so gut lief, macht mich glücklich. Ich habe mir nicht den Kopf über die Rangfolge im Tor zerbrochen. Ich wollte nur meinen Teil zum Sieg beitragen“, sagte Adler.

          Ein sicherer Rückhalt, wie ihn die deutsche Elf brauchte: Torwart Rene Adler

          „Man kann ihm nur ein Kompliment machen“

          Die Frage nach der Nummer eins bei der WM 2010 dürfte sich damit, wenn Adler nicht noch durch eine Verletzung oder ein geheimnisvolles Formtief geschwächt werden sollte, geklärt haben. „Man kann ihm nur ein Kompliment machen“, sagte Löw. „Er hat viel Souveränität ausgestrahlt. Er macht einen sehr stabilen Eindruck.“ Die deutsche Abwehr kränkelte dagegen in den vergangenen Monaten, vor allem die rechte Abwehrseite.

          Der Bundestrainer hatte sich in jüngster Vergangenheit mit immer neuen Maßnahmen Linderung versprochen, doch alle seine Hoffnungen hatten sich bis zum Duell in Moskau nicht erfüllt. Ob nun Friedrich, Fritz, Castro oder Beck – sie alle konnten die Schwächeanfälle dauerhaft nicht beheben. Löw vertraute nun ausgerechnet beim entscheidenden Spiel des Jahres auf einen Neuling, der ihn in der Bundesliga davon überzeugt hatte, dass sich die physische Stärke des knapp zwei Meter großen Abwehrspezialisten dank seiner Schnelligkeit und technischen Stärke mit den Erfordernissen in Moskau gegen Superstar Arschawin perfekt verbinden lasse.

          Boateng fügte sich bis zu seinem Platzverweis immerhin sehr ordentlich ein. „Alle Spieler haben hervorragend verteidigt. Wir haben das glänzend gemeistert“, sagte Löw hochzufrieden über die defensive Meisterleistung, die schon bei Ballack und Rolfes im Mittelfeld anfing.

          Bundestrainer Löw: „Meine Meinung über ihn ist sehr gut“

          Der Bundestrainer hatte den Hamburger zuletzt beim 1:0 gegen Bayern beobachtet, und dabei festgestellt, wie Boateng erst Ribéry und dann Robben die Qualitäten raubte. Dies war der Moment, in dem Löw zu der Überzeugung gelangte, dass er den richtigen Mann für seinen Moskauer Spezialauftrag gefunden hatte: Arschawin stoppen. Aber so einfach war das natürlich nicht. Arschawin war auch in Moskau der stärkste Russe, er bereitete die beste Chance exzellent vor (29. Minute) und scheiterte dann selbst zweimal nach der Pause mit gewaltigen Schüssen an Adler.

          In der Defensivzentrale zeigte zudem Per Mertesacker einen seiner stärksten Auftritte seit Monaten, Heiko Westermann spielte weitgehend fehlerlos, und Philipp Lahm spielte taktisch klug. Diese Erfahrung aber ging Boateng beim Zweikampf in der 69. Minute vollständig ab. „Geh kein allzu großes Risiko“, hatte ihm der Bundestrainer noch in der Kabine gesagt, nachdem Boateng kurz zuvor schon verwarnt worden war. „Aber er hat eine sehr große Belastung gehabt“, sagt der Bundestrainer entschuldigend zum Übereifer Boatengs beim herausfordernden Debüt in Moskau. Aber Konsequenzen für die Zukunft wird das Missgeschick für ihn nicht haben, im Gegenteil. „Meine Meinung über ihn ist sehr gut. Boateng zählt ab jetzt zu unserem Kader.“

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