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Kommentar : Das Risiko Relegation

  • -Aktualisiert am

Polizisten sichern in der 80. Spielminute das Spielfeld, nachdem Fans von 1860 München anfingen zu randalieren. Bild: dpa

Erst Braunschweig, jetzt München: Relegationsspiele treiben die Emotionen auf die Spitze. Die Vorkommnisse in dieser Woche sind Wasser auf die Mühlen der Relegations-Kritiker.

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          Sind Relegationsspiele zu viel für das Gemüt deutscher Fußball-Fans, in diesem Fall sicher besser Hooligans genannt? In Braunschweig kam es am Montag zu einem Platzsturm enttäuschter Eintracht-Anhänger, während der Partie war ein Ordner von einem im Braunschweiger Fanlager gezündeten Feuerwerkskörper getroffen worden. Die Wolfsburger Spieler flüchteten nach dem Abpfiff so schnell es ging in ihre Kabine, die Polizei formierte sich zu einem Schutzwall vor dem Block der Wolfsburger Fans.

          Schlimm genug, aber es geht noch schlimmer. In München musste am Dienstag die Partie gegen Regensburg unterbrochen werden, nachdem herausgerissene Sitzschalen und Eisenstangen auf das Spielfeld geflogen waren. Zehn Polizisten wurden bei den Auseinandersetzungen verletzt. Das alles wäre Grund genug gewesen, die Begegnung abzubrechen – dass sie fortgesetzt wurde, hängt nur damit zusammen, dass die Befürchtung vermutlich berechtigt war, dass sich die Randale dann noch verstärken würde.

          Fans von 1860 München rissen Sitze heraus und schmissen diese auf das Spielfeld. Bilderstrecke

          Die Vorkommnisse in dieser Wochen sind Wasser auf die Mühlen der Relegations-Kritiker. Zu viel stünde in diesen beiden Partien auf dem Spiel, zu heftig würde sich die Enttäuschung entladen. „Mit Blick auf die Vermarktung des Fußballs ist da eine ganze Menge Zynismus mit im Spiel: Wenn man zur besseren Vermarktung die Emotionen auf die Spitze treibt und sich hinterher beschwert, dass die Fans ihre Emotionen nicht im Griff hatten“, sagt etwa Michael Gabriel, der Leiter der Frankfurter Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). 

          Natürlich hatte die Wiedereinführung der Relegationsspiele im Jahre 2009 in erster Linie wirtschaftliche Hintergründe, die sich allesamt bestätigt haben, und niemand sollte darüber vergessen, dass die Vereine Profibetriebe sind und keine Versammlung von elf Freunden, die sich zufällig miteinander zum Kicken verabreden.

          Die Relegationsspiele in beiden Ligen haben bemerkenswerte Einschaltquoten und Zuschauerzahlen – in München etwa wurde am Dienstag mit 62.000 Besuchern ein Rekord aufgestellt. Es gibt viele Spiele im Profifußball, die nur eine sinnlose Erweiterung darstellen und Langeweile generieren – die Entscheidungen über Auf– und Abstieg aber gehören gewiss nicht dazu.

          Wenn die Angst vor Fan-Randale und das Verständnis für überkochende Emotionen aber zu einer ernsthaften Diskussionsgrundlage über Sinn und Unsinn einer Relegation werden, dann müsste man den Pokalwettbewerb und jedes K.o.-Spiel auch gleich mitabschaffen. Auch dort werden die Emotionen auf die Spitze getrieben.

          In England gab es am Montag eine Partie, in der viel mehr auf dem Spiel stand als in den Begegnungen in Deutschland. Das Play-off-Finale um den letzten freien Platz in der Premier League war wegen des exorbitanten Fernsehvertrages der englischen Topliga die lukrativste Fußball-Partie auf diesem Globus, und mehr auf die Spitze getrieben konnten die Emotionen nicht werden: Huddersfield Town setzte sich im Elfmeterschießen durch.

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          Man kann und sollte vielleicht darüber nachdenken, welche Belastung auf Spieler und Trainer wartet, wenn es um solch irrsinnige Summen von rund 200 Millionen Euro geht, welche Belastung vor allem auf einen Schiedsrichter zukommt, der die „Ehre“ hat, in einer solchen Begegnung eingesetzt zu werden. Ihr Hooligan-Problem haben die Engländer zumindest im Inland längst eingedämmt, weil es überhaupt keine Stehplätze mehr in den Stadien gibt, weil die Polizei gewaltbereite Fans schneller festsetzt und weil die Eintrittspreise enorm hoch angesetzt sind.

          In englischen Stadien hat deshalb zwar die Stimmung gelitten, aber Bilder wie aus Braunschweig und München fehlen. In der deutschen Ultra-Szene gibt es massive Proteste gegen den Deutschen Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga, und nicht alle sind unverständlich. Solange es aber zu solchen Tumulten kommt und Hooligans sich so in Szene setzen können, kann und darf der Ruf nach einem härteren Durchgreifen nicht verstummen. Diese „Fans“ sägen am eigenen Ast. Mit Stadionverboten der Vereine ist es nicht getan – es sind Straftaten, die begangen wurden, und als solche sollten sie von der Justiz auch behandelt werden.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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