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Regeländerungen im Fußball : „Die Grenzen haben wir gerade erlebt“

  • Aktualisiert am

Solche Szenen wie bei der WM 2010 könnten künftig einfacher zu erkennen sein - mit technischen Hilfen Bild: Getty Images

Lutz Michael Fröhlich ist stellvertretender Leiter der DFB-Schiedsrichterkommission und früherer Fifa-Referee. Im F.A.Z.-Interview spricht er über technische Hilfen und die Entscheidung darüber an diesem Donnerstag.

          Es wäre eine kleine Revolution: An diesem Donnerstag wollen die Regelhüter des Weltfußballs, das International Football Association Board, über die Einführung von Torlinientechnik entscheiden. Es ist auch eine Frage von politischer Brisanz: Während Fifa-Präsident Blatter die Technik befürwortet, setzt Uefa-Chef Platini auf Torrichter. Der nicht gegebene Treffer der Ukrainer bei der EM hat die Debatte noch einmal befeuert.

          An diesem Donnerstag wollen die Regelhüter entscheiden, ob sie künftig Torlinientechnik zulassen. Was erwarten Sie?

          Es muss möglichst eine Entscheidung rauskommen, die dem Fußball wirklich weiterhilft. Tor oder nicht Tor ist doch am Ende die wichtigste Frage in einem Fußballspiel. Hier eine zuverlässige Entscheidungshilfe zu haben, das sollte man nutzen. Die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung haben wir gerade bei der EM erlebt, als der Ball im Spiel der Ukraine gegen England zwar ganz knapp, aber dennoch durch Fernsehtechnik deutlich erkennbar, die Torlinie vollständig überschritten hatte und der „Torrichter“ das nicht erkannte. Da muss man sich dann auch mal in die Lage des Betroffenen versetzen, dem dieser durchaus menschliche Fehler unterlaufen ist. Wenn es da ein System gäbe, das objektiv feststellt, der Ball war im Tor, dann sind die Schiedsrichter absolut dafür.

          Aus Ihrer Sicht ist die Zeit also reif für die Einführung der Torlinientechnik?

          Wenn ein funktionierendes System existiert, dann durchaus.

          Die Fußballwelt scheint in dieser Frage an der Spitze gespalten: Während Fifa-Präsident Joseph Blatter sich für Torlinientechnik ausspricht, favorisiert sein Uefa-Kollege Michel Platini die Torrichter, über deren Zukunft ebenfalls an diesem Donnerstag entschieden werden soll. Wie bewerten Sie die Erfahrungen mit diesem Experiment?

          Die Torrichter sollen ja nicht nur über die Entscheidung Tor oder nicht Tor wachen, sondern auch bei der Bewertung von Spielsituationen im Strafraum helfen. Insofern ist Torrichter eigentlich der falsche Begriff, offiziell heißen sie deshalb Additional Assistant Referees. Zu Beginn des Experiments entstand manchmal der Eindruck, dass sie noch nicht so recht wussten, wie sie sich bewegen sollen und wann sie Hilfestellung geben sollen. Das ist jetzt schon deutlich anders geworden. Die Bereitschaft zur Unterstützung des Schiedsrichters ist sichtbarer, schon in der Körpersprache. Das war generell auch bei der EM so, auch wenn in einigen wenigen Fällen die notwendige Unterstützung zu einer richtigen Entscheidung fehlte.

          Lutz Michael Fröhlich und der DFB befürworten technische Hilfe für die Schiedsrichter - wenn sie zuverlässig ist

          Sie haben das nicht gegebene Tor der Ukraine schon angesprochen...

          Man muss dazu sagen: Der Ball war nicht so klar hinter der Linie, das war wirklich arg, arg knapp, der hat gerade mal nicht mehr die Linie berührt. Aber es war am Ende eigentlich ein Tor. Eine solche Situation steht dann natürlich medial im Mittelpunkt und wird nur allzu schnell benutzt, um den Unsinn eines Systems beweisen zu wollen oder die Notwendigkeit des Einsatzes eines anderen zu forcieren. In dieser politischen Diskussion steht dann ein Mensch, der Assistent, der aus seiner Sicht nach bestem Wissen und Gewissen entschieden hat und in diesem Szenario nun die Zeche dafür zahlen muss. Das ist unangenehm und auch eine Spur unfair.

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