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Real Madrid : Ein letzter schlechter Scherz

Trostloser Abgang: José Mourinho verlässt Madrid Bild: dpa

Real Madrid blamiert sich bei der Trennung von José Mourinho. Klubchef Pérez lässt das Versagen des Trainers unaufgearbeitet. Zurück bleiben Berge zerschlagenen Porzellans.

          Die Begründung, mit der Florentino Pérez nach 1007 Tagen die Trennung von Trainer José Mourinho bekanntgab, war ein Witz. Aber da der Präsident von Real Madrid ihn am Montagabend mit ziemlich ernstem Gesicht vortrug, umgab seine Worte der Weihrauch des offiziellen Real-Diskurses. „Natürlich“, sagte Pérez, hätte es ihm gefallen, wenn Mourinho weitergemacht hätte. Natürlich? Das Natürliche nach dieser verkorksten Saison ohne wichtigen Titel, dafür aber mit Bergen zerschlagenen Porzellans zwischen den Füßen einer frustrierten Mannschaft, wäre der umstandslose Rauswurf des Trainers gewesen. Eine einzige gewonnene Liga, eine Copa del Rey und ein spanischer Supercup in drei Jahren sind einfach zu wenig für einen Verein mit internationalen Ambitionen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch davon mochte der Klubherr nicht sprechen. Er flüchtete sich in die wolkige Formulierung, der „Druck“ auf seinen Coach sei zu groß geworden, so groß, dass - aber da verlor sich sein Satz schon wieder im Allgemeinen, und er sprach nicht mehr nur von „The Special One“, den er im Sommer 2010 geholt hatte, um die Vorherrschaft des FC Barcelona zu brechen, sondern von der Menschheit als solcher: Die Menschen hätten eben eine Grenze. Wer ständig hohe Anforderungen an sich selbst stelle, erleide den entsprechenden Verschleiß.

          Kann man einen Teil der präsidialen Rede als spanische Höflichkeit verbuchen, fällt ein anderer in die Kategorie dreister Irreführung. „In England dauert ein Spiel neunzig Minuten“, sagte Pérez, „plus zwei Stunden davor und danach. Hier dauert es sieben Tage die Woche.“ Das dürften die Trainer der Premier League anders sehen. „Zwischen dem nachvollziehbaren Druck und einem anderen, der nicht mehr nachvollziehbar ist, manchmal mit Beleidigungen und Beschimpfungen...“ Wieder brach sein Satz ab und verwehte im Ungefähren. „Denn jeder“, setzte Pérez neu an, „hat eine Familie, hat Kinder und lebt in einer Gemeinschaft.“

          Kein Wort zum Trainer

          Jetzt hätten den Journalisten in der Runde die Tränen kommen müssen, denn jeder wusste, worauf der Real-Boss anspielte: dass Mourinhos Sohn in der Schule gehänselt worden war. Des berühmten Vaters wegen. Im Nu stand der Portugiese als heroischer Daddy da, der in der härtesten Liga der Welt ausgeharrt habe, bis seine Familie an die Grenze der Leidensfähigkeit gekommen sei.

          Wer sich dagegen ein paar offene Worte zum Versagen des Trainers gewünscht hatte, sah sich enttäuscht. Der Provokateur, der Kleinliche und Arrogante war doch er, Mourinho! Nicht für Pérez. Mourinhos Bilanz bestehe in einem „bedeutenden Qualitätssprung“, sagte er, „sowohl sportlich als auch in der Wettbewerbsfähigkeit“. Als Argument dienten dem Präsidenten drei Champions-League-Halbfinalteilnahmen nacheinander. „Die Bilanz“, sprach Pérez, „ist positiv.“ Doch es ist unwahrscheinlich, dass die Mourinho-Jahre in der Rückschau heller glänzen werden als jetzt, in den Tagen des glanzlosen Endes.

          Peinlicher Auftritt: Real-Präsident Florentino Perez

          Nicht nur gegen den FC Barcelona, der sich souverän den Ligatitel zurückholte, auch gegen Borussia Dortmund im Halbfinale der Champions League und selbst gegen Atlético Madrid im Copa-Finale am vergangenen Freitag bekam Real eins auf die Nase. Warum holten immer andere die „big points“? Vermutlich doch, weil es an Konzentration, Motivation, taktischer Reife fehlte. Dass Dortmund den Madrilenen drei Tore in sechzehn Minuten verabreichte, war ein Debakel und ein schreiendes Symbol: Mourinho, hieß das, hatte es auch im dritten Jahr nicht geschafft, eine Truppe zu schmieden, die ihren Fußball beherrscht.

          Schuldig waren immer die anderen

          Das könnte auch an Faktoren liegen, die in der Rede des Präsidenten nicht zur Sprache kamen. Mourinho hat die Mannschaft mit Streitsucht und Günstlingspolitik gegen sich aufgebracht. Schuldig waren immer die anderen. Sein Versuch, den spanischen Nationaltorwart Iker Casillas zu demontieren, hat zu seiner eigenen Demontage beigetragen. Seine Differenzen mit Spielern wie Sergio Ramos, Marcelo, Pepe und auch Cristiano Ronaldo raubten dem Team den Zusammenhalt und ihm selbst die Autorität.

          Vor ein paar Tagen bekannte der Coach, gescheitert zu sein: Die abgelaufene Saison sei die schlechteste seiner Karriere. Jetzt beginnt bei Real das Reinemachen. Als Nachfolger wird Carlo Ancelotti von Paris Saint-Germain gehandelt, doch gerüchteweise fiel auch der Name Jupp Heynckes. Der weiß, was einem in Madrid blühen kann. Nachdem er 1998 mit Real gegen Juventus Turin die Champions League geholt hatte, wurde er entlassen, und von der Höflichkeit, mit der jetzt Mourinho die Tür gewiesen wird, konnte der Deutsche nur träumen.

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