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Real Madrid : Die Offensive der weißen Krieger

Garanten des Aufschwungs: Beckham und Van Nistelrooy Bild: dpa

Von abgetakelten Verlierern zu strahlenden Siegern: Spanien staunt über das Comeback von Real Madrid - mit heißem Herzen, aber hölzernem Fußballspiel. „Einheit“ heißt das Zauberwort - und heute abend winkt dem Starensemble der Meistertitel.

          Heute an diesem Sonntag um 22.45 Uhr steht fest, wer sich spanischer Fußballmeister nennen darf. Hätte jemand vor zwölf Wochen darauf gewettet, es könnte Real Madrid sein, er wäre für verrückt erklärt worden. Eine "absurde Saison" nannte Johan Cruyff die zurückliegende Spielzeit der Primera División. Was sich für Fans und Beobachter in das spannendste Finish der vergangenen zehn Jahre verwandelt hat, ist für die graue Eminenz des katalanischen Fußballs eine peinliche Verirrung. "Vereine, die schlecht spielen, stehen oben, und gut spielende sind unten." Kein Zweifel, wen Cruyff mit denen da oben meint.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wahr ist, dass am ehesten der FC Sevilla, zurzeit auf Platz drei geführt, den spanischen Meistertitel 2006/07 verdient hätte. Mit vergleichsweise wenig Geld, ohne Starrummel oder Skandale und mit dem unbestritten attraktivsten Fußball der Saison haben die Andalusier den Uefa-Cup geholt, stehen im Finale des spanischen Vereinspokals und könnten sogar noch Meister werden, sofern den beiden Großen am letzten Spieltag die Nerven durchgehen. Und im Tollhaus der spanischen Liga scheint alles möglich. Real Madrid und der FC Barcelona waren über einen Großteil der Saison - und aus unterschiedlichen Gründen - Karikaturen ihrer selbst.

          Gemeinsam war ihnen die Unfähigkeit

          Ebendeshalb hätscheln die Madrilenen die unerwartete Chance wie einen Teddybären. Plötzlich soll es nie etwas Schöneres gegeben haben als den Meistertitel. Dabei fiel dem damaligen Klubpräsidenten Florentino Pérez im Sommer 2003 nichts Besseres ein, als den Erfolgstrainer Vicente del Bosque dafür zu feuern, dass er nur den Meistertitel geholt hatte - nach zwei Champions-League-Trophäen in den Jahren 2000 und 2002.

          Treffsicher: der Holländer Ruud van Nistelrooy

          Dem schnauzbärtigen Mann mit den traurigen Augen folgten in achtundvierzig Monaten sechs weitere Cheftrainer. Gemeinsam war ihnen die Unfähigkeit, sich die Einmischungen der Vereinsführung vom Hals zu halten. Fabio Capello, der dickköpfigste von ihnen, könnte der Erste werden, dem ein zählbarer Erfolg gelingt. Es wäre das Ende einer Dauerkrise, die niemand abzuschütteln vermochte, nicht Zidane, nicht Figo, nicht Ronaldo oder einer der anderen Stars, die mit den reichlich sprudelnden Millionen aus Vermarktungsrechten zusammengekauft wurden.

          Wie Rafael Nadal

          Dann, auf dem Tiefpunkt, nach dem Ausscheiden aus der Champions League gegen Bayern München, ging ein Ruck durch die Mannschaft. In einer heroischen Partie drängten Raúl und Kollegen den FC Barcelona im Stadion Camp Nou an die Wand, und nur ein Hattrick von Leo Messi verhinderte den vollständigen Madrider Triumph. Dieses 3:3 im Februar war der Wendepunkt. Mit hölzernem Spiel, doch heißem Herzen fand die Mannschaft den Weg aus der Depression.

          Plötzlich zeigte sich, dass Real mehr körperliche Fitness hat als andere und selbst heikle Partien in den letzten zehn Minuten noch umbiegen kann. Seitdem gehen sie wie Krieger auf den Platz. Dass man so im europäischen Wettbewerb nicht bestehen könnte, kümmert zurzeit niemanden. "Einheit" heißt das Zauberwort. Spieler und Trainer sind zusammengerückt, wie man es seit langem nicht gesehen hatte, und beschwören den neuen Kampfgeist. Real Madrid, sagt Kapitän Raúl, sei genau wie Rafael Nadal: ein Siegertyp.

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