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Real-Kommentar : Jahre des Versagens

Abgang: José Mourinho muss Real verlassen Bild: dpa

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit.

          Ein Trainer wie José Mourinho macht so viel Radau, dass sich nicht nur die Mannschaft, sondern auch der Präsident dahinter bequem eine Weile verstecken kann, und die Medien, die so leidenschaftlich über den Portugiesen schimpfen, leben vom Spektakel nicht schlecht. Seien wir ehrlich: In Madrid brechen wieder langweiligere Zeiten an.

          Doch der Rauswurf Mourinhos war überfällig, nicht nur wegen der Destruktivität oder erwiesenen Erfolglosigkeit des Mannes, der sich gern „The Special One“ nennen lässt. Sondern auch, weil der Blick jetzt wieder frei wird auf die Herrschaft des Florentino Pérez. Er, der diskret auftretende Real-Vereinspräsident mit Hunderten Millionen Euro im Rücken, der Bauunternehmer, Finanzierungsexperte und Marketingstratege, hat in seiner rund zehnjährigen Amtszeit - erst von 2000 bis 2006, dann von 2009 bis heute - vor allem eins: in ganz großem Stil versagt.

          Perez schielt auf falsche Dinge

          Florentino Pérez hat mit beispielloser Ahnungslosigkeit einen Trainer nach dem anderen eingestellt, nämlich bis heute acht, nur um sie bald darauf wieder wegzuschicken und einen neuen auszuprobieren. Vor allem hat er den besten Coach der jüngeren Vereinsgeschichte aus Ignoranz gefeuert, weil er ihn nicht „modern“ genug fand: Vicente del Bosque war kaum länger Cheftrainer als José Mourinho, gewann in seinen drei Jahren bis 2003 jedoch zweimal die Champions League, zweimal die Meisterschaft und drei weitere Titel.

          Wer Ahnung von Fußball hat, lässt so einen Mann in Ruhe arbeiten, wie es der spanische Fußballverband vormacht. Doch Pérez schielt auf flüchtigere Werte und die Aura der Weltstars. Mit diesen verdient er tatsächlich Geld, und in Sachen Imagekampagnen, Erschließung neuer Märkte in Asien oder verkaufter Trikots kann man ihm kaum etwas vormachen. Weil das Geld nur so in die Kassen rauscht, lässt man ihn gewähren. Der heutige Vereinsvorstand ist sein willfähriges Instrument. Und letzten Herbst hat Pérez eine Änderung der Statuten durchgesetzt, so dass künftig nur noch Präsident werden kann , wer seit mindestens zwanzig Jahren Vereinsmitglied ist (früher zehn) und außerdem eine Bankbürgschaft in Höhe von 15 Prozent des Real-Jahreshaushalts mitbringt, also die schlappe Summe von gut siebzig Millionen Euro.

          Mit anderen Worten, die neuen Bestimmungen sind für Pérez wie ein Maßanzug. Deshalb überrascht es nicht, dass sich für die Vorstandswahlen am kommenden 16. Juni noch kein Gegenkandidat aus der Deckung getraut hat. Wahrscheinlich wird Pérez also weitermachen - Geld generieren, Geld verbrennen, Stars zusammenkaufen, eine neue Ära ausrufen und so weiter. Eigentlich müsste aber mal jemand laut sagen, was jeder den Statistiken entnehmen kann: Florentino Pérez hat zehn Jahre lang versagt. Er hat Titel geradezu verhindert, weil er nicht genug von Fußball versteht. José Mourinho, dachten wir, war seine letzte Patrone. Wer als nächstes gehen müsste, wäre er selbst.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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