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Reaktionen auf Coming-out : „Ich find’s Hammer“

  • Aktualisiert am

Eine „mutige und richtige Entscheidung“: Lukas Podolski Bild: dpa

Die Reaktionen auf Hitzlspergers Coming-out sind positiv. Der DFB sagt ihm „jede Unterstützung“ zu. Lukas Podolski nennt den Schritt ein „wichtiges Zeichen“. Bundestrainer Löw fordert Respekt. Auch von Politikern gibt es Lob.

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          Die Unterstützung des gesamten Fußballs hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, dem früheren Nationalspieler Thomas Hitzlsperger zugesagt. „Er war zu seiner Zeit als Nationalspieler immer ein Vorbild, vor dem ich den höchsten Respekt hatte - und dieser Respekt ist jetzt noch weiter gewachsen“, erklärte Niersbach in einer Mitteilung des DFB. Nach Hitzlspergers Schritt, seine Homosexualität öffentlich zu machen, stehe der Verband zu seinem Wort, „dass er von uns jede erdenkliche Unterstützung bekommt“.

          „Als Thomas noch aktiver Nationalspieler war, hatten wir von seiner Homosexualität keine Kenntnis. Er hat sich erst nach seinem Karriereende an uns gewandt und uns darüber informiert“, erklärte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Bundestrainer Joachim Löw forderte Respekt. „Thomas hat für sich persönlich entschieden, diesen Schritt zu gehen, und er sollte in einer toleranten Gesellschaft von allen respektiert werden“, sagte Löw auf der DFB-Internetseite. Für ihn als Trainer seien „alleine die sportlichen Leistungen und das soziale Verhalten eines Spielers entscheidend, und ich habe Thomas immer als ehrgeizigen, zuverlässigen Profi kennengelernt“, betonte Löw.

          „Er bekommt von uns jede erdenkliche Unterstützung“: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

          Ligapräsident Reinhard Rauball äußerte sich ebenfalls voller Respekt. „Die Entscheidung von Thomas Hitzlsperger, sich als erster prominenter Fußballer öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen, ist auch nach seiner aktiven Karriere ein großer und mutiger Schritt und im Kampf gegen Homophobie sicherlich wegweisend“, erklärte Rauball. Rauball schränkte ein, dass die Reaktionen im Falle des Outings eines aktiven Profis mit Blick auf die enorme Öffentlichkeit im Profifußball jedoch weiterhin nur schwer kalkulierbar wären. „In dieser Hinsicht tragen die Klubs als Arbeitgeber eine außerordentliche Verantwortung“, meinte der Präsident des Bundesligavereins Borussia Dortmund. Rauball würde vor diesem Hintergrund einem Betroffenen raten, „im ersten Schritt die Vereinsverantwortlichen wie Vorstand und Trainer sowie Mannschaftskollegen ins Vertrauen zu ziehen“.

          Fußball-Nationalspieler Lukas Podolski bezeichnete das Coming-Out seines ehemaligen Kollegen in der Nationalelf, Thomas Hitzlsperger, als „wichtiges Zeichen“. Dies sei eine „mutige und richtige Entscheidung“, schrieb Podolski am Mittwoch auf Twitter. „Respekt, Thomas Hitzlsperger.“ Podolski und Hitzlsperger hatten zusammen unter anderem bei der WM 2006 in Deutschland  in der Nationalmannschaft gespielt. „Bin stolz auf dich. Gute Entscheidung und aus meiner Sicht richtiger Zeitpunkt“, schrieb der frühere Nationalspieler Arne Friedrich.

          „Ich find’s Hammer von ihm. Meinen allergrößten Respekt! Denn gerade als Fußballer ist es auch nach der aktiven Karriere bestimmt nicht einfach. Ich finde vor allem die Äußerung sehr toll, dass er mit seinem Outing die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“, sagte die Fechterin Imke Duplitzer, die selbst offen lesbisch ist. „Das ist ein gutes Signal. Jeder weiß, dass es auch im Spitzensport Schwule und Lesben gibt. Von daher verdient Thomas Hitzlspergers Coming Out unseren großen Respekt. Es ist für ihn sicher keine leichte Entscheidung gewesen“, sagte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper.

          „Glückwunsch Thomas Hitzlsperger , ein Super schritt – vielleicht folgen noch mehr !!“, schrieb die Diskuswerferin Nadine Müller, die vor kurzem ihre Lebensgefährtin geheiratet hatte, via Twitter. „Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz.“ In den vergangenen Jahren habe Deutschland hier schon enorme Fortschritte gemacht. „Wir leben im Großen und Ganzen im Respekt voreinander unabhängig davon, ob der Mitmensch Männer liebt oder Frauen liebt“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

          Hitzlsperger schoss in 52 Länderspielen sechs Tore

          Auch der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) nahm das Coming-out von Hitzlsperger positiv auf. „Das ist ein sehr ermutigendes Zeichen, insbesondere für junge schwule Fußballer, dass sie sich zu ihrer Identität bekennen können und kein Versteckspiel führen müssen“, sagte stellvertretend Jörg Steinert, der Geschäftsführer vom LSVD Berlin-Brandenburg der Nachrichtenagentur dpa. Steinerts Landesverband widmet sich im LSVD traditionell besonders dem Thema Homophobie im Fußball.

          Steinert betonte, es gehe darum, dass sich junge Männer in einem oft als schwulenfeindlich empfundenen Umfeld wohlfühlen könnten und nicht verstellen oder gar lügen müssten. LSVD-Sprecher Axel Hochrein sagte laut Mitteilung: „Offene Worte, Flanke und Treffer: Für uns das Tor des Monats! Das öffentliche Bekenntnis Hitzlpergers zu seiner Homosexualität rüttelt an einem der größten Tabus im Profifußball. Es ist ein sehr wichtiger Schritt, um die Diskussion zu beleben und wird für die nächste Generation von Fußballern von großer Bedeutung sein.“

          Mit der Nationalelf stand er im EM-Endspiel 2008

          Der Chefredakteur des Schwulenmagazins „Männer“ und katholische Theologe David Berger sieht im Coming-out von Hitzlsperger nur einen Anfang. „Das Coming-out erfolgte erst nach seiner Karriere als aktiver Profi-Fußballer - das Coming-out eines aktiven Profi-Fußballers steht noch aus“, gab Berger zu bedenken. Fußball sei nach wie vor eine Domäne, „in der die typischen ungerechten und falschen Vorurteile gegen Schwule wuchern: Unmännlichkeit, Schwäche, fehlendes Durchsetzungsvermögen.“

          Nun bröckelten diese Vorurteile, erklärter Berger, der bis zu seinem Coming-out als katholischer Spitzentheologe an einer päpstlichen Akademie in Rom lehrte. „Wichtig ist jetzt, dass sich der DFB klar hinter Hitzlsperger stellt.“ Nur dann könne er zum Vorbild für junge Fußballer werden. Außerdem betonte Berger: „Man kann schwul und - nicht trotzdem, sondern gerade deshalb, weil man schwul ist und dazu mutig und selbstbewusst steht -, ein guter Fußballer sein.“

          Die erfolgreichste Zeit in der Bundesliga hatte Hitzlsperger in Stuttgart

          Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld gratulierte. „Er setzt mit seiner Sichtbarkeit ein Zeichen, auf das viele Menschen gewartet haben. Ein Zeichen, dass schwule und lesbische Sportlerinnen und Sportler auf allen Ebenen des Sports aktiv sind - auch im Profisport“, sagte Jörg Litwinschuh, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung, laut Mitteilung. Litwinschuh betonte: „Von den öffentlichen Reaktionen wird es abhängen, ob nun weitere Spieler und Spielerinnen - auch in anderen Sportarten - den Weg wagen, zu dem ich sie ermutigen möchte.“

          Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wurde im Sinne eines kollektiven Ausgleichs für homosexuelle Opfer in der deutschen Geschichte gegründet. Sie soll mit interdisziplinärer Forschung und Bildung der Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen entgegenwirken. Benannt ist sie nach dem Arzt, Sexualforscher und Mitbegründer der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, der 1935 im französischen Exil starb. Die Stiftung war auch Initiatorin der „Berliner Erklärung vom 17. Juli 2013. Gemeinsam gegen Homophobie, für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport“.

          Mit dem VfB gewann er 2007 die deutsche Meisterschaft

          Der frühere Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) lobte Hitzlsperger. „Dieser Mut verdient größten Respekt“, sagte Westerwelle „Zeit online“. Er fügte hinzu: „Der Schritt in die breite Öffentlichkeit liest sich viel leichter, als er tatsächlich ist.“ Westerwelle sagte, er erhoffe sich von Hitzlspergers Entscheidung, seine Homosexualität öffentlich zu machen, „Ermutigung, Respekt und Anerkennung für die vielen, die im Hinblick auf ihre gleichgeschlechtliche Orientierung noch mit sich, ihrem Umfeld und der Gesellschaft ringen“. Westerwelle hatte seine Homosexualität bereits vor Jahren bekanntgemacht.

          Der Grünen-Politiker Volker Beck lobte Hitzlsperger ebenfalls für sein Outing. „Ich habe großen Respekt“, sagte Beck, der selbst einer der ersten bekennenden Schwulen im Bundestag war, am Mittwoch in Berlin. Im männlichen Profi-Fußball sei Homosexualität leider immer noch ein Tabu. „Ich hoffe, dass Hitzlspergers mutiger Schritt dazu beiträgt, dass dieses Tabu endlich fällt. Es ist jetzt Aufgabe des DFB, aktiven Spielern Mut zu machen!“ Schade sei allerdings, dass das Outing erst nach Beendigung von Hitzlspergers aktiver Karriere möglich gewesen sei.

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