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Reaktion auf Krawalle : Zwangspause für Fußball in Sachsen

  • Aktualisiert am

Durch Hooligans beschädigter Einsatzwagen Bild: dpa

Nach den Krawallen von Leipzig hat der Sächsische Fußball-Verband rund 60 Spiele am Wochenende abgesetzt. „Es ist ein symbolischer Akt. Wir mussten Zeichen setzen“, sagte Verbands-Präsident Klaus Reichenbach. Zudem drohe Lok Leipzig der Ausschluss aus seiner Spielklasse.

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          Der Sächsische Fußball-Verband (SFV) hat nach den Krawallen von Leipzig rund 60 Fußball-Spiele am Wochenende abgesetzt. Der SFV folgte damit DFB-Präsident Theo Zwanziger, der ein deutliches Signal gefordert hatte und sorgte zudem für ein Novum im deutschen Fußball.

          „Spiele auszusetzen sind ein symbolischer Akt. Wir mussten Zeichen setzen“, sagte SFV-Präsident Klaus Reichenbach am Dienstag. Demnach sind alle Clubs von der Kreisklasse bis zur Landesliga von den Absagen betroffen. „Die Vereine setzen ein deutliches Zeichen der Solidarität in Richtung der Polizei und zeigen, dass Gewalt in und um die Fußballplätze Sachsens nicht toleriert werden kann“, sagte Zwanziger zu der Absage.

          Lok Leipzig droht Ausschluss aus Spielklasse

          Auch der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Helmuth Spahn, begrüßte die Entscheidung. „Wir kapitulieren damit aber nicht vor den Randalierern“, betonte er. Die generelle Absage steht im Zusammenhang mit den schweren Ausschreitungen von rund 800 Gewalttätern nach dem Sachsenpokal-Spiel zwischen dem Sechstliga-Verein Lok Leipzig und Erzgebirge Aue II (0:3) mit 39 verletzten Polizisten.

          Reichenbach sagte zudem, dass dem 1. FC Lok Leipzig der Ausschluss aus seiner Spielklasse droht. „Wir müssen überlegen, ob wir es uns auf Dauer erlauben können, so einen Verein in so einer Spielklasse zuzulassen“, sagte Reichenbach: „Das muss auch den Fans klar werden, wenn sie das nicht akzeptieren, müssen wir den Verein in dieser Liga eliminieren.“

          Spieler wollen sich nicht den Randalierern beugen

          Unterdessen haben Leipziger Mannschaft und Trainer auch über das Wochenende hinaus mit einem Spielboykott gedroht, wenn Chaoten bei einer Partie des Clubs erscheinen. „Wir nehmen uns das Recht heraus vom Platz zu gehen, wenn wir diese Randalierer noch einmal in einem Stadion sehen. Darauf haben sich Team und Trainer geeinigt“, sagte Mannschaftskapitän Holger Krauß.

          Gleichzeitig kritisierte Krauß die Absage des Spieltags: „Andere Vereine werden mitbestraft. Und die Chaoten haben erreicht, dass sie so viel Einfluss bekommen. Das ist das falsche Zeichen.“ Auch der Leiter der Koordinierungsstelle für Fanprojekte (KOS), Michael Gabriel, reagierte mit Skepsis auf die Absagen. Dies sei ein „Zeichen für Unsicherheit“, meinte Gabriel in Frankfurt/Main beim internationalen Fan-Kongress zur EM 2008. „Ich weiß nicht, wie das bei den Vereinen ankommt.“

          Lok-Vorstand wehrt sich

          Unterdessen hat sich der Vorstand des 1. FC Lok gegen Vorwürfe gewehrt, Sicherheitsstandards nicht eingehalten zu haben. „Wie seit drei Jahren wurde auch vor diesem Spiel eine Sicherheitskonferenz, wie sie jeder Oberligaverein machen muss, durchgeführt. Alle Sicherheitsmaßnahmen, auch strenge Einlasskontrollen, wurden einvernehmlich mit Vertretern der Stadt Leipzig sowie der Polizei abgestimmt“, teilte der Verein in einer schriftlichen Erklärung mit.

          Es sei unverständlich, dass Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung dem Verein im Nachhinein ein Fehlverhalten anlasten wollten. „Nach dem Umfang des Kartenvorverkaufs wurde das Ordnerkontingent weiter aufgestockt. Insgesamt waren es 40 Prozent mehr als die Spielordnung des SFV es fordert“, heißt es.

          Härtere Gangart der Polizei angekündigt

          Zuvor hatte der Freistaat Sachsen bei einer Pressekonferenz in Dresden mit Innenminister Buttolo eine härte Gangart gegen Hooligans angekündigt. Demnach sollen bei brisanten Spielen sachsenweit so genannte Sport-Staatsanwälte zum Einsatz kommen, die bei Bedarf an Ort und Stelle Haftbefehle beantragen können.

          Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) begrüßt die Absage der Fußball-Spiele. „Damit setzt der Fußballverband ein Zeichen der Solidarität mit unseren Polizistinnen und Polizisten. Alle Seiten sollten die Zeit zur Besinnung nutzen und überlegen, wie künftig die Sicherheit der Spiele gewährleistet werden kann“, sagte der Bundesvorsitzende der DPolG, Wolfgang Speck.

          „Macht ihn platt! Du kommst nicht mehr heim“

          Die Gewerkschaft fordert eine stärkere Zuarbeit der Vereine, was Kenntnisse über gewaltbereite Fans betrifft. „Die Polizei ist in ihrer Erstellung von Gefährdungsanalysen auf die Kooperationsbereitschaft der Fußball-Vereine angewiesen. Die Verantwortlichen sollten deshalb zukünftig alle Karten auf den Tisch legen und das Problem der auf Randale fixierten Fans nicht weiter klein reden.“

          Beim Einsatz in Leipzig sei man besorgt um das Leib und Leben der Beamten gewesen. Der Leipziger Polizeichef Rolf Müller erinnerte an jenen Zivilbeamten, der von Hooligans gejagt worden war und dann einen Warnschuss abgegeben hatte. Die Täter hätten ihn mit den Worten „Macht ihn platt! Du kommst nicht mehr heim“ verfolgt.

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