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Rapper Marteria : „Es steckt so viel Wahnsinn im Fußball“

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„Beim Fußball agiert man in einem System, das ist viel einfacher”: Rapper Marteria Bild: Four Music

Der Rapper Marteria war Jugend-Nationalspieler und hatte das Zeug zum Profi. Dann gab der Rostocker einen Traum für einen anderen auf. Er entschied sich für die Musik. Ein Gespräch über große und kleine Bühnen, über Gewalt und über die Liebe der Fans zu ihrem Verein.

          Fußball, Modeln, Rappen, Schauspielen - auf welcher Bühne ist der Kick am größten?

          Beim Musikmachen. Wenn so viele Leute kommen, um einen zu sehen, wenn man mit etwas Eigenem Menschen berührt, Gefühle freisetzt. Beim Fußball geht es weniger um den Einzelnen, mehr um das Team, um den Stolz der Mannschaft. Beim Modeln bist du nur eine Marionette, das hat mit Emotionen nicht viel zu tun.

          Man geht raus auf die Bühne und raus auf den Platz - ist das vergleichbar?

          Beim Fußball bist du am Anfang wahnsinnig konzentriert und wahnsinnig aufgeregt. Das ist ähnlich wie auf der Bühne, aber das legst du schnell ab. Wenn ich als Musiker auf der Bühne einen Fehler mache, ist das nicht schlimm. Wenn ich mich versinge, verrappe, akzeptieren meine Fans diese Schwäche, diesen Fehler. Viel schlimmer ist es bei der Schauspielerei. Je weniger Zuschauer, desto schwieriger wird es. Wenn in einem kleinen Theater fünfzig Leute sitzen und du zweieinhalb Stunden Faust spielst und diesen Textwahnsinn im Kopf hast, immer aufpassen musst, dass du keinen Fehler machst, und dann siehst du noch deine Mutti da sitzen, dann bist du hundertmal aufgeregter als in einem Stadion. Beim Fußball agiert man in einem System, das ist viel einfacher.

          „Spannender, über Hooligans zu schreiben als über 4000 coole Fans beim Auswärtsspiel in Regensburg”: Foto von den Ausschreitungen in Rostock nach dem Spiel gegen St. Pauli am 2. November 2009

          Mit 28 sind Sie im besten Fußballeralter. Bedauern Sie, dass Sie heute nicht bei einem großen Klub spielen? Sie galten in der Jugend als Riesentalent, waren Hansa-Kapitän, haben gegen Arsenal und Manchester gespielt und gewonnen, waren U-17-Nationalspieler.

          Es gab Zeiten, in denen ich meine Entscheidung bereut habe. Das war, als ich den Traum vom Fußball aufgegeben hatte, um in New York zu modeln - und dann gemerkt habe, das ist nichts für mich.

          Von Rostock nach Manhattan - wie ist es dazu gekommen?

          Ich war 17 und habe meine Schwester in New York besucht, sie war dort Aupair, am ersten Tag wurde ich auf der Straße von einem Modelscout angesprochen, und dann hat man mir einen Vertrag angeboten. Die haben gesagt, wir schicken dich durch die Welt, dann war die Frage: Kann ich das ablehnen? Es war eine große Entscheidung, die schwerste meines Lebens. Ich kam ja aus einem Rostocker Plattenbau, mein Leben war immer gleich gewesen, alles drehte sich immer um Fußball, und dann das Angebot: New York, Manhattan. Ich wusste: Lehne ich das ab, werde ich es mir ein Leben lang vorwerfen.

          Sie haben einen Traum für einen anderen aufgegeben?

          Ja, ich bin mein Leben lang Fußballer gewesen. Mit sechs habe ich bei Hansa angefangen, habe meine ganze Kindheit bei dem Verein verbracht. Ich war in der Sportförderschule, wir haben zweimal am Tag trainiert, alles hatte nur ein Ziel: Fußballprofi werden. Heute weiß ich, dass es auch einen anderen Grund hatte, dass ich damals mit dem Fußball aufhörte. Ich war nicht wirklich frei. Alles war sehr leistungsorientiert, sehr mechanisch, man musste funktionieren.

          Sie wollten nicht mehr funktionieren?

          Das war nicht mein Problem. Ich war einer von denen, die funktionierten. Ich bin damit klargekommen, aber es hat mich nicht befriedigt. Es war zu abgestumpft, zu sehr nur auf Fußball konzentriert. Für den, der über den Tellerrand hinausblickte, wurde es schon eng. Aber letztlich war es einfach so: Ich wollte nach New York, ich wollte dieses Angebot nicht ausschlagen.

          Hat es sich gelohnt?

          Die Lust für etwas lässt sich nicht kalkulieren, sie steckt in einem oder nicht. Ich habe nach drei, vier Wochen gemerkt, dass das nicht mein Ding war, und mich dann
          ein Jahr durchgekämpft. Modeln ist wahnsinnig dumm, wahnsinnig oberflächlich. Es ist das komplette Gegenteil dessen, was ich immer machen wollte. Nach einem Jahr bin ich zurück nach Rostock und dann nach Berlin auf die Schauspielschule. Dreieinhalb Jahre, mit Abschluss. Ich wollte endlich etwas beenden. In Rostock hatte ich während meiner Hansa-Zeit eine Lehre als Industriekaufmann angefangen, aber es ist nichts für mich gewesen, an diesem Computer zu sitzen, gegenüber eine Frau, die den Job schon ihr halbes Leben macht und von ihrem Schrebergarten erzählt und davon, wie schlimm doch alles ist. Ich musste da raus, musste mich bewegen, atmen, mich entfalten.

          Hatten Sie als Fußballer das Zeug zum Profi?

          Es gibt ja viele, die in Jugendmannschaften sehr stark sind, dann aber wegbrechen. Oft setzen sich nicht die durch, die anfangs vorn sind, sondern die, die eine gesunde Entwicklung nehmen, die sich Jahr für Jahr verbessern, die dann da sind, wenn es drauf ankommt. Talent ist wichtig im Fußball, aber am Ende zählt es, ähnlich wie bei anderen Sachen, doch nur 50 Prozent. Der Einsatz, der Wille haben bei mir gestimmt. Ich spielte rechts hinten in der Viererkette, ich mochte Zweikämpfe, ich hatte Power in der Defensive und Zug nach vorn. Ich glaube schon, dass ich es geschafft hätte.

          Glauben Sie, dass Spieler wie Schweinsteiger, Ballack oder Lahm im Profizirkus noch Spaß am Fußball haben?

          Ich glaube, dass sich einer wie Schweinsteiger einmal am Tag eine halbe Stunde einschließt, um einfach mal zu lachen. Dass er feiert, was er macht und wie viel Geld er dafür bekommt. Ich glaube, dass einer wie Schweinsteiger das alles richtig einschätzen kann. Ballack - das ist ein alter Ossi aus Chemnitz, der sollte das auch können, bei Lahm sehe ich ein bisschen sehr viel Fußball im Kopf, aber die Jungs werden alle wissen, dass sie ein wahnsinniges Glück haben mit dem, was sie erleben dürfen.

          Sind Sie als Hansa-Fan warm geworden mit dem Berliner Fußball?

          Ich war öfter mal bei Union, auch bei der Hertha. Union ist ein sehr, sehr traditionsreicher Verein, ein Arbeiterverein, sehr schön, auch Hertha hat eine lange Tradition, auch schön, aber ich bin Rostocker, und man zieht ja nicht um und wechselt dann einfach den Verein. Ich hätte Profi werden können, und wenn man es dann doch nicht geworden ist, wird man später noch mehr zum Fan. Ich fiebere, zittere und leide mit meinem Klub.

          Müssen Sie sich nicht ständig rechtfertigen als Hansa-Fan? Der Verein hat nicht den besten Ruf, hat mit einer rechtsradikalen Klientel zu kämpfen.

          Fast jeder Ostverein - mit ein paar Ausnahmen wie Sachsen Leipzig oder Babelsberg, die als linke Vereine gelten - hat diesen Stempel. Ich repräsentiere meinen Verein mit größtem Stolz überall, auch bei der Echo-Verleihung vor ein paar Millionen Leuten. Ich stehe zu diesem Verein, ich stehe dazu, woher ich komme. Ich kenne so viele Hansa-Fans, und so viele sind ganz normal. Schalke, der HSV, St. Pauli, jeder Verein ist auch immer ein Anziehungspunkt für Pöbel. Fußball ist der Querschnitt dessen, was eine Gesellschaft ausmacht. Rostock wird das Image, das es nach den rechtsradikalen Vorfällen 1992 hat, nicht mehr los. Es ist für die Medien halt auch spannender zu schreiben, da sind Nazis, Hooligans, als darüber zu berichten, dass 4000 coole Fans in der dritten Liga mit nach Regensburg fahren, dass dieser Verein das zweitgrößte Auswärtspotential in Deutschland hat. Frankfurt, Dresden, Hansa - das sind für mich die drei stärksten Vereine, was die Zahl der Fans und die Power bei Auswärtsspielen betrifft.

          Es kommt auch immer wieder zu Gewaltausbrüchen. Ist diese Gewalt Selbstzweck?

          Man muss eines verstehen, was viele Leute nicht verstehen: dass Fußball für viele viel mehr ist als Fußball. Für sie ist ihre Mannschaft wie eine Frau, wie die große Liebe, die verteidigt werden muss, wenn sie angegriffen wird. Ich bin kein gewaltbereiter Fan, aber ich verstehe das. Es steckt so viel Wahnsinn darin. Ich verstehe auch, dass sich Fans dagegen wehren, wenn Leute in ihren Verein kommen, Sponsoren oder Investoren, und über das entscheiden, was ihr Herz berührt. Die Fans sind der Verein. Vergisst der Verein das, werden die Fans sauer. Und man sollte sich nichts vormachen: Ohne Fans funktioniert das alles nicht.

          Sie sind ein Fußballromantiker?

          Ja, und ich bin gegen Modelle wie in Hoffenheim. Ich bin kein Hopp-Gegner, ich weiß, was er für seine Region geleistet hat, ich mag ihn dafür, aber ich finde es ungerecht, wenn einer so viel Geld in einen Verein pumpt. Ich bin auch kein Fan von Werksklubs, ich mag traditionsreiche Vereine. Man freut sich viel mehr, wenn ein solcher Klub es schafft.

          Warum kommt der Osten im Fußball nicht auf die Beine?

          Vereine wie Dynamo Dresden haben eine wahnsinnige Tradition, ein unglaubliches Potential. Wenn Magdeburg in der Bundesliga spielen würde, hätten die gegen Bayern auch 80.000 Leute im Stadion. Diese ganzen Traditionsvereine sind durch Misswirtschaft weggebrochen. Das ist sehr traurig. Es sind eher kleinere Vereine, die früher in der DDR eine nicht so große Rolle gespielt haben, die nach der Wende Erfolg hatten, sie haben das durch solides Arbeiten geschafft.

          Was ist mit Red Bull, das sich in Leipzig daranmacht, einen Dosenverein zu produzieren?

          Man wird sehen, ob das angenommen wird von den Leipzigern. Ich denke schon, dass es da eine Sucht gibt nach der Bundesliga, nach zwanzig Jahren Leiden und nichts haben. Als hätte man Hamburg den HSV weggenommen - so ein Gefühl haben die Leute. Sie haben die Identifikation verloren. Sie haben einen Lichtblick weniger im Leben.

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