https://www.faz.net/-gtl-ytqu

Rapper Marteria : „Es steckt so viel Wahnsinn im Fußball“

  • Aktualisiert am

Glauben Sie, dass Spieler wie Schweinsteiger, Ballack oder Lahm im Profizirkus noch Spaß am Fußball haben?

Ich glaube, dass sich einer wie Schweinsteiger einmal am Tag eine halbe Stunde einschließt, um einfach mal zu lachen. Dass er feiert, was er macht und wie viel Geld er dafür bekommt. Ich glaube, dass einer wie Schweinsteiger das alles richtig einschätzen kann. Ballack - das ist ein alter Ossi aus Chemnitz, der sollte das auch können, bei Lahm sehe ich ein bisschen sehr viel Fußball im Kopf, aber die Jungs werden alle wissen, dass sie ein wahnsinniges Glück haben mit dem, was sie erleben dürfen.

Sind Sie als Hansa-Fan warm geworden mit dem Berliner Fußball?

Ich war öfter mal bei Union, auch bei der Hertha. Union ist ein sehr, sehr traditionsreicher Verein, ein Arbeiterverein, sehr schön, auch Hertha hat eine lange Tradition, auch schön, aber ich bin Rostocker, und man zieht ja nicht um und wechselt dann einfach den Verein. Ich hätte Profi werden können, und wenn man es dann doch nicht geworden ist, wird man später noch mehr zum Fan. Ich fiebere, zittere und leide mit meinem Klub.

Müssen Sie sich nicht ständig rechtfertigen als Hansa-Fan? Der Verein hat nicht den besten Ruf, hat mit einer rechtsradikalen Klientel zu kämpfen.

Fast jeder Ostverein - mit ein paar Ausnahmen wie Sachsen Leipzig oder Babelsberg, die als linke Vereine gelten - hat diesen Stempel. Ich repräsentiere meinen Verein mit größtem Stolz überall, auch bei der Echo-Verleihung vor ein paar Millionen Leuten. Ich stehe zu diesem Verein, ich stehe dazu, woher ich komme. Ich kenne so viele Hansa-Fans, und so viele sind ganz normal. Schalke, der HSV, St. Pauli, jeder Verein ist auch immer ein Anziehungspunkt für Pöbel. Fußball ist der Querschnitt dessen, was eine Gesellschaft ausmacht. Rostock wird das Image, das es nach den rechtsradikalen Vorfällen 1992 hat, nicht mehr los. Es ist für die Medien halt auch spannender zu schreiben, da sind Nazis, Hooligans, als darüber zu berichten, dass 4000 coole Fans in der dritten Liga mit nach Regensburg fahren, dass dieser Verein das zweitgrößte Auswärtspotential in Deutschland hat. Frankfurt, Dresden, Hansa - das sind für mich die drei stärksten Vereine, was die Zahl der Fans und die Power bei Auswärtsspielen betrifft.

Es kommt auch immer wieder zu Gewaltausbrüchen. Ist diese Gewalt Selbstzweck?

Man muss eines verstehen, was viele Leute nicht verstehen: dass Fußball für viele viel mehr ist als Fußball. Für sie ist ihre Mannschaft wie eine Frau, wie die große Liebe, die verteidigt werden muss, wenn sie angegriffen wird. Ich bin kein gewaltbereiter Fan, aber ich verstehe das. Es steckt so viel Wahnsinn darin. Ich verstehe auch, dass sich Fans dagegen wehren, wenn Leute in ihren Verein kommen, Sponsoren oder Investoren, und über das entscheiden, was ihr Herz berührt. Die Fans sind der Verein. Vergisst der Verein das, werden die Fans sauer. Und man sollte sich nichts vormachen: Ohne Fans funktioniert das alles nicht.

Sie sind ein Fußballromantiker?

Ja, und ich bin gegen Modelle wie in Hoffenheim. Ich bin kein Hopp-Gegner, ich weiß, was er für seine Region geleistet hat, ich mag ihn dafür, aber ich finde es ungerecht, wenn einer so viel Geld in einen Verein pumpt. Ich bin auch kein Fan von Werksklubs, ich mag traditionsreiche Vereine. Man freut sich viel mehr, wenn ein solcher Klub es schafft.

Warum kommt der Osten im Fußball nicht auf die Beine?

Vereine wie Dynamo Dresden haben eine wahnsinnige Tradition, ein unglaubliches Potential. Wenn Magdeburg in der Bundesliga spielen würde, hätten die gegen Bayern auch 80.000 Leute im Stadion. Diese ganzen Traditionsvereine sind durch Misswirtschaft weggebrochen. Das ist sehr traurig. Es sind eher kleinere Vereine, die früher in der DDR eine nicht so große Rolle gespielt haben, die nach der Wende Erfolg hatten, sie haben das durch solides Arbeiten geschafft.

Was ist mit Red Bull, das sich in Leipzig daranmacht, einen Dosenverein zu produzieren?

Man wird sehen, ob das angenommen wird von den Leipzigern. Ich denke schon, dass es da eine Sucht gibt nach der Bundesliga, nach zwanzig Jahren Leiden und nichts haben. Als hätte man Hamburg den HSV weggenommen - so ein Gefühl haben die Leute. Sie haben die Identifikation verloren. Sie haben einen Lichtblick weniger im Leben.

</p>

Weitere Themen

Topmeldungen

Supercomputer Summit von IBM

KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

Dortmunder Kampfansage : „Wir können Barcelona wehtun“

Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.