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Fußball-Talentreport (5) : „Grotesk, was Chelsea und Manchester machen“

„Ein harter Wettbewerb um 14-Jährige“: RB-Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick Bild: Imago

RB Leipzig fordert sehr früh sehr viel von seinen Jugendspielern. Im FAZ.NET-Interview spricht Sportdirektor Ralf Rangnick über die Nachwuchsarbeit in Deutschland, den FC Bayern und die Aussichten für die Zukunft der Nationalelf.

          Hat das Geschäft mit Jugendspielern neue Dimensionen erreicht - oder findet nur eine seit Jahren begonnene Entwicklung ihre Fortsetzung?

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das muss man differenziert betrachten. Es gibt Vereine, die das schon seit Jahren machen und auch bereit sind, viel Geld für Nachwuchsspieler in die Hand zu nehmen. Das geschieht aber nun auch zunehmend global und kommt für mich nicht überraschend. Und es war auch zu erwarten, dass gerade Vereine, die relativ viel Geld zur Verfügung haben, international scouten und tätig werden. Das ist auch nicht verkehrt. Aber es ist schon grotesk, wenn das Vereine wie beispielsweise Chelsea und Manchester City machen, die für Spieler, wenn sie aus der eigenen Jugend raus kommen, dann keinerlei Verwendung haben. Wenn man den Jungs gar keine Spielmöglichkeit im eigenen Verein anbieten kann, dann ist das weder für die Vereine und erst recht nicht für die Karriereentwicklung der Spieler sinnvoll. Und wenn sich ein Spieler mit 18, 19 Jahren nur noch aussuchen kann, zu einem kleinen Klub in einer kleinen europäischen Liga zu wechseln - und manchmal nicht mal das -, kann das nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

          An der Entwicklung, dass der Jugendfußball ein großes Geschäft geworden ist, lässt sich nichts mehr ändern?

          Das ist fast nicht mehr aufzuhalten. In Europa wird die Entwicklung immer stärker in den Bereich gehen, in dem die ersten Förderverträge unterschrieben werden dürfen: nämlich im Altersbereich der U15. Ob man das gut findet oder nicht, spielt dabei keine Rolle - denn es wird verstärkt so kommen, dass um die hochtalentierten Vierzehn- und Fünfzehnjährigen schon sehr früh ein harter Wettbewerb einsetzt.

          Der FC Bayern will sich künftig weit stärker in der Jugendarbeit engagieren, Leipzig wird mit seinem Engagement kaum nachlassen. Der Wettbewerb dürfte immer härter werden.

          Die Bayern haben die Jugendabteilung in den letzten Jahren vernachlässigt. Die letzte Generation kam unter U-23-Trainer Hermann Gerland raus mit Schweinsteiger, Lahm, Badstuber und Müller. Dass bei einem Verein mit den Möglichkeiten des FC Bayern die eigene U23 seit Jahren nur in der vierten Liga spielt, kann und wird dort sicher niemanden zufriedenstellen - zumal die bayerische Liga nachweislich die schwächste vierte Liga in Deutschland ist. Ich bin mir deshalb sicher, dass der FCB das bei seinen Mitteln und Möglichkeiten in den nächsten Jahren korrigieren wird und den Nachwuchsbereich optimiert. Bei uns ist klar: Wenn wir irgendwann mit Leipzig in der Bundesliga spielen sollten, wäre das Anforderungsprofil an unsere Nachwuchsspieler noch höher. Und deswegen wollen wir auch versuchen, die Besten der Besten zu holen - und entsprechend auszubilden. Es macht keinen Sinn, ein Akademie-Gebäude mit einer solchen Infrastruktur und Logistik in Leipzig hinzustellen, wenn wir dann nicht auch die bestmöglichen Spieler verpflichten wollten, um sie dort dann zu Topspielern zu entwickeln. Bei uns ist es jedoch so, dass wir im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen, die Arbeit mit jungen Spielern zum Programm erhoben haben. Wir wollen tatsächlich unseren eigenen jungen Spielern die Chance geben, in unserer ersten Mannschaft zu spielen.

          Erwarten Sie wegen des starken Engagements von Leipzig und Bayern im Jugendbereich auch einen Schub für die Nationalelf?

          Dass durch die Einführung der Jugendakademien und Bundesligen für die U19 und U17 eine extrem positive Entwicklung eingesetzt hat, ist offensichtlich. Jetzt kommt in Zukunft auch noch die U-15-Bundesliga dazu. Es zahlt sich einfach aus, wenn sich jede Woche die Besten der Besten untereinander messen - und im Gegensatz zu Ländern wie zum Beispiel England auch von topausgebildeten Fußball-Lehrern trainiert werden. Gegenüber der Premier League haben in der Bundesliga sieben der aktuellen Trainer und sogar elf aus Liga zwei selbst schon als Trainer im Nachwuchs- und Akademie-Bereich gearbeitet. In England sind es aktuell deutlich weniger. Wenn das so bleibt, wird das auch in Zukunft ein großer Vorteil der Bundesliga sein. Die nächste und übernächste Generation von sehr gut ausgebildeten Nachwuchsspielern in Deutschland stehen schon in den Startlöchern.

          Leipzig fordert sehr früh sehr viel von Jugendspielern. Sorgen Sie sich nicht, dass die Abnutzung der Spieler durch die intensive Spielweise und das entsprechende Training zu groß ist?

          Überhaupt nicht. Es ist genauso wichtig, hochqualifizierte Trainer zu entdecken und weiter auszubilden, die das in jeder Altersstufe trainieren: erst kind-, dann jugend- und schließlich erwachsenengerecht. Dazu gehören die richtigen Trainings- und Spielformen und die Dosierung der Belastungen inklusive aller dafür notwendigen regenerativen Maßnahmen. Das Thema Ernährung spielt ebenfalls eine Rolle. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen schon sehr früh vermitteln, wie sie sich leistungsgerecht und gesund ernähren. Wir haben auch einen hauptamtlichen Sportpsychologen, der den Jugendlichen in der mentalen Entwicklung zur Seite steht. Aber es stimmt schon: Man muss auf einige Dinge achten.

          Wie weit ist die Nachwuchsarbeit von RB Leipzig noch von Ihrer Idealvorstellung entfernt?

          Wir sind in Hoffenheim immer davon ausgegangen, dass von dem Moment an, an dem man professionelle Strukturen schafft, normalerweise fünf Jahre vergehen, bis man erste Ergebnisse sieht. So war es dort dann auch. In Hoffenheim hat man erst nach dieser Zeit in allen Altersklassen die ersten Früchte geerntet. Das ist in Leipzig jetzt schon nach zwei Jahren der Fall. Das zeigt, dass hier extrem gut gearbeitet wurde. Wir haben jetzt von der U15 bis zur U19 Spieler, bei denen die berechtigte Hoffnung besteht, dass sie bei guter Weiterentwicklung in den nächsten Jahren im Kader der ersten Mannschaft landen können.

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