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100 Millionen Euro und mehr : Milans wildes Schauspiel um Ralf Rangnick

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Wird er der neue starke Mann beim italienischen Traditionsklub AC Mailand? Ralf Rangnick ist offenbar begehrt. Bild: EPA

Kurz vor Weihnachten kamen Gerüchte über einen Wechsel von Ralf Rangnick zum AC Mailand auf. Sieben Monate später schwelen sie noch immer und ständig kommen neue hinzu. Was hat es damit auf sich?

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          Ralf Rangnick probiert gerade etwas Neues. Er schweigt. Zumindest zum Thema Fußball und seiner eigenen Zukunft fehlen dem charismatischen Vordenker momentan vorsätzlich die Worte. Mitte Mai hatte sich der Architekt von RB Leipzig zuletzt öffentlich zu Wort gemeldet und bestätigt: „Es gab Kontakt zum AC Mailand.“ Seitdem herrscht Ruhe. SMS werden ab und an einsilbig beantwortet.

          Die Gerüchte über einen möglichen Wechsel zu Milan sind mittlerweile so wild, dass sie ihm selbst bisweilen wohl ein herzliches Lachen abringen. An einem Tag ist ein Dreijahresvertrag unterschrieben, am nächsten fordert Rangnicks aktueller Arbeitgeber Red Bull acht Millionen Euro Ablöse, und wiederum tags darauf ist alles fix und Rangnick kann obendrauf neue Spieler für 100 Millionen Euro verpflichten.

          Ein Revolutionär als Vorbild

          Die Wahrheit wird nicht in der Mitte dieses Tohuwabohus liegen, sondern irgendwo daneben. Im Dezember waren die ersten Gerüchte aufgeploppt. Rangnicks Wunsch war eigentlich ein Job in England. Der ruht schon seit Studienzeiten an der Kanalküste von Brighton in ihm. Dass der 62-Jährige ein Engagement beim seit Jahren taumelnden italienischen Riesen überhaupt in Betracht zieht, hat viel mit dem Namen Arrigo Sacchi zu tun.

          Der Fußball-Revolutionär der 80er ist Rangnicks Vorbild. Nun auf dessen Spuren zu wandeln, löst natürlich einen enormen Reiz aus. Zudem wäre der Klub dank des Besitzers, einem Hedgefonds des Milliardärs Paul Elliott Singer, liquide genug, um schnell etwas Großes zu schaffen. Doch nicht nur die Tatsache, dass sich der Wechsel in die Lombardei seit mehr als einem halben Jahr zieht, lässt Rangnick offenbar zweifeln.

          Denn in Mailand wird von Beginn an ein anderes Betriebsklima herrschen als in Hoffenheim oder Leipzig. In der Provinz war Rangnick der Architekt, durfte das Geld der Milliardäre Hopp und Mateschitz großzügig ausgeben und von Grund auf neue Strukturen schaffen. In Mailand wäre der derzeitige Red-Bull-Berater allerdings kein Aufbauhelfer, sondern eher ein Wiederbeleber. Und er fände Strukturen vor, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben.

          Entsprechend zurückhaltend wird im und um das Centro Sportivo Milanello gerade die Willkommenskultur gelebt. „Ich kenne ihn nicht. Er hat in Deutschland interessante, aber unwichtige Dinge geleistet“, sagte der einstige Milan-Trainer Fabio Capello. Dass Rangnick angeblich mit einer großen Entourage kommen darf und mit umfassenden Kompetenzen ausgestattet werden soll, sorgt ebenfalls für Unmut. So empfahl ihm Klub-Ikone Paolo Maldini aus der Ferne, etwas mehr Respekt zu zeigen.

          Verständlich, denn Maldinis Job als Technischer Direktor dürfte mit Rangnicks Ankunft obsolet werden. Sportdirektor Zvonimir Boban wurden bereits im März die Papiere ausgehändigt, nachdem er Manager Ivan Gazidis in einem Interview wegen der Kontaktaufnahme zu Rangnick kritisiert hatte.

          Zu allem Überfluss hat Milan derzeit einen Lauf. Seit der Corona-Pause greifen die Ideen von Trainer Stefano Pioli derartig gut, dass von acht Spielen sechs gewonnen und keines verloren wurde. Erst am Samstag fegte man Bologna mit 5:1 aus dem leeren San Siro. Setzt Pioli seinen Lauf fort, steht am Ende immerhin die Qualifikation für die Europa League. Eine Trennung vom 54-Jährigen dürfte schwer zu verkaufen sein.

          Immerhin ist ein Ende in Sicht – wie auch immer das aussehen wird. Am 2. August hat Milan sein letztes Spiel der Saison, empfängt Cagliari. Am Tag darauf dürften Fakten geschaffen werden. Und Ralf Rangnick kann dann wieder ganz entspannt über Fußball plaudern.

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