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Ragnar Klavan : Klopps cleverer Einkauf

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Ragnar Klavan, der Billigimport, der die Premier League beeindruckt und sein Trainer Jürgen Klopp. Bild: Picture-Alliance

Ragnar Klavan ist ein Billigimport im Team von Trainer Jürgen Klopp. Er ist so etwas wie die Antithese zum britischen Transferwahnsinn. Seine Ziele mit Liverpool hat er deutlich formuliert.

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          Rund eine Stunde war im Berliner Olympiastadion gespielt, da flog der Ball hoch und weit durch die Luft. Und wenn er es sich hätte aussuchen können, seine Wahl für eine möglichst sanfte Landung wäre wohl kaum Ragnar Klavan gewesen. Doch dann passierte etwas Verblüffendes. Klavan, der 1,87 Meter große, 87 Kilo schwere Verteidigerhüne des FC Liverpool, holte das Spielgerät gekonnt herunter. Für einen Moment sah es so aus, als würde der Ball in seinem Spann liegen bleiben. Später, nachdem Liverpool der Berliner Hertha beim 3:0 die Grenzen aufgezeigt hatte, musste Klavan über diese Szene lachen. „Na ja, wir haben da so ein paar Jungs im Team, die machen so was ständig. Ich wollte das auch mal ausprobieren. Hat ganz gut funktioniert“, sagte er.

          Ragnar Klavan ist es gewohnt, dass man ihn unterschätzt. Für den FC Augsburg hat er zwischen 2012 und 2016 genau 125 Mal in der Bundesliga gespielt, aber außerhalb von Augsburg dürfte sein Name kaum geläufig sein. Dabei zählte er zu den konstantesten Abwehrspielern in Deutschland. Jürgen Klopp war das nicht verborgen geblieben, er hält viel von dem Verteidiger, aber natürlich fragten sie sich auch vor einem Jahr in Liverpool, wer dieser Typ verdammt noch mal ist. Ragnar who?

          Eine Saison später ist Klavan so etwas wie die Antithese zum britischen Transferwahnsinn. Fünf Millionen Euro hat er gekostet. Ein nahezu lächerlich anmutender Preis in einem völlig überhitzten Markt. Kyle Walker, ebenfalls Verteidiger, wechselte vor wenigen Wochen für das Zwölffache von Tottenham zu Manchester City, und selbst mäßig begabte Zweitligaspieler sind heute in der Premier League teurer. Seinen Platz in der Mannschaft hat er als Low-Budget-Spieler trotzdem gefunden, 20 Mal stand er in der abgelaufenen Saison in der Liga auf dem Feld. Hinzu kamen Spiele in den verschiedenen Pokalwettbewerben. Zuverlässig sei er, sagen die Journalisten in Liverpool. Einer, der auf dem Feld nichts Außergewöhnliches macht, aber eben selten Fehler. So war es schon aus Augsburg zu hören.

          Stammspieler ist er zwar nicht, Trainer Jürgen Klopp setzt meist auf das Innenverteidiger-Duo Joel Matip und Dejan Lovren, aber Klavan ist mit sich im Reinen. „Ich spiele regelmäßig, und das bei einem der größten Klubs der Welt“, sagt er. Wie groß, das bekam er bei der gerade zu Ende gegangenen Asien-Reise wieder vor Augen geführt. „Da waren so viele Menschen, alle mit Liverpool-Trikots, und die kannten alle meinen Namen“, sagt er. In Deutschland oder England passiert ihm das selten, vermutlich wird das auch ab Dienstag in München nicht anders sein, wenn Klavan und Liverpool dort neben Atlético Madrid und dem SSC Neapel am Audi-Cup des FC Bayern teilnehmen.

          Ein paar Tage Deutschland inklusive Trainingslager in Bayern, davor China – Klavan kommt ganz schön rum dieser Tage. „Ich lebe gerade meinen Traum“, sagt er – und wie weit weg, wie unvorstellbar Liverpool einst für ihn zu Augsburger Zeiten war, verdeutlicht eine Geschichte vor einem Jahr. Als Klopp sich damals bei ihm meldete, glaubte Klavan zunächst an einen Scherz. Er forderte den Trainer auf, ein selbstgemachtes Bild per Telefon zu schicken, um ganz sicher zu gehen, dass es sich tatsächlich um Jürgen Klopp am anderen Ende handelt. Was Klavan angeht, hat Klopp sich als cleverer Einkäufer bewiesen. Wohl dem, der jemanden wie den 118-maligen estnischen Nationalspieler als dritten oder vierten Verteidiger einsetzen kann.

          Ragnar Klavan beeindruckt als Billigimport die Premier League

          Wie breit die Kader englischer Spitzenklubs inzwischen aufgestellt sind, zeigte Liverpool eindrucksvoll in Berlin. Hertha, das mit diesem Spiel den 125 Geburtstag beging, war beim 0:3 chancenlos. Oder wie Trainer Pal Dardai es ausdrückte: „Ihre Qualität war einfach zu groß für uns.“ Liverpool konnte es sich leisten, Spieler wie Roberto Firmino, Daniel Sturridge oder den 42 Millionen Euro teuren Neuzugang Mohamed Salah zunächst auf der Bank zu lassen und trotzdem eine Mannschaft auf den Platz zu bringen, die dem Sechsten der vergangenen Bundesliga-Saison in allen Bereichen überlegen war. „Bei dem Programm, das wir in England absolvieren, geht das gar nicht anders“, sagt Klavan.

          Mindestens 20 nahezu gleichwertige Spieler brauche es da schon. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm aus seiner ersten Saison die Phase „zwischen den Jahren“. „Da habe ich zum ersten Mal zwei Ligaspiele innerhalb von 48 Stunden bestreiten müssen. Das war wirklich hart.“ Das war auch die Zeit, in der Liverpool sich aus dem Titelrennen verabschiedete. Die hohe Belastung mit den vielen Spielen bis in den Januar hinein hielt die Mannschaft nicht durch und musste am Ende chancenlos als Vierter zusehen, wie Chelsea die Meisterschaft gewann. „Wir wollen uns in diesem Jahr verbessern, und natürlich hoffen wir auch, um den Titel mitspielen zu können“, sagt Klavan. Kein leicht umzusetzendes Vorhaben bei Konkurrenten wie Chelsea, den Manchester-Klubs oder Arsenal. An Liverpool glauben nur wenige. Genau wie seinerzeit an Ragnar Klavan, bevor der sich aufmachte, als Billigimport die Premier League zu beeindrucken.

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