https://www.faz.net/-gtl-6kl8e

Rafael van der Vaart : Das Schnäppchen im Sommerschlussverkauf

Denkt Rafael van der Vaart gerade ans WM-Finale? Der Tottenham-Zugang und Schiedsrichter Howard Webb Bild: AFP

Bei Tottenham Hotspur will Rafael van der Vaart wieder eine feste Größe sein. Er hat das Zeug zum Fußball-Darling. Bremen sollte am Dienstag (20.45 Uhr) beim Champions-League-Auftakt also gut auf den „Straßenkämpfer“ aufpassen.

          3 Min.

          Vor zwei Wochen hatte Rafael van der Vaart zehn Minuten Zeit, um über seine Zukunft zu entscheiden. Für den Wechsel eines Arbeitgebers und des Ortes, ja des Landes, in dem man lebt, sollte man sich eher etwas mehr Zeit nehmen. Aber wenn man als Fußballprofi arbeitet, und es ist der 31. August und später Nachmittag – dann verhält es sich anders. Real Madrid, der Verein, der ihn loswerden wollte, weil der neue Trainer José Mourinho nach dem Kauf von Mesut Özil für die Spielmacherposition keine Verwendung für ihn hatte, rief den Holländer an: Es gebe da ein Angebot aus London, von Tottenham Hotspur.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Warum es so spät kam? Für diese Frage war in diesem Moment keine Zeit. Trainer Harry Redknapp beantwortete sie später: Er habe erst zwei Stunden vor Schließen des Transferfensters davon erfahren, dass van der Vaart zu haben war. Und das, weil Real unbedingt verkaufen wollte, für einen Preis, der sich von fast 22 Millionen Euro auf rund zehn Millionen verringert hatte.

          Van der Vaart blieben zehn Minuten für ein Ja oder Nein. Er brauchte nicht so lange: „Für mich war es eine einfache Entscheidung“, sagte er. „Ich rief meine Frau an und sagte ihr, dass wir nach London gehen. Sie war etwas geschockt. Dann war sie froh und ich auch.“ Aber noch war es eine Zitterpartie. Denn es gab technische Probleme, die Formulare und Verträge zwischen London und Madrid zu übermitteln und den Liga-Verwaltungen vorzulegen. Vorübergehend musste van der Vaart deshalb sogar befürchten, in Kopenhagen zu landen. Es gab Meldungen, dass Real ihn im Falle des Scheiterns des Transfers nach Dänemark verleihen wolle, wo das Transferfenster einen Tag länger geöffnet war.

          Zurück im Spiel: Rafael van der Vaart wechselte von Real Madrid zu Tottenham Hotspur
          Zurück im Spiel: Rafael van der Vaart wechselte von Real Madrid zu Tottenham Hotspur : Bild: AP

          „Wir können besser als Arsenal sein

          Erst nachdem sich im Laufe des 1. September herausstellte, dass die Verzögerung der Formalien am Computer-Server der Premier League gelegen hatte, wurde der Transfer offiziell bestätigt – zwei Stunden, bevor die Spurs ihren Kader für die erste Hälfte der Champions-League-Saison nominieren mussten. Darin treten sie an diesem Dienstag bei Werder Bremen an (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker). Es ist das erste Mal seit 1961, dass der Klub um Europas wichtigste Fußballtrophäe spielt.

          Van der Vaart hat sich in London voller Vorfreude auf die neue Aufgabe präsentiert – und darauf, nach zwei Jahren mit vier Trainern bei Real endlich wieder das zu bekommen, was er zuletzt beim Hamburger SV hatte: einen festen Platz am Ball, nicht nur einen als Spielball der Vereinspolitik. Am Samstag, in seinem ersten Spiel, einem 1:1 in Wigan, bereitete er die Führung durch Modric vor und bekam von vielen Zeitungen die besten Noten. Der „Daily Star“ nennt ihn „das Schnäppchen dieses Sommers“ – nachdem Real für ihn 2008 noch deutlich mehr als 15 Millionen Euro bezahlt hatte.

          Ein solcher Preisabschlag für einen Spielmacher ist ungewöhnlich. Zumal van der Vaart kein abgehalfterter Alt-Profi ist oder einer, der Verletzungen herumschleppt. „Ich bin 27, das ist ein großartiges Alter für einen Spieler“, sagte er. „Ich bin fit und spüre, dass meine besten Jahre noch kommen.“ Er weiß, was die Fans hören wollen: „Wir können Titel gewinnen.“ Und, noch wichtiger: „Wir können besser als Arsenal sein.“ Das sind die Spurs in der Premier League seit 15 Jahren nicht mehr gewesen, obwohl sie in dieser Zeit Unmengen an Geld in neue Spieler investierten, deutlich mehr als der Nord-Londoner Rivale.

          „Ich fühle mich hier heimisch

          Redknapp glaubt, dass die zehn Millionen für van der Vaart sich auszahlen werden: „Er ist ein Spieler, der den Unterschied machen kann.“ Allerdings machte er ihn auch im Finale der Weltmeisterschaft: Van der Vaarts Fehler führte zum Siegtor der Spanier durch Andres Iniesta. Zum Sündenbock der Landsleute wurde er dennoch nicht. Man kann ihm nicht böse sein.

          Wie einst in Hamburg, so hat er auch in London das Zeug zum Fußball-Darling. Presse und Fans lieben die Geschichte seiner Kindheit, wegen der er sich als „Straßenkämpfer“ darstellt: seine Jugend in einem Caravan-Park in Nordholland, das Kicken mit Torpfosten aus Bierflaschen, der Biss, mit dem er sich von der Außenlinie der Gesellschaft einen Platz im Mittelpunkt erkämpfte. Ein Neuzugang, der nicht nur spielen kann, sondern auch eine Geschichte hat, das gibt es nicht alle Tage.

          Den englischen Reportern erzählte er, wie er als Jungprofi bei Ajax Amsterdam den Eltern ein neues Heim kaufte: „Es war eigenartig für sie, es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie in einem Haus wohnten.“ Er selbst hat aus einer Jugend im Wohnwagen die Fähigkeit mitgebracht, sich rasch für eine neue Bestimmung zu entscheiden – und sich dort rasch zu Hause zu fühlen. Das hilft, wenn man im bestbezahlten Wandergewerbe der Welt arbeitet. „Es ist ein wunderbares Team“, sagte van der Vaart nach zwei Tagen in Tottenham: „Ich fühle mich hier heimisch.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Beim Grillfest der SPD in Rostock: Ministerpräsidentin Schwesig

          Schwesig im Wahlkampf : Als stünde sie allein im Ring

          Beflügelt durch die Beliebtheit der Ministerpräsidentin steht der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ein historischer Sieg bevor. Wie ist das Manuela Schwesig gelungen?
          Armin Laschet mit den Ministerpräsidenten Sachsens und Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff und Michael Kretschmer, sowie der sächsischen Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch

          Wahlkampf : Mit Attacken in die letzte Woche

          Im Schlussspurt des Wahlkampfs überziehen Union und SPD einander mit Vorwürfen. Selbst die Grünen greifen nun Olaf Scholz an. Und auch zwischen CDU und CSU knirscht es wieder einmal.
          Mehr Geld künftig fürs Haareschneiden? In einem Frankfurter Friseursalon

          Kandidatenduell : Kampf um den Mindestlohn

          SPD-Kandidat Scholz punktet mit dem 12-Euro-Versprechen und stellt die Arbeit der Mindestlohnkommission infrage. CDU-Kandidat Laschet pocht auf politische Verlässlichkeit.
          Mitarbeiter einer lokalen Wahlkommission leeren am Sonntag eine Wahlurne in einem Wahllokal in Moskau.

          Duma-Wahl : Ließ Putin mit E-Voting das Wahlergebnis fälschen?

          Einiges Russland ist laut offiziellen Zahlen der klare Sieger der Duma-Wahl. Doch die Auszählung der online abgegebenen Stimmen deutet auf Betrug hin. Die Opposition spricht von „irrwitzigen Ergebnissen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.