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Rafael van der Vaart : Das Schnäppchen der Saison

„Wir können besser sein als Arsenal”: Rafael van der Vaart Bild: dpa

In Madrid wurde Rafael van der Vaart ausgemustert, bei Tottenham ist er Publikumsliebling. Ob der ehemalige Hamburger an diesem Mittwoch (20.45 Uhr) in der Champions League gegen Bremen spielen kann, ist aber noch ungewiss.

          In Amsterdam, Hamburg oder Madrid hat Rafael van der Vaart schon einige Derbys gespielt. Keines dürfte annähernd so energiegeladen gewesen sein wie sein erstes englisches Derby, das er am Samstag mit den Tottenham Hotspurs erlebt hat. Das Nord-Londoner Stadtduell mit Arsenal ist von einer traditionellen Intensität wie sonst kaum ein anderes in einer der großen europäischen Ligen. Seit 15 Jahren haben die „Spurs“ eine Saison in der Tabelle nicht mehr vor dem Rivalen abgeschlossen. So wusste van der Vaart schon bei seinem Wechsel aus Madrid nach London im September, was die Fans von ihm hören wollten: „Wir können besser sein als Arsenal.“ Prophetische Worte für sein erstes Derby. Nach 0:2-Pausenrückstand schaffte Tottenham bei Arsenal noch einen gefeierten 3:2-Sieg. Den Ausgleich erzielte van der Vaart per Elfmeter, die beiden anderen Tore bereitete er vor.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In nur zehn Wochen ist der 27 Jahre alte Holländer zum Publikumsliebling an der White Hart Lane geworden. Der Spielmacher, für den Real-Trainer José Mourinho nach dem Kauf von Mesut Özil keine Verwendung mehr hatte, spielt in London, als sei er schon immer dort zu Hause gewesen. Dabei war es eine Art Fußball-Roulette: Bis zum letzten Tag der Transferperiode Ende August wusste van der Vaart nicht, wo die Reise hingeht. Als das späte Angebot aus London kam, musste er sich innerhalb von zehn Minuten entscheiden.

          Im Sommer zuvor waren zwei andere bei Real ausgemusterte Holländer die besten Einkäufe des Jahres in Europa geworden, Wesley Sneijder für Inter Mailand, Arjen Robben für Bayern München. Van der Vaart ist nun noch deutlich billiger gewesen. In England gilt er bereits als Schnäppchen der Saison. Weil Real unbedingt verkaufen wollte und Tottenham bis zum letzten Moment mit dem Angebot wartete, ließ der Poker den Preis auf zehn Millionen Euro schrumpfen - ein Abschlag von einem Drittel auf die Summe, die Real 2008 an den HSV gezahlt hatte. Ein torgefährlicher Spielmacher im besten Alter war mit diesem Preis im Marktvergleich so etwas wie ein geschenkter Gaul. Dem dennoch manche ins Maul schauten: Die Kritiker attestierten ihm eine zu schwächliche Physis für die harte Premier League.

          Profitieren voneinander: Rafael van der Vaart und der schnelle Gareth Bale

          „In England finde ich den Raum, den ich brauche“

          Van der Vaart antwortete mit dem härtesten Argument: Toren. In seinem Debüt, auswärts bei West Bromwich, bereitete er ein Tor vor. Im ersten Heimspiel, gegen Wolverhampton, schoss er selbst eins. Und machte dies zu einer guten Gewohnheit: Er traf fortan in jedem Heimspiel. Gegen Aston Villa gleich zweimal, gegen Everton und Sunderland, auch in der Champions League gegen Twente und beim begeisternden 3:1-Sieg gegen Titelverteidiger Inter. Erst beim 4:2 gegen Blackburn vor einer Woche riss die Serie. Dafür legte er seinen Kollegen zwei Treffer auf. Am Mittwoch kommt Werder Bremen (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) nach London, und bei einem Sieg wäre den Spurs, die erstmals seit 1961 um Europas wichtigste Klubtrophäe kämpfen, der Platz im Achtelfinale der Champions League bereits sicher. Ob van der Vaart gegen die Norddeutschen mitwirken kann, entscheidet sich kurzfristig; der Holländer konnte wegen einer Oberschenkelverletzung nicht am Abschlusstraining teilnehmen.

          Die Fans feiern „Rafa“, weil er die Tottenham-Tradition fortsetzt. Der Klub ist seit einem halben Jahrhundert ohne Meistertitel, hat aber einen stabilen guten Ruf für unterhaltsamen Angriffsfußball, geprägt von Flair-Fußballern wie Hoddle, Waddle, Ginola, Klinsmann - und nun van der Vaart. Redknapp hat das Offensivspiel ganz auf den Holländer ausgerichtet. Er bietet von seinen vier Top-Stürmern Crouch, Defoe, Pawjluschenko und Keane meist nur einen auf, so dass van der Vaart seinen Spielplatz hinter der Solo-Spitze bekommt.

          „In England finde ich den Raum, den ich brauche“, sagt er. Zudem profitiert van der Vaart von zwei brillanten Kollegen, dem kroatischen Regisseur Luka Modric und dem walisischen Flügel-Turbo Gareth Bale, der gegen Inter Mailand den weltbesten Rechtsverteidiger Maicon wie einen Anfänger aussehen ließ.

          Die Eins-a-Lösung für einen Eins-b-Klub

          „Es gibt hier keine langen und langweiligen Ansprachen über Taktik, so wie bei Real“, schwärmt van der Vaart von einer Arbeitsatmosphäre, die Platz für Intuition und Improvisation lässt. „In der Umkleide ist eine Tafel, aber Harry schreibt nie etwas drauf.“ Auch im Training gehe es entspannt zu: „Es ist nicht so, dass wir nichts täten. Aber beinahe.“ Redknapp ist aber nicht ganz so zufrieden mit seinem neuen Star wie der mit ihm. „Er muss fitter werden, um neunzig Minuten Premier League durchstehen zu können“, sagt der Trainerveteran. „Er ist ein phantastischer Spieler, aber ihm geht im Moment ein wenig der Dampf aus.“

          Was kein Wunder ist, denn van der Vaart hat die WM bis zum Finale gespielt (und dort das Siegtor der Spanier in der Verlängerung mitverschuldet) und danach die Saisonvorbereitung mit Tottenham ebenso verpasst wie die ersten drei Ligawochen. Und doch hatte kaum je ein Neuling in England einen Blitzstart wie van der Vaart - mit acht Toren und sechs Torvorlagen in den ersten 13 Spielen.

          So wurde der Mann, der erst im September kam, schon im Oktober von der Premier League als „Spieler des Monats“ ausgezeichnet. Dabei wirkt er wie einer, der seinen Platz wiedergefunden hat. Keiner für einen Star-Klub wie Real - aber eine Eins-a-Lösung für Eins-b-Klubs wie Hamburg oder Tottenham.

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