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Radomir Antic : Die Mission des Gute-Laune-Gurus

  • -Aktualisiert am

„In schwierigen Situationen zeigen Champions ihr wahres Gesicht”: Radomir Antic Bild: AFP

Es ist eine klassische „Must-Win-Situation“: Serbien muss am Freitag (13.30 Uhr) gegen Deutschland gewinnen, um nicht schon ans Kofferpacken denken zu müssen. Roland Zorn erklärt, wie Trainer Antic sein Team einstimmt.

          Er war die ganze Woche über Serbiens oberster Aufbauhelfer. Schon am Tag nach der unerwarteten 0:1-Niederlage gegen Ghana verbreitete der an einen Vetter von Kirk Douglas erinnernde Mann mit dem kantigen Kinn und dem scharf geschnittenen Gesicht gute Laune. „Hey, Kopf hoch, ein bisschen mehr Leben“, rief Radomir Antic seinen Männern zu, die noch schwer gebeugt von der Enttäuschung über den Trainingsplatz trabten.

          Der Trainer hatte da schon längst den ersten Fehlschlag der serbischen WM-Expedition in Südafrika positiv verarbeitet. Bloß keine schlechte Stimmung aufkommen lassen, sagte sich der 2008 aus Spanien in seine Heimat zurückgekehrte Coach. Schließlich schien für einen Moment der serbische Wohlfühlfaktor auf dem Spiel zu stehen, der Antics Mannschaft so beflügelt hatte während der Qualifikation zur Fußball-WM und vor der Reise ins Land der eigenen Träume.

          Doch von Aufbruch war am vergangenen Sonntag bei der schlappen Turnierpremiere im Duell der Gruppe D mit den Westafrikanern nichts zu spüren. Allzu routiniert und uninspiriert schleppten sich die Serben durch eine Partie, die sie zu allem Überfluss auch noch verloren, weil dem Stuttgarter Profi Zdravko Kuzmanovic ein schwer erklärliches Handspiel unterlief und Asamoah Gyan das daraus folgende Elfmetergeschenk dankend annahm.

          Redebedarf: Antic und Kuzmanovic, der mit einem Handspiel das 0:1 gegen Ghana verursachte

          „Sie haben in allen Phasen Autorität und Qualität gezeigt“

          Der 22 Jahre alte Kuzmanovic, der seinen Tränen in Pretoria freien Lauf ließ, ist inzwischen wieder voller Tatendrang. Schließlich geht es an diesem Freitagmittag (13.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) in Port Elizabeth gegen die Nationalelf des Landes, in dem der Mittelfeldmann so gern spielt und arbeitet. Und so sagt er inzwischen in Anlehnung an seinen serbo-hessischen Landsmann Dragoslav Stepanovic: „Das Leben geht weiter.“ Er sagte es in einer schwyzerischen Tönung, da Kuzmanovic in der Schweiz aufwuchs und dort seine fußballerische Sozialisation erfuhr. Der 1,85 Meter lange Profi hat seinen schwarzen Moment gut verarbeitet, auch weil er in Port Elizabeth mutmaßlich in der Startelf steht.

          Vor der Begegnung mit den Kollegen aus der Bundesliga präsentierte er sich wieder, wie man ihn in Stuttgart kennt: fröhlich, optimistisch, unbeschwert. „Wir haben die Mittel, die Deutschen nicht spielen zu lassen“, hob Kuzmanovic hervor, „wir müssen in die Zweikämpfe gehen und physisch dagegenhalten.“ Heißt das also, dass die Serben den Spielern von Bundestrainer Joachim Löw brutal in die Parade fahren werden?

          So wird es Kuzmanovic nun auch nicht gemeint haben, doch seine Worte wie die so mancher Kollegen lassen darauf schließen, dass in der Heimatstadt des südafrikanischen Menschlichkeits-Idols Nelson Mandela ein knochenhartes Aufeinandertreffen mit Endspielcharakter bevorsteht. Verliert Serbien auch diese Partie, können die Spieler schon damit anfangen, die Koffer zu packen und ihren Badeurlaub ins Auge zu fassen. „Es wird ein historisches Spiel“, sagt Antic voraus, dem die Deutschen bei ihrem 4:0-Triumph über Australien „sehr imponiert“ haben. „Sie haben in allen Phasen Autorität und Qualität gezeigt.“ Eben das, was den Serben am vergangenen Sonntag abging.

          Subotic: „Die Deutschen haben richtig Bock zu spielen“

          Wer in der Qualifikation zur WM die Franzosen locker hinter sich ließ und in Vidic, Ivanovic, Krasic, Jovanovic oder Pantelic, dazu den Bundesligagrößen Kuzmanovic und Subotic (Borussia Dortmund) Spieler von großer oder gehobener Klasse für die Begegnung mit Deutschland aktivieren kann, muss sich auch vor einem der Titelanwärter nicht fürchten. „In schwierigen Situationen“, sagt der in Serbien verehrte Trainer-Guru Antic, „zeigen Champions ihr wahres Gesicht, und das hier ist eine Must-Win-Situation.“

          In Port Elizabeth treffen sich auch Freunde als Gegner. So treten Subotic und der Münchner Saisonaufsteiger Thomas Müller in einem Managerspiel in einem Team an. „Da hat er mir unheimlich viele Punkte gebracht“, lobt Subotic seinen bayerischen Partner. Auch der 1,93 Meter lange Serbe mit einer deutsch-amerikanischen Vita war am Sonntag angetan von Löws Elf. „Die haben richtig Bock zu spielen“, schwärmte der Innenverteidiger. Den „Bock“ auf Fußball brauchen die Serben nun auch. Andernfalls spielen bald nur noch die anderen in Südafrika – so wie 2006 bei der deutschen Party-WM, als Serbien-Montenegro nach der Vorrunde sieglos, ernüchtert und schwer verkatert das Weite suchen musste.

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