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Radiologin Körte im Gespräch : „Man muss nicht gleich den Kopfball verbieten“

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Sieht auch ohne Diagnose schmerzhaft aus: Vukcevic (TSG Hoffenheim) und Vidal (Bayern Leverkusen) im Jahr 2010 Bild: REUTERS

Die Medizinerin Inga Körte hat belegt, dass die sogenannte „weiße Substanz“ - die Leitungsbahnen im Gehirn - bei Fußballern stark leidet. Im Interview spricht die Radiologin über die Hauptursache Kopfballspiel.

          Es gibt schon länger handfeste Erkenntnisse über Langzeitschäden im Gehirn von Boxern und Football-Profis. Aber ist das nicht ein riesiger Schritt, davon auf Risiken im Fußball zu schließen?

          Von anderen Kontaktsportarten, wie Boxen und American Football weiß man, dass häufige Gehirnerschütterungen langfristig zu kognitiven Beeinträchtigungen führen können. Aktuelle Untersuchungen unserer und anderer Arbeitsgruppen haben inzwischen ein weiteres Risiko ermittelt: Football-Spieler zeigen selbst dann irgendwann Symptome, wenn sie keine einzige symptomatische Gehirnerschütterung erlitten haben. Das hat uns hellhörig gemacht, und wir haben uns gefragt, ob diese sogenannten geringgradigen Traumata nicht auch im Fußball passieren, wo der ungeschützte Kopf direkt Kontakt zum Ball hat. Bei Profi-Fußballspielern oft tausende Male pro Jahr. Bereits in den 90er Jahren wurde dokumentiert, dass Fußballspieler im Vergleich zu Athleten in Nicht-Kontaktsportarten langfristig deutlich häufiger kognitive Beeinträchtigungen aufweisen. Es leiden Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration. Die Technik hilft uns nun, die zugrunde liegenden Veränderungen genau zu erfassen: Mit der sensitiven Diffusionstensor-Magnetresonanztomographie (DTI) ist es uns erstmals gelungen, Veränderungen der Mikrostruktur des Gehirns von jungen Fußballspielern nachzuweisen. Keiner von ihnen hatte vorher eine Gehirnerschütterung erlitten.

          Was weiß die Wissenschaft eigentlich über das, was bei einem Kopfball passiert?

          Entscheidend sind die Wucht des auftreffenden Balles und die Kraft der Nackenmuskulatur. Wird der Ball antizipiert, spannt sich die Nackenmuskulatur an, um die Schleuderbewegung des Kopfes abzuschwächen. Genau diese Beschleunigung des Kopfes ist es, die zur Erschütterung des Gehirns und schließlich zu feinen Scherverletzungen im Gehirngewebe führen kann. Eine Untersuchung von Dr. Michael Lipton in New York hat gerade unsere Ergebnisse bestätigt und einen Zusammenhang zwischen der Anzahl gespielter Kopfbälle und dem Ausmaß der Veränderungen des Gehirns festgestellt.

          Der Leverkusener Stefan Reinartz und der Eintracht-Spieler Alexander Meier haben gemeinsam den Kopf am Ball (2009). Laut Inga Körte kann es „bei Profi-Fußballspielern oft tausende Male pro Jahr“ zum Kopfballspiel kommen

          Der bisherige Wissensstand beruhte auf Untersuchungen der Gehirne von toten Athleten. Sie sind haben erstmals subtile Veränderungen bei Aktiven gefunden. Wie gut und wie zuverlässig ist die Radiologie?

          Die Methoden der modernen Neurobildgebung sind extrem sensitiv. Wir können mit der DTI die Bewegung von Wassermolekülen im Gehirngewebe messen und anhand dessen auf die Anordnung und Beschaffenheit der umgebenden Strukturen schließen. Die Veränderungen, die wir im letzten Jahr bei einer von der Else-Kröner-Fresenius Stiftung geförderten Untersuchung von Fußballspielern im Institut für Klinische Radiologie der Universität München in Zusammenarbeit mit der Harvard Medical School gesehen haben, ähneln den Veränderungen von Spielern anderer Kontaktsportarten. Nur sind sie geringer ausgeprägt. Das ist nur der Anfang. Die Frage, der wir nun nachgehen, lautet: Was für Auswirkungen haben solche Veränderungen für den einzelnen Spieler?

          Können Sie Kommentare verstehen, wie die von Prof. Dr. Till Meyer, dem Arzt der deutschen Nationalmannschaft, der so klingt, als würde ihn das Thema nicht sonderlich stark beschäftigen?

          Es ist richtig, dass die Forschungsergebnisse zwar viele Hinweise, aber bislang keinen Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Kopfbällen und Veränderungen des Gehirns bedeuten. Und man muss jetzt nicht gleich den Kopfball im Fußball verbieten. Aber im Interesse der Fußballspieler sollten wir alles daransetzen, weiterzuforschen und dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Ich zum Beispiel möchte in der Zukunft vor allem auch Kinder und Jugendliche untersuchen. Die haben eine völlig andere biomechanische Konstellation. Und niemand weiß, wie sich Kopfbälle auf das sich entwickelnde Gehirn auswirken.

          Die Fragen stellte Jürgen Kalwa.

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