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Hillsborough-Tragödie : Tunnel des Todes

  • -Aktualisiert am

Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen: St.George-Halle in Liverpool Bild: AFP

Dutzende Fans sind beim FA-Cup-Halbfinale 1989 zwischen Liverpool und Nottingham Forest zu Tode gedrückt worden. Sechs Angeklagte müssen sich nun in einem Prozess verantworten.

          96 Tote, mehr als 700 Verletzte, viele von ihnen Kinder und Jugendliche: Das war die verheerende Bilanz der Tragödie beim FA-Cup-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest, das am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadion von Sheffield Wednesday ausgetragen wurde. Ein großer Teil der Liverpool-Fans war in einen viel zu kleinen Block geschleust worden, den sie wegen der nachrückenden Menge nicht wieder verlassen konnten. Die Menschen in dem Block wurden so fest aneinandergepresst, dass einige unter dem Druck erstickten; andere erlitten schwere und teils tödliche Verletzungen. Das ist jetzt 28 Jahre her.

          Aber für die Angehörigen der Opfer sowie für Überlebende der Hillsborough-Katastrophe ist das Thema noch längst nicht erledigt. Denn fast drei Jahrzehnte lang hatte es geheißen, dass betrunkene und marodierende Liverpooler Anhänger das Unglück verschuldet hätten. Erst im April des vergangenen Jahres entschied eine Jury, dass nicht das Verhalten der Fans zu dem Drama geführt hatte, sondern Fehler der Polizei, die das zu vertuschen versuchte. In dem Zusammenhang hat die britische Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen sechs Männer erhoben: Bei ihnen handelt es sich um vier Polizisten, einen Juristen und den damaligen Geschäftsführer von Sheffield Wednesday. An diesem Mittwoch beginnt das Strafverfahren gegen sie am Crown Court.

          Wer sind die Angeklagten? Da ist zum einen Norman Bettison, ein damaliger Hauptkommissar der Polizei von South Yorkshire. Ihm wird Amtsverletzung in vier Fällen vorgeworfen: Er soll in den Jahren nach Hillsborough über das Verhalten der Liverpooler Fans und seine eigene Rolle in den späteren Ermittlungen gelogen haben. Da ist Peter Metcalf, damals Rechtsanwalt im Dienst der Polizei. Er soll sich der Behinderung der Justiz schuldig gemacht haben. Angeblich hatte er Berichte von Polizisten geändert, die bei dem Spiel im Einsatz gewesen waren und die sich kritisch über das Vorgehen leitender Polizisten geäußert hatten.

          Auch Donald Denton und Alan Foster, beide zur Zeit des Unglücks ranghohe Polizisten, sollen geholfen haben, entsprechende Berichte zu manipulieren. Es geht zudem um Graham Mackrell, den damaligen Geschäftsführer und Sicherheitsbeauftragten von Sheffield Wednesday. Der Zustand des Hillsborough-Stadions soll ebenfalls zu dem Desaster beigetragen haben, weshalb ihm nun Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften zur Last gelegt werden. Sie alle wollen auf nicht schuldig plädieren; ihnen drohen aber Gefängnisstrafen.

          Und zum anderen ist da David Duckenfield, der am Tag des Spiels für die Leitung des Polizeieinsatzes verantwortlich war, erstmals in seiner Laufbahn. Ihm wird fahrlässige Tötung in 95 Fällen vorgeworfen; das 96. Todesopfer starb erst vier Jahre nach dem Desaster und kann Duckenfield deshalb nicht zur Last gelegt werden. Dem heute 72-Jährigen droht eine lebenslange Haftstrafe, wobei die Spannweite der Urteile in der Praxis sehr groß ist. Er hatte im Jahr 1991 wegen Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung seinen Dienst quittiert. Allerdings dauerte es bis zum Frühling 2015, als er vor Gericht zugab, dass es maßgeblich seine Einsatzbefehle waren, die zu den 96 Toten geführt hatten. Um das Gedränge vor dem Stadion zu lösen, hatte er Tor C zum Stadiongelände öffnen lassen.

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          Durch einen dahinterliegenden Tunnel waren dann innerhalb weniger Minuten etwa 2000 weitere Fans in die ohnehin schon überfüllten Blöcke geströmt. Der Tunnel hätte zu dem Zeitpunkt schon geschlossen sein sollen. Noch am Tag des Unglücks hatte Duckenfield behauptet, randalierende Fans hätten das Tor aufgerissen; so entstand die Lüge des „tanked-up mob“, einer Meute im Vollrausch. Er sei damals schlecht vorbereitet gewesen, sagte Duckenfield im März 2015. Ein Anwalt fragte, ob sein Versagen die direkte Ursache für den Tod der 96 Menschen gewesen sei. In seinen Sitz gekauert, antwortete Duckenfield: „Yes, Sir.“

          Gegen ihn war die Strafverfolgung in einem früheren Verfahren eingestellt worden; dem High Court liegt jedoch ein Antrag der Staatsanwaltschaft vor, diesen Beschluss aufzuheben. Dass es eines Tages so weit kommen würde, daran mochten die Familien der Opfer schon nicht mehr glauben. „Es gibt hier keine Gewinner“, zitierte der „Guardian“ Trevor Hicks, dessen Töchter Sarah und Vicki bei dem Fußballspiel starben: „Aber es ist eine Botschaft, dass niemand über dem Gesetz steht.“

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