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Protokoll einer Pokalnacht : Alarmstufe Rot! Fußball in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Höllenspektakel der Roten Teufel: Nach eingehender Einlasskontrolle sorgen die Kaiserslauterner Fans für das, was sie unter guter Stimmung verstehen Bild: dapd

Eruptive Gewalt, Bedrohung durch Wurfgeschosse und Pyrotechnik. Wenige Täter gefährden die Masse. Die Polizei kämpft mit großem Aufwand für und gegen Fans.

          6 Min.

          Der Sonderzug aus Kaiserslautern hat eine knappe Dreiviertelstunde Verspätung. Er wird schon dringlich erwartet, als er gegen 18.40 Uhr in dem Bahnhof Frankfurt-Stadion einfährt. Von mehreren Hundertschaften Bundespolizei - und von etwa 350 Fans aus der Frankfurter Ultraszene. Die Ordnungshüter sind ungeduldig, weil jede Minute Verzögerung eine größere Abweichung von ihrem minutiös ausgeklügelten Aufmarsch- und Einsatzplan bedeutet, die organisierten Eintracht-Fans, weil sie endlich den Pfälzern demonstrieren wollen, wer in diesem DFB-Pokalspiel zwischen der Frankfurter Eintracht und dem 1. FC Kaiserslautern der Herr im Haus ist.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Insgesamt 3700 Pfälzer Fußballfans reisen an diesem Mittwoch im Oktober gen Frankfurter WM-Stadion, knapp 800 davon in diesem Entlastungszug. Dessen Ankunft gilt als einer der Momente, in denen sich das Feuer entzünden könnte. Der Hass zwischen Eintracht- und Lautern-Fans schwelt schon lange, in den letzten beiden Bundesligaspielen schlugen hohe Flammen. Die Polizei hat die Pokalbegegnung als Risikospiel deklariert und über 1000 Beamte an diesem Mittwoch abgestellt. Genau lässt sich die Zahl nicht benennen. Wegen der unterschiedlichen Zuständigkeiten (Bahngelände gilt als Bundesangelegenheit, alle anderen Flächen obliegen der Länderhoheit) sind Kontingente der Bundes- und der Landespolizei im Einsatz. Und während die Bundespolizei offiziell fünf Hundertschaften meldet, mauert die Landespolizei. Ein Insider verrät irgendwann, dass die hessische Bereitschaftspolizei sicher mehr Beamte herausgeschickt hat als die Kollegen vom Bund.

          Waffen, Pyrotechnik, Flaschen und Dosen

          Die Verspätung rührt von den Sicherheitskontrollen in der Pfalz. Jeder, der den Sonderzug betritt, wird auf Waffen, Pyrotechnik, Flaschen und Dosen gefilzt. Eine Hundertschaft Bundespolizei hat sich auf die acht Waggons verteilt, damit während der Fahrt alles ruhig bleibt und die Bahn nicht noch einen Zug restaurieren muss.

          Als der Zug endlich hält, steigen zuerst drei Polizisten aus, die einen Mann Mitte 20 in Sonderbewachung genommen haben, er wird in einen Einsatzwagen geführt. Dann quillt der Rest auf den Bahnsteig. Die Fans werden sofort von der Polizei eingerahmt, dann setzt sich die Kolonne in Bewegung. In der Unterführung, die den Bahnsteig mit dem Bahnhofsausgang verbindet, klingen die Schlachtrufe mächtig: „Der FCK, der FCK, der FCK ist da.“ Als die Fans im diffusen Licht der Abenddämmerung den Bahnhofsvorplatz erreichen und die vielen zusätzlichen Polizeikräfte sehen, ebben die Gesänge erst ab und verstummen dann ganz. Dafür erschallt die Lautsprecherdurchsage: „Die Polizei heißt sie in Frankfurt willkommen.“

          „Wenn wir nicht hier wären, würde es krachen“

          Nicht nur das, die Polizei nimmt die 800 unter ihre Fittiche - wenn man es positiv ausdrückt. Negativ bewertet, ist die Rundumbetreuung wie eine Freiheitsberaubung. Diese Lauterer Fans dürfen sich nicht außerhalb des Polizeikonvois bewegen. Wenn die Spitze hält, müssen sie halten, wenn die Spitze nach rechts schwenkt müssen sie folgen. So werden sie den guten Kilometer durch den Stadtwald bis zu ihrem gesonderten Stadioneingang geleitet. Der Ausgangspunkt des kurzen Marsches, der Bahnhofsvorplatz, ist abgesperrt. Hier findet die Übergabe der Fans von der Bundespolizei an die nun zuständige Landespolizei statt. Hinter der Barriere warten die Eintrachtfans: „Wir wollen keine Lauterer Schweine!“

          Die 800 Pfälzer Fans, die mit dem Sonderzug anreisten, grüßen friedlich, als sie aus der Bahnhofsunterführung kommen

          Das Gebrüll der etwa 350 klingt martialisch, aber die Barriere wird nicht angegriffen. Einer der „Capo“ genannten Anführer unterhält sich sogar ganz gelassen mit einem Polizisten. Die Antwort der Pfälzer Fans ist kaum wahrnehmbar. Sie spazieren zwischen den Polizisten. Ein paar Familienväter mit ihren Kindern sind darunter, ein paar Senioren, die meisten sind Männer zwischen 16 und 55. In der Einsatzbesprechung am Nachmittag rechnete die Leitung mit 150 Problemfans (gewaltbereit oder gewaltsuchend) aus der Pfalz; wie viele mit dem Sonderzug anreisen würden, wusste sie nicht. Wenn welche darunter sind, so verhalten sie sich ruhig. Die Frankfurter wirken aggressiver. Ein paar Böller werden gezündet, zwei, drei Bengalos geworfen. Ansonsten belassen es die Frankfurter bei den Schmährufen. Man könnte meinen: Wieso dieser Sicherheitsaufwand? Einer der Polizisten antwortet: „Wenn wir nicht hier wären, würde es schon richtig krachen.“

          Der Spuk ist schnell vorbei

          15 Minuten oder einen Kilometer später lösen sich die Zweifel an dieser Lagebeurteilung ohrenbetäubend auf. Die Lauterer Kolonne hat sich dem Stadion genähert. Die Frankfurter Fans und die Pfälzer werden lediglich durch einen Zaun getrennt. Innerhalb sind die Eintrachtler, die schon die Eingänge passiert haben, außerhalb die FCK-Anhänger, die noch zu ihrem separaten Eingang, weit ab vom Schuss, geführt werden. Zehn, zwanzig Meter liegen zwischen den Gruppen, es ist ein Leichtes, die Distanz zu überwinden. Böller und Wurfgeschosse fliegen über den Zaun auf den Pfälzer Trupp. Der Krach ist infernalisch. Ein paar Frankfurter rütteln am Maschendraht und stoßen Verwünschungen gegen die Feinde aus. Sekunden nach der Attacke ist die im Stadion postierte Polizei zur Stelle und verjagt die Frankfurter. Der Spuk ist nach kaum einer Minute beendet.

          Der polizeiliche Begleitschutz hat seine Pfälzer Schäfchen schnell vom Zaun weggeführt. Die Gruppe wirkt insgesamt nicht verschreckt und überhaupt nicht aggressiv. Einzelne schütteln jedoch mit dem Kopf, als hätten sie den Glauben an die Menschheit verloren.

          Die Polizei hält die Eintracht-Fans zurück - in diesem Fall ohne Probleme

          Ein paar hundert Meter weiter kommt der Tross zum reservierten Stadioneingang. Einige Fans kaufen am einsamsten Kassenhäuschen der Arena noch ihre Eintrittskarten und trotten dann zur Durchgangskontrolle. Wieder werden sie von einer freundlichen Lautsprecherdurchsage empfangen. „Sie haben sich bisher vorbildlich verhalten, vielen Dank für Ihre Kooperation, weiter so.“ Als sich die Leibesvisitationen hinziehen und ganz leichtes Murren entsteht, reagiert der Polizeisprecher sofort über Mikrophon: „Leider dauert es ein wenig, weil sie so viele sind. Aber wir garantieren Ihnen, dass sie den Anstoß miterleben werden, live und in Farbe.“

          Grellrote Leuchtfeuer

          Daraufhin entspannen sich alle wieder. Die Geduld und Opferbereitschaft der 800 sind bewundernswert: Nach einer weiteren halben Stunde sind die Sonderzugreisenden endlich im Lauterer Fanblock angekommen, mit den rund 3000 anderen Pfälzern vereint. Das Spiel währt keine Minute, da leuchtet die Tribüne grellrot im Leuchtfeuerlicht. Sind die Kontrollen wirkungslos? Ein Polizist gibt zu bedenken, dass strenge Durchsuchungen wie am Flughafen sehr zeitaufwendig, personalintensiv und teuer wären.

          Der Ordnungsdienst macht keine Angaben, wie viel er gefunden hat. Was er nicht gefunden hat, wird weithin sichtbar. Mehrere Bengalos brennen, die Szenerie wirkt nicht nur gespenstisch, die Lage ist auch gefährlich. Aber an diesem Abend erleidet dadurch niemand Verletzungen.

          Vorbereitung auf den Einsatz: Die Polizei arbeitet nach einem genauen Plan

          Dennoch wird diese Pokalnacht zu einer schwarzen für den Fußball und für die Polizei. Nicht durch die Lauterer Fans, die sich diesmal bis auf ein paar Gerangel mit Ordnern nicht von ihrer gewalttätigen Seite zeigen. Aber einige Eintracht-Fans sind gekommen, um zu wüten. „Ich gehe jetzt seit vier Jahren zu fast jedem Heimspiel, aber das habe ich noch nie erlebt“, sagt ein Frankfurter Fußballfreund Anfang 20, als er in der S-Bahn nach Hause fährt. Zwischen Gleisdreieck und der Haupttribüne (etwa ein Kilometer Strecke) habe es immer wieder gekracht und gezischt. „Ich versteh nicht, was diese Böller sollen, sie bringen nichts, außer Gehörschäden.“ Ihm sei mulmig gewesen, obwohl er nicht angegriffen oder auch nur angepöbelt worden war.

          Neue Qualität der Gewalt

          Dennoch: Die meisten der 46.000 Zuschauer werden wenig oder gar nichts von den bedrohlichen Zuständen vor dem Stadion mitbekommen haben. Feuerwerkskörper und Leuchtraketen werden nicht ständig und überall gezündet. Und auch die Gewalt geschieht eruptiv.

          An diesem Abend richtet sie sich vornehmlich gegen die Polizei. So stark, dass viele Polizisten von einer „neuen Qualität der Gewalt“ sprechen. Mehrmals werden Einsatzgruppen von Eintracht-Hooligans mit Wurfgeschossen angegriffen, sie wehren sich mit Schlagstöcken und Tränengas. Dank ihrer guten Ausrüstung und Ausbildung behalten sie die Oberhand. Aber schon früh kommt der Befehl an die Beamten, sich ausschließlich in größeren Gruppen zu bewegen. Als ein Polizeisprecher in Zivil nach Spielschluss zum Bahnhof Frankfurt-Stadion zurückläuft, zieht er vorsorglich seine blaue Polizeiweste aus, um in der Menge anonym zu bleiben.

          Die schlimmste Attacke, etwa eine Stunde vor dem Anpfiff in der Nähe der Wintersporthalle, bringt die Ordnungskräfte an ihre Grenzen: Ein Polizist wird durch einen faustgroßen Stein schwer am Hinterkopf verletzt, und ein Polizeipferd trägt Verbrennungen davon, als es mit Leuchtspurmunition beschossen wird. Insgesamt acht verletzte Polizisten, neun Festnahmen und 26 eingeleitete Ermittlungsverfahren lautet die vorläufige Bilanz der Pokalnacht.

          Nur ein Schlachtplan hilft

          Die Zahl der Festnahmen erscheint bei der Menge der Täter gering, aber in der Dunkelheit sind sie schwer zu ermitteln. Die meisten Problemfans gehören den Ultras an, oder sie suchen zumindest deren Nähe, um Schutz in der Menge zu finden. Die Polizei und der Verein Eintracht Frankfurt fordern immer wieder einen Selbstreinigungsprozess in dieser Fangruppierung. Aber das erscheint unrealistisch. Wer wagt es schon, unmittelbar gegen Gewalttäter vorzugehen? Und selbst das Denunzieren fällt schwer, weil die Polizei auch bei den nicht gewalttätigen Fans das Feindbild darstellt. Die Ordnungshüter sind die Spielverderber, die zum Beispiel das Abbrennen von Bengalos verhindern. Und auch die Eintracht pocht bei vielen vergeblich auf Solidarität. Der Vereinsführung wird übertriebenes Profitdenken vorgeworfen und zu wenig Traditionsbewusstsein und Lokalpatriotismus. Die Logengäste seien der Eintracht wichtiger als die echten Fans, die Ultras eben.

          Wie die friedlichen Ultras Aktionen oder Choreographien für ein Fußballspiel vorbereiten, so entwickeln die Gewalttäter ihre Konzepte für eine Begegnung. Mal geht es gegen gegnerische Fans in Kneipen, mal am Stadion, mal am Bahnhof gegen die Zugreisenden, mal ist - wie am Mittwoch - die Polizei das Ziel von geplanten Angriffen, mal entlädt sich Gewalt spontan. Die Ordnungskräfte versuchen, auf alles vorbereitet zu sein. In der gemeinsamen Einsatzbesprechung von Bundes- und Landespolizei viereinhalb Stunden vor dem Spiel sitzen 30 Führungskräfte. Alle neuralgischen Orte der Vergangenheit sind in die Überlegungen einbezogen, Parkplätze, S-Bahnhöfe, Kneipen, Anfahrtswege. Schon vor vielen Tagen wurde begonnen, Gruppenstärken, Anmarschwege und Einsatzpläne festzulegen. Viel komplizierter kann ein Schlachtplan auch nicht sein.

          Und das alles wegen etwa 150 gewaltbereiter Kaiserslauterer Fans und rund 350 Eintracht-Chaoten. Aber wen man von der Polizei auch spricht, der sagt: „Es gibt keine Alternative.“

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