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Protokoll einer Pokalnacht : Alarmstufe Rot! Fußball in Gefahr

  • -Aktualisiert am
Vorbereitung auf den Einsatz: Die Polizei arbeitet nach einem genauen Plan

Dennoch wird diese Pokalnacht zu einer schwarzen für den Fußball und für die Polizei. Nicht durch die Lauterer Fans, die sich diesmal bis auf ein paar Gerangel mit Ordnern nicht von ihrer gewalttätigen Seite zeigen. Aber einige Eintracht-Fans sind gekommen, um zu wüten. „Ich gehe jetzt seit vier Jahren zu fast jedem Heimspiel, aber das habe ich noch nie erlebt“, sagt ein Frankfurter Fußballfreund Anfang 20, als er in der S-Bahn nach Hause fährt. Zwischen Gleisdreieck und der Haupttribüne (etwa ein Kilometer Strecke) habe es immer wieder gekracht und gezischt. „Ich versteh nicht, was diese Böller sollen, sie bringen nichts, außer Gehörschäden.“ Ihm sei mulmig gewesen, obwohl er nicht angegriffen oder auch nur angepöbelt worden war.

Neue Qualität der Gewalt

Dennoch: Die meisten der 46.000 Zuschauer werden wenig oder gar nichts von den bedrohlichen Zuständen vor dem Stadion mitbekommen haben. Feuerwerkskörper und Leuchtraketen werden nicht ständig und überall gezündet. Und auch die Gewalt geschieht eruptiv.

An diesem Abend richtet sie sich vornehmlich gegen die Polizei. So stark, dass viele Polizisten von einer „neuen Qualität der Gewalt“ sprechen. Mehrmals werden Einsatzgruppen von Eintracht-Hooligans mit Wurfgeschossen angegriffen, sie wehren sich mit Schlagstöcken und Tränengas. Dank ihrer guten Ausrüstung und Ausbildung behalten sie die Oberhand. Aber schon früh kommt der Befehl an die Beamten, sich ausschließlich in größeren Gruppen zu bewegen. Als ein Polizeisprecher in Zivil nach Spielschluss zum Bahnhof Frankfurt-Stadion zurückläuft, zieht er vorsorglich seine blaue Polizeiweste aus, um in der Menge anonym zu bleiben.

Die schlimmste Attacke, etwa eine Stunde vor dem Anpfiff in der Nähe der Wintersporthalle, bringt die Ordnungskräfte an ihre Grenzen: Ein Polizist wird durch einen faustgroßen Stein schwer am Hinterkopf verletzt, und ein Polizeipferd trägt Verbrennungen davon, als es mit Leuchtspurmunition beschossen wird. Insgesamt acht verletzte Polizisten, neun Festnahmen und 26 eingeleitete Ermittlungsverfahren lautet die vorläufige Bilanz der Pokalnacht.

Nur ein Schlachtplan hilft

Die Zahl der Festnahmen erscheint bei der Menge der Täter gering, aber in der Dunkelheit sind sie schwer zu ermitteln. Die meisten Problemfans gehören den Ultras an, oder sie suchen zumindest deren Nähe, um Schutz in der Menge zu finden. Die Polizei und der Verein Eintracht Frankfurt fordern immer wieder einen Selbstreinigungsprozess in dieser Fangruppierung. Aber das erscheint unrealistisch. Wer wagt es schon, unmittelbar gegen Gewalttäter vorzugehen? Und selbst das Denunzieren fällt schwer, weil die Polizei auch bei den nicht gewalttätigen Fans das Feindbild darstellt. Die Ordnungshüter sind die Spielverderber, die zum Beispiel das Abbrennen von Bengalos verhindern. Und auch die Eintracht pocht bei vielen vergeblich auf Solidarität. Der Vereinsführung wird übertriebenes Profitdenken vorgeworfen und zu wenig Traditionsbewusstsein und Lokalpatriotismus. Die Logengäste seien der Eintracht wichtiger als die echten Fans, die Ultras eben.

Wie die friedlichen Ultras Aktionen oder Choreographien für ein Fußballspiel vorbereiten, so entwickeln die Gewalttäter ihre Konzepte für eine Begegnung. Mal geht es gegen gegnerische Fans in Kneipen, mal am Stadion, mal am Bahnhof gegen die Zugreisenden, mal ist - wie am Mittwoch - die Polizei das Ziel von geplanten Angriffen, mal entlädt sich Gewalt spontan. Die Ordnungskräfte versuchen, auf alles vorbereitet zu sein. In der gemeinsamen Einsatzbesprechung von Bundes- und Landespolizei viereinhalb Stunden vor dem Spiel sitzen 30 Führungskräfte. Alle neuralgischen Orte der Vergangenheit sind in die Überlegungen einbezogen, Parkplätze, S-Bahnhöfe, Kneipen, Anfahrtswege. Schon vor vielen Tagen wurde begonnen, Gruppenstärken, Anmarschwege und Einsatzpläne festzulegen. Viel komplizierter kann ein Schlachtplan auch nicht sein.

Und das alles wegen etwa 150 gewaltbereiter Kaiserslauterer Fans und rund 350 Eintracht-Chaoten. Aber wen man von der Polizei auch spricht, der sagt: „Es gibt keine Alternative.“

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