https://www.faz.net/-gtl-7aa5c

Proteste beim Confed-Cup : „Lasst uns zusammen marschieren, Brasilien“

  • -Aktualisiert am

Solidarität mit den Demonstranten: Die brasilianischen Spieler äußern sich Bild: dpa

Fußballspieler denken nicht immer nur an Fußball und Geld. Die Seleção solidarisiert sich mit der Protestbewegung in Brasilien. Nur WM-Botschafter Ronaldo versteht nichts.

          2 Min.

          Und plötzlich öffnen sich doch die Tore: Nationaltrainer Luis Felipe Scolari hat ein Gespür für den richtigen Moment. Die ausgesperrten Fans, die stundenlang vor dem abgeriegelten Trainingslager in Fortaleza ausharrten, um vielleicht doch noch einen Blick auf die Nationalmannschaft zu ergattern, strömen auf die Tribüne. Spieler und Fans jubeln sich gegenseitig zu. Scolari mag das eigentlich nicht, ein öffentliches Training als Veranstaltung zum Anfassen.

          Hätte es noch einen optischen Beweis für den jüngsten Schulterschluss zwischen Fans und Nationalmannschaft bedurft, dieser Moment dürfte auch die letzten Zweifler überzeugt haben, dass da etwas zusammenwächst in diesen Tagen in Brasilien. „Die Seleção ist das Volk, wir sind das Volk“, sagt Scolari angesprochen auf die jüngsten Proteste, zu denen er sich bislang nicht äußeren wollte. „Ich denke, dass wir ihnen das geben, was sie am meisten von uns erwarten, dass das Team weiter wächst und Brasilien gut vertritt. Das ist unsere Arbeit, und das machen wir auch. Auf anderen Gebieten haben wir keinen Einfluss.“ Da aber täuscht sich der Trainer, angesichts der klaren politischen Positionierung seiner Kicker.

          Brasiliens Nationalspieler, allesamt Multimillionäre, zeigen Verständnis für die Nöte ihrer Landsleute. Das ist zum einen überraschend, denn der überwiegende Teil spielt schon seit Jahren im Ausland und bekommt die Entwicklung in der Heimat nur noch am Rande mit. Zum anderen werden die Kicker der Seleção in Brasilien meist nur als Werbeträger für Autos, Versicherungen und Shampoo wahrgenommen und nicht als aufmerksame Beobachter der sozialen Situation in ihrem Lande. Genau das sei aber ein falscher Eindruck, betont der in Brasilien äußerst populäre Stürmer Hulk: „Viele denken, dass Fußballer nur an Fußball denken. Aber wir wissen, was gerade passiert. Wir wissen, dass sie Recht haben mit ihren Protesten und dass in unserem Land viele Dinge verbessert werden könnten.“

          Auch Dante äußert sich

          Die räumliche Distanz zwischen den Nationalhelden, die in der überwiegenden Zeit des Jahres in Europa spielen und obendrein von einer Marketing-Agentur auch noch zu Länderspielen rund um den Globus geschickt werden, hat in den letzten Jahren Spuren hinterlassen. Als die Seleção auch noch zweimal nacheinander bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 im Viertelfinale scheiterte, ist die Liebe der Brasilianer zu ihrer Nationalmannschaft zumindest teilweise erkaltet. Skepsis statt Begeisterung charakterisierte die Beziehung zuletzt. Die Nationalspieler sind nach all den Enttäuschungen der letzten Jahre erst einmal in einer Bringschuld. Und nun liefern sie auch in Form von Unterstützung und Solidarität.

          Auch solidarisch: Der brasilianische Bayern-Spieler Dante
          Auch solidarisch: Der brasilianische Bayern-Spieler Dante : Bild: dpa

          Auch Abwehrspieler Dante von Bayern München, in seiner Heimat längst nicht so prominent wie Neymar, Hulk oder Lucas, solidarisiert sich mit dem demonstrierenden Volk via Twitter: „Lasst uns zusammen marschieren, Brasilien. Ich liebe mein Volk und werde euch immer unterstützen.“ Der ehemalige Weltfußballer Kaka schickt aus Madrid Solidaritätsadressen, prominente Volleyballspieler gesellen sich in die Reihe der Unterstützer. Brasiliens Sportler, eigentlich die Profiteure der Milliarden-Ausgaben für WM und Olympia, erkennen, dass die Balance nicht mehr stimmt. Dass zu viel Geld in Prestigeprojekte anstatt in nachhaltige Infrastruktur gesteckt wird.

          Nur ein ehemaliger Weltfußballer enttäuscht seine Landsleute. „Man kann keine Weltmeisterschaft mit einem Krankenhaus machen“, sagte Ronaldo und provozierte damit einen Sturm der Entrüstung im Netz. Innerhalb von nur 24 Stunden klickten mehr als 1,3 Millionen Menschen den Ausschnitt aus einer Fernsehsendung im Internet an. Die fehlenden Investitionen in Krankenhäuser sind eine der wichtigsten Kritikpunkte der demonstrierenden Brasilianer. Ausgerechnet Ronaldo, mittlerweile im Aufsichtsrat des WM-Organisationskomitees, galt bislang als Sympathieträger der WM-Macher. Er muss sich allerdings im neuen Brasilien offenbar erst noch zurechtfinden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer hat am ende gut Lachen? Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet vor dem zweiten TV-Triell am vergangenen Wochenende

          Scholz, Laschet und Baerbock : Wie schlagen sich die Kandidaten im letzten Triell?

          Eine Woche vor der Bundestagswahl stehen sich Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock im dritten und letzten TV-Triell gegenüber. Wer überzeugt auf den letzten Metern des Wahlkampfs? Der Schlagabtausch im Liveticker.
          Christian Lindner beim FDP-Parteitag am Sonntag in Berlin.

          FDP vor der Wahl : Lindner will Stimmen aus Überzeugung, nicht aus Kalkül

          Die Freidemokraten sinnieren darüber, wer sie wählt und warum. Aus Taktik sollten die Leute nicht für die FDP stimmen, sagt Parteichef Lindner. Doch die Vorzeichen haben sich während des Wahlkampfs dramatisch verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.