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Der Abschied des Wikingers

Text von PHILIPP KROHN
Fotos von DANIEL PILAR

22. Dezember 2020 · Zweimal stieg er aus der Bundesliga ab. Nico Herzig zog in seiner Fußballkarriere meist durch die zweite, dritte und vierte Liga. In seinem letzten Jahr als Profi haben wir ihn begleitet.

Der Tag, an dem sein altes Leben endet, beginnt für Nico Herzig damit, dass er Tomaten schneidet. Es ist ein Samstagmorgen, heute wird er mit seiner Familie einen Ausflug machen, nach Steinbach, tief in der hessischen Provinz zwischen Wetzlar und Siegen. Dort hat er in den vergangenen vier Jahren seine Fußballkarriere ausklingen lassen, bis die geschundenen Knie nicht mehr mitmachten. Heute will sein Verein ihn offiziell verabschieden. Herzig deckt den Frühstückstisch, seine drei sehr blonden Söhne springen herum. Tomaten mit Mozzarella und Basilikum, aufgeschnittene Avocados, Scheiben von hartgekochten Eiern, Trauben, Käse und Ovomaltine-Aufstrich (ohne Palmöl): Gesundes Essen ist der Familie wichtig, und wenn Zucker, dann wenigstens ein bisschen nachhaltig. Die Zeit ist knapp, denn Spencer muss noch ausgeführt werden, der Hund, den sich Nico und seine Frau Sinah in Bielefelder Zeiten zugelegt haben. Bis der schwarze VW Multivan gepackt ist, wird es schnell elf Uhr sein.

Die Familie wohnt jetzt in Würzburg. Sinah und Nico Herzig entwickeln gemeinsam neue Pläne und Projekte.
Die Familie wohnt jetzt in Würzburg. Sinah und Nico Herzig entwickeln gemeinsam neue Pläne und Projekte.

Den Stadtrand von Würzburg hatten sie in guter Erinnerung, seit Herzig Teil des erfolgreichen Würzburger-Kickers-Projekts 3x3 war, das zu vier Aufstiegen in fünf Jahren geführt hatte. Jetzt leben sie hier. Die offene Küche führt an einem Holzofen vorbei direkt ins Wohnzimmer mit Essbereich und Sofaecke. Von dort haben sie einen weiten Blick auf Wiesen, Wälder und Windräder. Davor ein Riesentrampolin und zwei kleine Fußballtore. Oben haben die Kinder ihre Zimmer. An ihren Türen sind aufmunternde Sätze zu lesen: „Never stop exploring“ oder „You are our greatest adventure“. Im Dachgeschoss schlafen Nico und Sinah Herzig – wenn es die Kinder zulassen, die zwei, sechs und acht Jahre alt sind. Ihr neues Haus haben sie mit viel Aufwand und der Hilfe guter Freunde nach ihren Wünschen renoviert. 

Während der Corona-Pandemie konnte Herzig nicht Fußball spielen, aber sein neues Haus renovieren.
Während der Corona-Pandemie konnte Herzig nicht Fußball spielen, aber sein neues Haus renovieren.

Ob sie dauerhaft bleiben? Noch sind sie im Wechselmodus, alle drei bis vier Jahre eine neue Stadt und eine neue Liga. Die Kinder kennen das: sich auf neue Menschen einstellen zu müssen. Und die Tourismus- und Eventmanagerin Sinah Herzig muss sich erst einmal daran gewöhnen, jetzt wieder eigene Pläne entwickeln zu können. Vielleicht auch ein gemeinsames Projekt. 

Ihr Mann Nico war wie die meisten Fußballprofis in einer Welt, in der keine Frisöre aus anderen Ländern eingeflogen oder Gold-Steaks verspeist werden. In der nicht Millionen Zuschauer den Siegtreffer im Fernsehen verfolgen, in der nach dem Pokalsieg nicht Konfetti fliegt. Zwei Jahre Bundesliga, fünf Jahre Zweite, die restliche Zeit darunter. Solide Mittelklasse, so wie das Haus der Herzigs und ihr Multivan. „Ich hätte gerne länger oben gespielt“, sagt Nico Herzig. „Aber dafür war ich wohl nicht gut genug.“

Vielleicht war es aber auch einfach Pech, dass damals, 2007, mit Alemannia Aachen die Saison nicht schon nach 33 Spieltagen zu Ende war. Dann hätte es für die Relegation gereicht. Und Relegation kann Herzig. Spieler wie Sascha Rösler, Jan Schlaudraff und der robuste Innenverteidiger Nico Herzig sind in der höchsten Spielklasse nicht vergessen. Aber es zerstreute sie in alle Windrichtungen, die Magie war vorbei. Herzig spielte noch ein Jahr Bundesliga in Bielefeld und blieb auch danach ein Verteidiger, der mit purer Willenskraft mehrmals entscheidende Tore zum Aufstieg oder zum Gewinn des Hessenpokals schoss. Und eine Integrationsfigur, von der Funktionäre und Trainer mit großem Respekt sprechen.

Im Kinderzimmer steht die Autogrammkarte des Vaters noch hoch im Kurs.
Im Kinderzimmer steht die Autogrammkarte des Vaters noch hoch im Kurs.

Jetzt schmiert er seinem Zweijährigen ein Brot mit Erdnussbutter. Dann schenkt er den anderen roten Fruchtsaft ein. Der Kleinste besteht darauf, dass vor dem Essen das Piep-Piep-Piep- Ritual eingehalten wird. Alles geht durcheinander. Mal verlässt der eine Junge den Tisch, mal ein anderer. „So wie es halt ist mit Kindern“, sagt Herzig, der dreifache Vater.

Das letzte Jahr seiner Fußballkarriere hatte er sich anders vorgestellt. Im ersten Saisonspiel für den TSV Steinbach-Haiger verletzte er sich, verlor seinen Stammplatz, kämpfte sich wieder an die erste Elf heran. Steinbach stand nicht schlecht im Rennen um den Aufstieg in die dritte Liga. Die ganze Schinderei im 37. Lebensjahr hätte noch einmal einen Effekt haben können. Doch dann erlitt er eine Knieverletzung, die ihn bis heute vom Sport abhält. Kurz darauf brach die Pandemie aus, die den Spielbetrieb unterhalb von Liga drei auf einen Schlag beendete. Heute immerhin soll Nico Herzig noch einmal auf den Rasen – um geehrt zu werden.

„Spencer, hopp“, sagt er so knapp und klar, wie er auch mit seinen Kindern redet. Zwanzig Minuten Gassigehen, dann packt er den Wagen. „Spencer ist drin, die Sachen sind drin.“ Fehlen noch die Kinder und seine Frau. Um Punkt elf setzt sich der schwarze Multivan in Bewegung.

Hund Spencer ist das sechste Familienmitglied der Herzigs.
Hund Spencer ist das sechste Familienmitglied der Herzigs.


EIN RESOLUTES DEBÜT

Nico Herzig stammt aus Thüringen, Vater Gerber, Mutter Frisörin. „Das Geld war knapp.“ Kurz vor dem Ende der DDR stellten sie einen Ausreiseantrag. Mit dem Fall der Mauer siedelten sie ins fränkische Hof über, wo Herzig und sein jüngerer Bruder Denny begannen, intensiv Fußball zu spielen. Zwei Jahre vergingen, dann sah sein Bruder eine Zeitungsanzeige für einen Sichtungslehrgang bei Carl Zeiss Jena. Mit elf und zehn Jahren zogen die beiden Brüder zurück nach Thüringen, gingen aufs Sportinternat und lebten mit Ringern, Leichtathleten und Fechtern zusammen im Wohnheim. 

Für die Bindung zu den Eltern war es nicht förderlich. „Wie würde ich reagieren“, fragt sich Nico Herzig heute, „wenn mein Sohn mich fragt?“ Die Herzig-Brüder mögen nicht gelernt haben, ihre Gefühle gegenüber anderen auszubreiten, aber sie sind geschult darin, Probleme pragmatisch anzugehen. Als Jugendlicher lernte Nico, seine Wäsche selbst zu waschen. „Für die Selbständigkeit war es gut, aber du bist gefordert.“ Fünf Jahre später wagten die Herzigs einen noch größeren Schritt. Wieder war es Nicos Bruder Denny, der gehört hatte, dass einige junge Deutsche in englischen Vereinen unterkamen. Nico heuerte beim FC Wimbledon an, Denny bei den Blackburn Rovers.


„Irgendwann sagt der Trainer der Ersten: Du bist dabei.“
NICO HERZIG

In voller Zuversicht verzichtete Nico Herzig darauf, im Internat die Mittlere Reife zu machen. Sein Ausbildungsstand: elfte Klasse Gymnasium. Langsam schlitterte er in eine Profikarriere. „Irgendwann sagt der Trainer der Ersten: Du bist dabei.“ In den drei Jahren bei Wimbledon klappte es gut. Gleich im ersten Spiel wurde er „Man of the Match“. Im Stadionheft des Vereins hieß es: „Ein sehr selbstbewusstes und resolutes Debüt des jungen Innenverteidigers.“ Die Wege der Brüder verliefen längst getrennt. Nach seiner ersten Profisaison in der zweiten englischen Liga wurde Herzig zum Probetraining beim 1. FC Nürnberg eingeladen. Für den Neunzehnjährigen war es ernüchternd und ermutigend zugleich: Für die erste Mannschaft war er zu jung, für das Regional-liga-Team zu gut. Also wechselte er zu Wacker Burghausen, das unter dem früheren Bayern-Profi Markus Schupp in der Zweiten Bundesliga angekommen war. „Als Kind war ich mit meinem Vater im Stadion – und das war nun die Chance, das Hobby zum Beruf zu machen.“


„Als Kind war ich mit meinem Vater im Stadion – und das war nun die Chance, das Hobby zum Beruf zu machen.“
NICO HERZIG

Nach zwei Jahren wechselte Herzig zu Alemannia Aachen. Den Aufwärtstrend krönte der Verein mit dem DFB-Pokalfinale 2004, einer Saison im Uefa-Pokal und dem Aufstieg in die erste Liga. „Wir brauchten einen Innenverteidiger, der sich nicht schont“, sagt Jörg Schmadtke, der damalige Sportdirektor am Tivoli. „Nico war ein geradliniger, ehrlicher Junge, der sich und anderen nichts schenkte.“ 

Herzig schoss wichtige Tore, und er hielt Stars wie Roy Makaay, Claudio Pizarro, Miroslav Klose oder Kevin Kurányi vom Toreschießen ab. Gegen Marek Mintál und Naohiro Takahara gelang das nicht so gut. Am Ende der Saison stand der Abstieg. Für Herzig aber dominieren andere Erinnerungen: wie ihn Schmadtke als Interimstrainer nach langer Verletzungspause in der Zweiten Liga gegen St. Pauli kurz vor Schluss aufs Spielfeld schickte, in der Hoffnung, er könne vor dem gegnerischen Tor noch einmal ein bisschen stören. Herzig interpretierte die Aufgabe auf seine Weise, sprang in den gegnerischen Torhüter hinein und war mit Gelb gut bedient. Oder im Rückspiel, als er am Hamburger Millerntor einen Flitzer unsentimental zum Stoppen brachte und das Stadion hinterher „Alle auf die 2“ skandierte – das war seine damalige Nummer.


„Wir brauchten einen Innenverteidiger, der sich nicht schont“
JÖRG SCHMADTKE

Er war geprägt durch seine England-Ausbildung und hat die Dinge realistisch gesehen“, sagt Schmadtke. „Er wusste, was er will, und was er nicht will.“ In einer Außenseiterrolle wie mit der Alemannia damals sei Sozialkompetenz wichtig. Da müsse man sich klarmachen, dass es nur funktioniere, wenn es familiär zugehe. „In Aachen ist ein unheimliches Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden – wie im kleinen gallischen Dorf“, sagt der heutige Sportdirektor des Bundesligaklubs VfL Wolfsburg. Die „Bild“-Zeitung porträtierte Herzig mit Schwert als Highlander.

Damals kam er mit Sinah zusammen, die in den Niederlanden studierte und bald zu ihm nach Bielefeld wechselte. „Aus einem Bauchgefühl ist diese riesige Familie geworden“, sagt sie. Ihr erster Begleiter war Hund Spencer, dann kamen drei Kinder, und heute gehört auch der männliche Hase Cinderella zur Familie. Nach der Aachener Zeit, der schönsten in seiner Laufbahn, wurde es ruhiger. Es folgten Wehen-Wiesbaden, Kickers Würzburg und die vier Jahre beim ambitionierten TSV Steinbach-Haiger. „Ehemalige Bundesligaspieler sind oft pappsatt“, sagt dessen Sport- und Finanzgeschäftsführer Matthias Georg. „Bei Nico ist das anders. Er ist mit seiner Familie hergekommen und hat sich der Sache mit Haut und Haaren verschrieben.“

Im Oktober 2019 hoffte Nico Herzig noch auf mindestens eine vollständige letzte Saison als Fußballprofi.
Im Oktober 2019 hoffte Nico Herzig noch auf mindestens eine vollständige letzte Saison als Fußballprofi.


SEIN BRUDER IST JETZT POLIZIST

Mitte Oktober 2019 findet das Training im nahen Fellerdilln statt. Von Haiger aus geht es an Kuhwiesen und Pferdekoppeln vorbei. Am Rand des Platzes stehen einige in die Jahre gekommene Fachleute, die alles über den TSV wissen und auch gern mitteilen. Dass hier ohne den Unternehmer Roland Kring, den Miteigentümer des Bremsenspezialisten Siegerland Bremsen, nichts laufe, dass nur durch ihn das 800-Seelen-Nest Steinbach auf der Fußballlandkarte aufgetaucht ist, dass die Mannschaft noch einmal an Zug gewonnen hat, seit Trainer Adrian Alipour sie übernommen hat. Und dass Herzig auch dann die Gruppe führe, wenn er gerade nicht spiele. „Hoffentlich übernimmt der mal eine Rolle im Verein“, sagt einer am Spielfeldrand.

Das Stadion in der vierten Liga mit dem vielleicht schönsten Ausblick.
Das Stadion in der vierten Liga mit dem vielleicht schönsten Ausblick.

„Männer, Tempoerhöhung“, ruft Trainer Alipour, ein Kind des Ruhrpotts, seinen zwei Dutzend Leuten zu. In einer Ballstafette üben sie das Kurzpassspiel unter verschärften Bedingungen. Danach ruft er zum Fünf gegen Fünf auf zwei Tore mit Torhütern. Sehr schnelles Spiel, vierte Liga ist nicht Altherren. Herzig trifft einmal per Kopf. Im nächsten Pokalspiel soll er nach dem verkorksten Saisonstart mit einer Verletzung im ersten Spiel endlich wieder auflaufen. Ein Pfiff ertönt, Herzig und seine Gruppe wechseln auf ein Feld zum Fußballvolleyball. Als ein Mannschaftskamerad aus der anderen Gruppe ihn mit einem Fallrückzieher überraschen will, sagt er trocken: „Nicht mit mir, Junge.“ 

Beim anschließenden Trainingsspiel tritt er resolut auf wie in alten englischen Zeiten, antizipiert Situationen, strahlt Ruhe aus, vermeidet Zusammenstöße. Danach ruft der Co-Trainer: „Verlierer baut ab.“ Abklatschen, Männerschweiß, Duschen, zurück nach Haiger. Noch eine Stunde, dann will Herzig seinen ältesten Sohn zum Training begleiten. Auf dem Parkplatz stehen Ford B-Max, VW Golf, Opel Mokka, nicht gerade erste Liga. 

Nico Herzig ist Realist. Er hat einige Mitspieler erlebt, die in jungen Jahren geprasst haben. „Ich habe mir ein Polster aufbauen können.“ Sogar mit Begriffen wie Entgeltumwandlung, werthaltige Immobilien und Riester-Rente kann er etwas anfangen. Schon früh hatte er einen Finanzberater. Vielleicht kann er selbst beruflich mal jüngeren Spielern finanziell helfen. Wenn das Haus fertig ist, will er damit beginnen.


„Ich kann weiter meine Familie ernähren, aber nicht mehr so viel zurücklegen wie früher.“
NICO HERZIG

„Ich habe in der ersten Liga genau das getan, was ich jetzt tue, aber ich verdiene hier deutlich weniger“, sagt er. „Ich kann weiter meine Familie ernähren, aber nicht mehr so viel zurücklegen wie früher.“ Das Geld muss auch für eine mögliche Sportinvalidität reichen. Von schweren Verletzungen blieb er verschont. Zweimal haben ihm Ärzte Teile des Innenmeniskus an beiden Knien entfernt, zweimal hat er sich die Nase gebrochen, einmal das Kahnbein an der Hand. Sein Bruder Denny hat ohne Ausflug in die Bundesliga auf ähnlichem Niveau gespielt und ist inzwischen Polizist beim Unterstützungskommando. 

Polizisten, Finanzberater, Lehrer – die Spannbreite der Berufe, die Fußballprofis nach der aktiven Karriere ergreifen, ist groß. Ähnlich weit auseinander gehen die Hilfen der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, der deutschen Fußballer- Gewerkschaft. „Das Spektrum reicht vom Finanzstudium mit Promotion bis zum Fünfunddreißigjährigen in der Zweiten Liga ohne Geld, der auf Hartz-IV-Niveau fällt“, sagt Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Alle drei bis vier Jahre erstellt die Vereinigung mit dem Koblenzer Sportwissenschaftler Dirk Mazurkiewicz eine Bildungstendenzstudie. Darin werden Fußballspieler von der ersten bis zur dritten Liga vermessen, oberhalb von Nico Herzigs letzter Spielklasse, der Regionalliga.  


"Es gibt keinen Job auf dem Silbertablett. Und viele wachen erst auf, wenn sie die Gehaltsniveaus anderer Berufe sehen.“
ULF BARANOWSKY

Nur jeder Fünfte hat einen Berufsabschluss. Zukunftspläne seien häufig vage, der Optimismus für die berufliche Zukunft stimme nicht immer mit den Qualifikationen überein. „Wir helfen mit unserer Rechtsabteilung, Beratung zur Vorsorge und einem Laufbahncoaching“, sagt Baranowsky. „Das funktioniert aber nur, wenn man mitmacht. Es gibt keinen Job auf dem Silbertablett. Und viele wachen erst auf, wenn sie die Gehaltsniveaus anderer Berufe sehen.“

Die ehemaligen Profis erkennen dann auch, dass sie für den Rest ihres Lebens etwas machen, bei dem sie womöglich nicht zu den Besten gehören. Die befragten Spieler schätzen, dass ein Fünftel der Fußballprofis finanzielle Probleme hat, nach der Karriere sogar jeder Zweite. Rund ein Fünftel der Spieler zahle jeweils in eine betriebliche Altersversorgung oder eine Riester-Rente ein, 28 Prozent in eine private Rentenversicherung. Unfallversiche- rungen sind kaum verbreitet.

Am 13. Januar 2020 sieht die Welt in Haiger ganz gut aus. Der TSV Steinbach, der seit vergangenem Jahr auch nach der 20.000-Einwohnerstadt Haiger benannt ist, steht auf Tabellenplatz drei in der Regionalliga Südwest, sieben Punkte hinter Tabellenführer Saarbrücken, ein Spiel weniger. „Was will der Trainer machen?“, fragen sich die Fachleute am Rand des Trainingsgeländes. „Angreifen!“

Im Stadion mit eineinhalb Tribünen in Haiger lernen die Zuschauer, erst an ihrem Platz die Maske herunterzuziehen.
Im Stadion mit eineinhalb Tribünen in Haiger lernen die Zuschauer, erst an ihrem Platz die Maske herunterzuziehen.

Die Winterpause war lang, die Spieler wirken eingerostet. Herzig trägt ein weißes Stirnband, das seine Haare zusammenhält. Er streift sich ein blaues Leibchen über. Tempo und Fitness stimmen, aber wegen vieler Abspielfehler wird das Trainingsspiel zäh. Benjamin Kirchhoff, der jetzt an Herzigs Seite spielt, gibt die lautesten Kommandos. Beim Pressing treibt er seine Mitspieler an. Herzig ist der Routinier an seiner Seite, immer anspielbar, robust. Er ist niemand, auf den der Trainer achten müsste, er funktioniert einfach. In einigen Tagen wird es ins Trainingslager in die Türkei gehen, um die Abläufe noch besser einzustudieren.

Doch mit dem großen Angriff auf den 1. FC Saarbrücken, den übermächtigen Gegner mit dem viel größeren Etat, wird es nichts. Für Herzig nicht, weil er sich in einem Testspiel so schwer verletzt, dass er seither keinen Sport mehr treiben kann. Für den TSV nicht, weil die Saison nach dem 23. Spieltag Anfang März wegen der Corona-Krise abgebrochen wird. Steinbach steht auf dem zweiten Tabellenplatz, mit immer noch einem Spiel weniger und weiterhin sieben Punkten Rückstand auf Saarbrücken. 

SIE NANNTEN IHN „WIKINGER“

Die Lobby der Bundesliga ist so stark, dass der Spielbetrieb Mitte Mai wieder aufgenommen wird – der Fußballbund in der Regionalliga Südwest hingegen erklärt kurzerhand den Tabellenführer 1. FC Saarbrücken zum Meister und Aufsteiger. Für Nico Herzig steht derweil im Vordergrund, seinem Ältesten im Homeschooling zu helfen, den beiden Jüngeren den Kindergarten und die Kita zu ersetzen und sich um sein Haus zu kümmern. Der Fußball verschwindet langsam aus seinem Alltag.

Während sich die Spieler der Partie Steinbach gegen Hoffenheim aufwärmen, sind auf der Stadion-Leinwand Nico Herzigs größte Momente zu sehen.
Während sich die Spieler der Partie Steinbach gegen Hoffenheim aufwärmen, sind auf der Stadion-Leinwand Nico Herzigs größte Momente zu sehen.

Mit Bernd Hollerbach, früher Spieler des FC St. Pauli und des Hamburger SV, stieg Herzig in die dritte Liga auf. „Nico hatte vor allem defensiv und bei ruhenden Bällen auch offensiv viel Qualität, war sehr kopfballstark“, sagt der ehemalige Trainer der Würzburger Kickers. „Er hatte ein gutes Spielverständnis. Außerdem ist er ein lustiger Zeitgenosse, der auch beim Feiern immer mittendrin ist.“ 

Die Mannschaft nannte den blonden Innenverteidiger „Wikinger“. Seine drei Söhne tragen skandinavische Namen. „Wenn es schwierige Situationen in einem Spiel gibt, brauchst du erfahrene Spieler, die das Kommando auf dem Platz übernehmen, die Truppe mitziehen. So was konnte er sehr gut“, sagt Hollerbach. In Haiger ist er schnell zur Identifikationsfigur geworden, wusste mit Sponsoren zu reden, vertrat den TSV beim Vorlesetag in der Schule. Und im Verein erzählt man sich, dass der armenische Stürmer Sargis Adamyan ohne seine väterliche Unterstützung nicht den Sprung zur TSG Hoffenheim geschafft hätte.

Tag der Deutschen Einheit, 2020. Zwei Stunden verbringen Nico und Sinah Herzig, ihre drei Söhne und Hund Spencer auf der linken Spur der Autobahnen 3 und 45, in Richtung Rothaargebirge. Aber wie nimmt man eigentlich Abschied, wenn eine Pandemie Abstand verlangt? Um 13 Uhr fährt Herzig auf den Parkplatz vor dem Stadion am Haarwasen. „Hi, Nico“, sagt der Einweiser. Herzig hält ihm die Hand zum Check hin. 

  • Mit seiner offenen Art ist Herzig unter den Fans sehr gut angekommen.
  • Vorstand Roland Kring und Herzig waren in den vergangenen Jahren Garanten des Erfolgs im Verein.
  • Mit seiner offenen Art ist Herzig unter den Fans sehr gut angekommen.
  • Vorstand Roland Kring und Herzig waren in den vergangenen Jahren Garanten des Erfolgs im Verein.

Kurzes Gespräch, dann parkt der nächste Fahrer: „Der Nico H.!“ Kurzes Gespräch über Knie, Haus, Zukunft. Aus dem dritten Wagen steigen Bekannte aus, die er umarmt. Aus dem Stadion-Lautsprecher dröhnen die Red Hot Chili Peppers. Vor der Tribüne setzen Fans und Funktionäre zu Sprechchören an: „Nico Herzig!“ Auf Biertischen Pilsgläser, Pommes und Würstchen, es riecht nach Zigarettenqualm. Herzig setzt sich an den Vorstandstisch, schwarzes Sakko, Kapuzenshirt und umgedrehtes Baseballcap auf dem Kopf. „Anton aus Tirol“ löst die Danceversion von „Country Roads“ ab. Herzig erzählt den Funktionären vom neuen Haus, vom Finanziellen – und vom Knie. Der TSV Steinbach kann sich jetzt darauf einrichten, dass seine ehemalige Identifikationsfigur wohl zum Sportinvaliden wird, mit 36 Jahren.

700 Dankesschilder wurden für die Feier ausgedruckt.
700 Dankesschilder wurden für die Feier ausgedruckt.
Am Tag von Herzigs Abschied ist aber bayerischer Nachmittag.
Am Tag von Herzigs Abschied ist aber bayerischer Nachmittag.

Der Stadionsprecher ruft ins Mikro: „Herzlich willkommen, unser Ex-Kapitän und unsere Ex-Nummer Vier: Nico Herzig!“ Viele der 625 Zuschauer recken ausgedruckte Zettel hoch, auf denen „Danke Nico!“ steht. Sponsor und Vorstand Roland Kring ergreift das Mikrofon: „96 Spiele, neun Tore, für einen Innenverteidiger ist das okay.“ Herzigs mittlerer Sohn schlägt auf dem Spielfeld ein Rad, auf der Videoleinwand ist noch einmal Herzigs wichtigstes Tor zu sehen: das Siegtor, das dem Verein den Hessenpokal und den Einzug

Neun Minuten Abschied, dann sammelt Herzig Memory-Kärtchen auf, während der Stadionsprecher die Namen der Spieler vorliest.
Neun Minuten Abschied, dann sammelt Herzig Memory-Kärtchen auf, während der Stadionsprecher die Namen der Spieler vorliest.

in den DFB-Pokal bescherte. Letzte Station, tolle Zeit für die Familie, so familiäre Klubs gebe es selten, sagt Herzig. Seine Abschiedsworte: „Ihr habt mir tolle letzte Jahre im Fußball geschenkt!“ Die Stimmung in dem Stadion mit den eineinviertel Tribünen und dem schönsten Ausblick der Regionalliga Südwest verläuft sich etwas. Der Deutsche Fußballbund verlangt für Vereine dieser Qualität einen Ausbau auf 10.000 Zuschauer – obwohl meist eher 1500 kommen.

Zum Abschied gibt es einen Blumenstrauß für Sinah, Memory-Spiele für die Kinder, eine Fotocollage für Nico. Um 13.53 Uhr ist die Feier vorbei. Während der Stadionsprecher zu den Powerakkorden von Van Halens „Jump“ die Mannschaftsaufstellung vorliest, sammelt Herzig die ersten Memorykärtchen seiner Kinder vom Spielfeld auf.

Die letzten vier Jahre seiner Karriere habe er dank der Gastfreundschaft in Haiger sehr genossen, sagt Herzig.
Die letzten vier Jahre seiner Karriere habe er dank der Gastfreundschaft in Haiger sehr genossen, sagt Herzig.

Er wird nun nicht mehr aufgerufen, er geht in den VIP-Bereich: bayerischer Nachmittag mit Dirndl, Schweinsbraten und Sauerkraut. Die erste Halbzeit verbringt Herzig mit seinem schlafenden Jüngsten auf dem Arm und spricht mit den Sponsoren aus Sparkasse, Stadtwerken, örtlichen Betrieben. Steinbach gewinnt 2:0. Tabellenführung! Trainer Alipour gönnt sich eine Stadionwurst. „Nico ist der größte Kapitän, den ich je gesehen habe“, sagt er. „Ein großer Charakter, der Hygiene in die Kabine gebracht hat.“ Auch in Zeiten, in denen er ihn nicht mehr aufstellen konnte, habe er sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. „Sensationell.“

Mit den Abschiedsgeschenken geht es nach dem Spiel zurück nach Würzburg.
Mit den Abschiedsgeschenken geht es nach dem Spiel zurück nach Würzburg.


In der Kabine sind die Worte weniger salbungsvoll, eher frotzelnd. Herzig wünscht den Kameraden „Dünnschiss und kurze Arme“, alle lachen. Als die Familie das Stadion verlässt, fällt seiner Frau ein, dass der Große wegen Corona nicht an der Hand eines Spielers ins Stadion einlaufen konnte. „So schade!“ Aber wo ist eigentlich der Schlüssel? Sie sucht, Herzig versucht die Söhne davon abzuhalten, über den matschigen Parkplatz zu hüpfen. Kein Schlüssel da, er geht zum Stadion. Da ruft ihn seine Frau zurück: Er war doch in der Handtasche. Der ganz normale Familienwahnsinn. Um 16.55 Uhr brechen die Herzigs im schwarzen Multivan in ein neues Leben auf. 


NATIONALTORWART NEUER „Wir haben aktuell ganz andere Probleme“
KRISE DER NATIONALMANNSCHAFT Warum, Herr Löw?

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 22.12.2020 14:35 Uhr