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Fußball-Kommentar : Liga vor dem Gau?

Bundesliga im Regen: Der FC Bayern dominiert national nach Belieben, kommt international aber nicht mehr mit. Bild: EPA

Wie viel weiter wird sich der Profifußball noch von der Lebensrealität seines Publikums entfernen? Das große Geld verdirbt die Sitten – und den Wettbewerb. Ein Kommentar.

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          Nach 89 Tagen rollt wieder der Ball. Und nicht nur der Rubel. Das Spiel selbst löst wieder das Transfertheater ab, diese immer schrillere Nebenbühne. Aber lässt sich das so einfach abschütteln? Überlagert der globale Basar der Kicker nicht längst den eigentlichen Fußball? Die 222 Millionen für Neymar sind weit über den Sport hinaus eines der großen Diskussionsthemen des Sommers – auch weil das große Geld bis in die Bundesliga hinein die Sitten verdirbt. Die Avancen aus Barcelona bei der Suche nach einem Neymar-Ersatz lähmten beim Dortmunder Ousmane Dembélé die Arbeitslust.

          So wirkt das Plazet eines qatarischen Geldgebers für die feindliche Übernahme eines Brasilianers in Spanien durch einen Klub in Frankreich mitten in den deutschen Titelkampf hinein, den der FC Bayern mit dem 3:1 gegen Leverkusen eröffnet hat – weil der BVB, einziger echter Gegner des Dauermeisters in diesem Jahrzehnt, wohl entweder den Jungstar oder mindestens dessen Enthusiasmus verlieren wird. Kein Wunder, dass viele sich angesichts dieser Mechanik eines Menschenhandels unter Millionären fragen, wie viel weiter sich der Profifußball noch von der Lebensrealität seines Publikums entfernen kann.

          Die Bundesliga hat, mit günstigen Eintrittspreisen und dem Verzicht auf Großinvestoren und Mega-Transfers, die Nähe zur Kundschaft bisher weitgehend behalten. Doch es wird schwieriger, im Kampf um globale TV-Einnahmen und europäische Trophäen konkurrenzfähig zu bleiben – und zugleich die Aura des Volkssports zu wahren, die das kostbare Erbe dieses Spiels ist. Wie kann die Bundesliga diese Pole zusammenhalten? Zurück zum Wesentlichen, zum Spiel selbst, so könnte das Auftaktmotto der 55. Saison heißen. Also weniger Ablenkung, weniger Reizpunkte abseits des Balles.

          Doch die entscheidende Frage ist die der Zukunft der 50+1-Regel. Sie verhindert, dass die Vereine das Sagen an Investoren verlieren können. Damit hält sie deutsche Klubs zugleich von jenem Kapital fern, das ausländische Klubs nutzen. Allerdings gibt es, bei Hannover 96, bald die nächste lokale Ausnahme von 50+1, wie zuvor in Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und de facto auch Leipzig.

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          Wie lange lässt sich, bei nun fünf Investorenklubs in der Liga, die längst schwelende Diskussion über eine Abschaffung der Regel offiziell noch ignorieren? Das wird auch von der Frage abhängen, ob das Publikumsinteresse noch eine sechste, siebte oder achte Meistersaison der Bayern aushält. Deren Jahr für Jahr wachsender finanzieller Vorsprung wird von 50+1 zementiert.

          Zugleich bröckelt die internationale Stärke der Bundesliga. In den letzten zwanzig Jahren gab es in europäischen Wettbewerben nur zwei deutsche Erfolge – die schwächste Bilanz seit Gründung des Europapokals 1955. Der letzte gelang 2013 den Bayern, die seitdem Jahr für Jahr an Spaniern gescheitert sind. Nun rüstet die europäische Konkurrenz gewaltig auf, während der prominenteste Bayern-Zugang, James Rodriguez, ein geliehener Ersatzmann von Real Madrid ist. Selbst Bayern-Präsident Hoeneß sieht die Chancen in der Champions League schwinden. So droht ein Super-Gau für die Strahlkraft der Bundesliga: ein FC Bayern, der national weiter nach Belieben dominiert, international aber nicht mehr mit Real & Co. mitkommt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

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