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Probleme im Amateurfußball : Gewaltexzess in Altenessen

Bis der Arzt kommt: An der Basis wird Fußball als „Kontaktsport“ gespielt Bild: Imago

Ein 21 Jahre alter Fußballspieler tritt einem bewusstlosen Gegner gegen den Kopf – und wird lebenslang gesperrt. Doch niemand will sich aufregen. Auch das Opfer nicht. Ein Blick in den Abgrund.

          Eigentlich wollte der Schiedsrichter gerade abpfeifen. Es war die 90. Minute. Im Derby zwischen den Sportfreunden 1918 Altenessen und der Juspo Altenessen II stand es 2:1. Dann sprintete der Libero der Sportfreunde noch einmal zum Ball, riss das Bein hoch und traf einen Spieler der Juspo an der Schulter. Ein gelbwürdiges Foul. Und weil der Libero schon verwarnt worden war, erteilte ihm der Schiedsrichter kurz vor Ende mit Gelb-Rot einen Platzverweis.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Dem Juspo-Spieler aber reichte das offenbar nicht. Er verpasste seinem Gegner erst einen heftigen Kopfstoß. Der Libero sank bewusstlos nieder. Danach ließ er nicht von ihm ab, sondern trat nach, mehrmals, mit der Sohle gegen den Kopf. Vor den Augen von hundert Zuschauern. Gewaltexzess in der Provinz. Ein Rettungswagen brachte den Libero ins Krankenhaus. Der Schiedsrichter pfiff ab. In seinen Spielbericht würde er später unter der Rubrik „Sonstige Vorkommnisse“ über das Spiel vom 14. September schreiben: Während des Spiels gab es ein besonders brutales Foul.

          So brutal, dass der zuständige Staffelleiter, der in der Kreisklasse C Niederrhein die Spiele ansetzt, den Fall an die Kreisspruchkammer, eine Art Sportgericht, meldete. Er selbst hätte den Juspo-Spieler nachträglich für vier Wochen von allen Spielen ausschließen können. Das kommt nach heftigen Fouls immer mal wieder vor. Aber der Staffelleiter ahnte wohl: Vier Wochen Sperre, das reichte diesmal nicht.

          Eine Woche später, am Montag vergangener Woche, trat die Kreisspruchkammer zusammen. Vor Karl Schüller, deren Vorsitzendem, saßen das mutmaßliche Opfer, der mutmaßliche Täter, der Schiedsrichter und Spieler und Betreuer beider Mannschaften als Zeugen. Was sie sagten, war eindeutig. Nur der Juspo-Spieler zeigte sich erst uneinsichtig. Schließlich sagte er: „Fußball ist Kontaktsport und kein Ballett.“ Wenn er aber jemanden getroffen habe, dann entschuldige er sich.

          „Natürlich ist das eine harte Entscheidung“

          Aber eine Entschuldigung genügte wiederum der Kreisspruchkammer nicht. Sie zog sich nach der einstündigen Verhandlung für 15 Minuten zurück, wirklich diskutieren mussten die fünf Mitglieder über das Urteil aber nicht. Sie verhängten die härteste Strafe überhaupt - und sperrten den erst 21 Jahre alten Juspo-Spieler ein Leben lang von allen Partien im Rahmen des DFB. Seine Spielerkarriere, wenn auch nur im Amateurbereich, bei dem mehr der Spaß am Spiel als der sportliche Erfolg im Vordergrund stehen sollte, ist damit beendet.

          „Natürlich ist das eine harte Entscheidung“, sagt deswegen auch Schüller, der das Urteil gesprochen hat. Seit 15 Jahren ist er Mitglied der ehrenamtlichen Kreisspruchkammer am Niederrhein, seit fünf Jahren ihr Vorsitzender. Während der Saison muss er mit seinen Kollegen immer wieder über Schläge ins Gesicht oder Beleidigungen urteilen, meistens verhängen sie dann Sperren von ein paar Wochen oder Monaten. Das gehört zu ihrem Alltag.

          „Stattdessen wird der Spieler in Schutz genommen“

          Wenn aber ein Spieler auf seinen bewusstlosen Gegner eintritt, „dann wird man sich daran noch länger erinnern“, sagt Schüller. Dass der Juspo Altenessen II nun überlegt, Einspruch gegen die lebenslange Sperre seines Spielers einzulegen, damit der Fall vor der nächsthöheren Instanz noch einmal verhandelt wird, kann er nicht nachvollziehen. „Man sollte sich von solchen Gewalttaten klar distanzieren, doch stattdessen wird der Spieler auch noch in Schutz genommen.“

          Ansonsten aber wird geschwiegen. Weder Täter noch Opfer wollen sich äußern, auch ihre Vereine verhalten sich erstaunlich ruhig. Sie wollten den weiteren Gang des Verfahrens abwarten, sagen sie. Womöglich aber auch nicht die Erfolge relativieren, die man beim Kampf gegen Gewalt im Amateurfußball gemacht hat.

          „Wir haben kein grundsätzliches Gewaltproblem“

          Es sind bescheidene Fortschritte gewesen, aber immerhin. Zum Beispiel wurden Konfliktberater eingesetzt, woraufhin sich einige Vereine, die mit den Betreuern zusammenarbeiten, im „Gewalt-Ranking“ des Fußballkreises verbessert haben. Es gebe heute weniger Schlägereien und Übergriffe, erzählt ein Konfliktberater aus dem Ruhrgebiet. Und auch Thorsten Flügel, Vorsitzender des Fußballkreises Essen Nord/West, sagt: „Wir haben kein grundsätzliches Gewaltproblem.“ Gleichwohl sagt auch er zu den Kopftritten in Altenessen: „Da muss man gegen vorgehen.“

          Aber gleich mit einer lebenslangen Sperre? Die werden, wenn auch sehr selten, immer wieder gegen Amateurfußballer verhängt. Der DFB vertraut nach eigenen Aussagen den Sportgerichten, die Vorfälle angemessen zu beurteilen, wobei eine lebenslange Sperre immer das letzte Mittel sei. Außerdem verweist der Verband darauf, dass eine Sperre, nach gegebener Zeit und entsprechender Einsicht des Spielers, auch wieder zurückgenommen werden könne.

          „Drakonische Strafe“ gegen einen Einzeltäter

          Ob von dieser Möglichkeit zum Beispiel ein anderer Spieler, der im Februar vergangenen Jahres in Krefeld von der zuständigen Spruchkammer ebenfalls lebenslang gesperrt wurde, profitieren wird, ist ungewiss. Er war bei einem Hallenturnier dem Schiedsrichter in den Rücken gesprungen. Auch Schüller erinnert sich an einen weiteren Fall, der vor zehn Jahren passierte. Der Spieler damals sei aber schon über 30 und nicht erst 21 Jahre alt gewesen, wie jetzt der Juspo-Mann aus Altenessen.

          Deswegen wohl spricht sogar der gegnerische Verein von einer „drakonischen Strafe“ gegen einen Einzeltäter. Bloß kein böses Blut, so die Botschaft. Der eigene Spieler hätte nach ein paar Stunden und mit einigen Schürfwunden im Gesicht das Krankenhaus wieder verlassen. Und mit dem Täter hätte man später ganz vernünftig sprechen können, sagte ein Mitglied der Sportfreunde Altenessen, aber natürlich hätte die Sache auch wesentlich schlimmer ausgehen können. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung derzeit noch gegen den Juspo-Spieler.

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