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Primera División : Spanischer Fußball-Sumpf

Warten auf den Anpfiff: Tito Vilanova (links), Trainer des FC Barcelona kann doch noch rechtzeitig loslegen Bild: AFP

13 Klubs gegen den FC Barcelona und Real Madrid: In der spanischen Primera División fordern die Fußballvereine eine gerechte Verteilung der Fernsehgelder. Zunächst wird nicht gestreikt - aber der Kampf geht weiter.

          Allmählich bürgert es sich als spanisches Sommerunterhaltungsprogramm ein, dass Fußballvereine der Primera División mit Streik drohen. Das ist nicht ohne Komik, gelten manche der Profis doch als phantastisch bezahlt und könnten, so die Meinung des Volkes, in einem krisengeschüttelten Land ruhig ein wenig auf die Proportionen achten. Im vergangenen Jahr etwa solidarisierten sich zahlreiche Spieler mit jenen Kollegen, deren Klubs ihnen wegen akuter Finanznot monatelang keine Gehälter bezahlt hatten.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Drohung hatte Erfolg, der erste Ligaspieltag fiel aus und musste im Winter mühselig in einen übervollen Terminkalender gestopft werden. Gelöst war damit nichts: Die Vereine der ersten und zweiten Liga im Land des Welt- und Europameisters sind weiterhin horrend überschuldet, und einige haben sich einen Teil der Verbindlichkeiten durch Insolvenzverfahren vom Hals geschafft. Für das Panorama fällt einem auch ein Bild ein. Es ist, als versuchten Leute, die gemeinsam im Sumpf stecken, mit aller Macht, auf die Schultern der anderen zu steigen.

          Damit sind wir beim Thema, denn es geht - nicht zum ersten Mal - um die leidigen Fernsehrechte. „Fußballkrieg“ nennen die Medien das, was sich da an Interessenkämpfen zwischen spanischen Bezahlsendern und den Klubs der höchsten spanischen Klasse abspielt. Dreizehn Vereine der Primera División, darunter Athletic Bilbao, Atlético Madrid, FC Sevilla und Real Sociedad, hatten dem spanischen Profiligaverband (LFP) gedroht, am kommenden Wochenende nicht zum Saisonstart anzutreten, wenn ihre Forderungen keine akzeptable Antwort erführen.

          Erstens: Der Ligaverband solle die Fernsehsender dazu bringen, ausstehende Zahlungen für Senderechte zu leisten. Zweitens müssten alle gerichtlichen Klagen seitens der Sender - vor allem wegen Nichterfüllung von Vertragsklauseln - zurückgezogen werden. Drittens solle die Uhrzeit des Spielbeginns fair und transparent festgesetzt werden. Viertens fordern die Vereine ein geordnetes Prozedere für die künftige „friedliche“ Nutzung der Fernsehrechte. Die Streik-Drohung für den ersten Spieltag ist nach Verhandlungen mit dem Liga-Präsidenten erst mal vom Tisch. Aber der Präsident von Atlético Madrid, Enrique Cerezo, der als einer der Anführer der Revolte gilt, kündigte an, dass dies nur ein Zugeständnis auf Zeit sei: „Wir sind 13 Klubs, und wir werden weiter darum kämpfen, unsere Ziele zu erreichen.“

          „Wir werden weiter darum kämpfen“

          Natürlich gibt es einen Hintergrund für diesen Vorgang, und darin mischen sich auf unerquickliche Weise sportliche, wirtschaftliche und politische Motive. In Spanien verhandeln die Fußballklubs separat um ihre Fernsehrechte. Die beiden Großen, Real Madrid und der FC Barcelona, lassen sich ihre Attraktivität so saftig bezahlen wie kein anderer Spitzenklub in Europa. Jeder der beiden kassierte in der letzten Saison von Mediapro um die 140 Millionen Euro Fernsehgelder - fast dreimal so viel wie die nachfolgenden Klubs Valencia und Atlético Madrid und zehnmal so viel wie der Vorortklub Rayo Vallecano. Und knapp fünfmal so viel wie Bayern München. Zusammen erhalten die beiden spanischen Großklubs fast so viel wie alle anderen achtzehn spanischen Erstligavereine zusammen.

          Dieses Prinzip darf man wohl unsolidarisch nennen, denn Real und Barça brauchen ja trotz allem einen Gegner. Diese, in letzter Zeit oft nur Sparringspartner für die Starensembles aus Madrid und Katalonien, haben zunehmend eigene Vorstellungen davon entwickelt, wie sie sich am besten vermarkten können. Einige haben die Verträge mit Mediapro gekündigt und ihre TV-Rechte an die Mediengruppe Sogecable (und damit an den Bezahlsender Canal+) verkauft.

          Der Machtkampf zwischen dem „rechten“ Mediapro und dem eher „linken“ Sogecable hat schon in den Legislaturen der Ministerpräsidenten Aznar und Zapatero für Skandale und Begünstigungen gesorgt. Unter dem Konzerndach der Prisa-Gruppe lebt nicht nur Sogecable, sondern erscheint auch Spaniens meistgelesene Tageszeitung „El País“. Dagegen ergreift das Sportmassenblatt „Marca“, das im selben Haus wie die „El País“-Konkurrenz „El Mundo“ erscheint, unverhüllt Partei für die Berlusconi-Firma Mediapro. Der Fußballkrieg zwischen den beiden wirtschaftlich angeschlagenen Gruppen ist zu lang und zu schmutzig, um hier erzählt zu werden.

          Hier und da stünden Millionensummen aus

          Inzwischen beschweren sich viele Klubs, nach Bekanntwerden des anstehenden Wechsels zu Canal+ habe Mediopro seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllt. Auch über Canal+ gibt es Klagen. Hier und da stünden, so die Vereine, Millionensummen aus. Real Sociedad etwa erstritt sich gegen Mediapro vor Gericht 8,5 Millionen Euro. Auch Athletic Bilbao, Osasuna oder Espanyol Barcelona, wie „El País“ berichtet, warten noch auf Fernsehgelder aus den letzten Jahren. Atlético Madrid, ein weiterer Geschädigter, ist obendrein verärgert darüber, dass der Ligaverband die erste Saisonpartie der Rot-Weißen auf 23 Uhr festgesetzt hat: Die ungewöhnlich späte Anstoßzeit diene den Interessen von Mediapro.

          Die Streikgefahr ist erst mal gebannt, die Lösung der Strukturprobleme im spanischen Sportgeschäft wieder einmal vertagt worden. Es ist nicht nur die Schuld der beiden Großklubs, die an einer gerechteren Verteilung des Kuchens naturgemäß nicht interessiert sind. Es liegt auch an der Verbandelung von Politikern, Kartellamt, Ligaverband und Mediengruppen mit politischer Agenda. Manches spricht dafür, dass die Lust, sich über labyrinthische Korruptionszusammenhänge den Kopf zu zerbrechen, schwindet, sobald der Ball wieder zu rollen beginnt.

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