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Start der Priméra Division : Barca ohne Abwehr, Real ohne System

Noch nicht auf der Höhe: Lionel Messi und der FC Barcelona Bild: AP

Peinliche Pleiten, missmutige Stimmung: Vor dem Start der spanischen Liga sind die beiden mächtigsten Klubs noch in der Findungsphase. Ein anderer Verein hat dagegen mächtig aufgerüstet.

          Die beiden mächtigsten spanischen Fußballvereine sind noch nicht in bester Verfassung. Das könnte die an diesem Wochenende anrollende Primera División etwas spannender machen, vor allem, da Atlético Madrid mächtig aufgerüstet hat. Der FC Barcelona dagegen bezog im spanischen Supercup beim 0:4 bei Athletic Bilbao zuletzt mächtig Prügel und ließ daheim nur ein 1:1 folgen, plus Roter Karte für Innenverteidiger Piqué. Der zweite Titel der neuen Saison war damit futsch.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Den ersten, den europäischen Supercup, hatten die Katalanen zwar in der Woche zuvor mit einem 5:4 gegen den FC Sevilla errungen, aber wie die Andalusier in der zweiten Halbzeit aus einem 1:4-Rückstand ein 4:4 machten, das die beiden Teams in die Verlängerung schickte, war mit Blick auf Barças Verteidigung alarmierend. Noch schlimmer wurde es dann im Stadion San Mamés gegen Bilbao. Torhüter Marc-André Ter Stegen trug das Seine dazu bei, indem er sich von einem Schuss von der Mittellinie aus düpieren ließ. Es kann für den Deutschen, der den Stammkeeper Claudio Bravo nur durch kontinuierliche Klasseleistungen verdrängen könnte, kein Trost sein, dass Verteidiger Dani Alves noch unterirdischer spielte als er selbst.

          Kaum noch eigener Nachwuchs

          Das Juwel der vergangenen Saison, der Sturm mit Messi, Neymar und Luis Suárez, macht die schleichende Veränderung deutlich, die der Kader des spanischen Meisters durchlaufen hat. Immer mehr Topspieler werden hinzugekauft, kaum noch einer aus der eigenen Jugend schafft es in die Stammelf. Dafür werden die Produkte der eigenen Talentschmiede „La Masía“ immer profitabler an europäische Topklubs veräußert: Thiago Alcántara 2013 an Bayern München, Cesc Fàbregas letztes Jahr an Chelsea, und soeben ist Pedro seinem alten Kumpel gefolgt und schnürt seine Schuhe - Ablöse: 30 Millionen Euro - nun ebenfalls für Mourinhos Meisterteam.

          Seit Sommer 2013 hat der FC Barcelona mit Spielerverkäufen aus der eigenen Jugend 93 Millionen Euro eingesammelt, mehr als in den vierzehn Jahren zuvor zusammen. Da für das Jahr 2015 noch die Fifa-Spielsperre für Neuverpflichtungen der Katalanen gilt, wird der einzige bemerkenswerte Zukauf, der Türke Arda Turan, vormals Atlético Madrid, erst im Januar zu besichtigen sein.

          Den etwas grauen Eindruck vervollständigt Real Madrid. Das wichtigste Lächelbild des Sommers lieferte nicht etwa die spektakuläre Verpflichtung eines Weltstars, sondern das Foto von einem, der wider Erwarten doch blieb: Innenverteidiger Sergio Ramos, den man vor zwei Monaten schon bei Manchester United wähnte, unterschrieb nach heftigem Tauziehen einen besser dotierten Vertrag mit Laufzeit bis 2020 - man spricht von neun bis zehn Millionen Euro Nettojahressalär - und führt die Mannschaft als Kapitän in die neue Spielzeit. Real-Boss Florentino Pérez darf als Verlierer des Ringens bezeichnet werden, und entsprechend gezwungen präsentierten sich die präsidialen Gesichtszüge beim Fototermin.

          Plötzlich könnte ihm nämlich bewusst geworden sein, dass der Klub nach dem Abgang der Real-Ikone Iker Casillas zum FC Porto Gefahr lief, ohne Kopf und Herz dazustehen. Wer außer Sergio Ramos hätte das Team denn führen sollen? Der spaßige brasilianische Wuschelkopf Marcelo, der nach Dienstjahren an der Reihe gewesen wäre? Gar der Ego-Spieler Cristiano Ronaldo, dem der neue Coach Rafael Benítez klargemacht hat, dass Reals Zukunftshoffnungen eher auf seinem fünf Jahre jüngeren Kollegen Gareth Bale ruhen?

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          Wie und wo der Nachfolger von Carlo Ancelotti die Mannschaft umformen will, ließ sich bisher nur in Andeutungen erkennen. Dass Bale mehr Bewegungsfreiheit in der Mitte bekommen soll, um endlich seinen Kaufpreis von fast 100 Millionen Euro zu rechtfertigen, dürfte ein schon länger gehegter Wunsch der Real-Führung sein. Aber Klubführungen basteln kein Siegerteam. Sie sagen nur: Mach mal Platz! Diesmal ging die Aufforderung an die Adresse von Cristiano Ronaldo, der bisher die Tore, die Freistöße und Elfmeter okkupiert. Bale sieht mit seinem Zöpfchen und dem Zusselbart inzwischen aus wie ein Samurai aus einem frühen Kurosawa-Film, nur die großen Leistungen lassen noch auf sich warten. Nicht einmal beim Madrider Einladungsturnier „Trofeo Bernabéu“ gelang ihm ein Törchen, und die Fans widmeten ihm die ersten Pfiffe.

          Blieb eine gute Nachricht aus deutscher Sicht: Toni Kroos, der in der vergangenen Saison nicht nur die meisten Minuten (4593) aller Real-Akteure absolviert, sondern dabei auch die meisten Kilometer pro Partie zurückgelegt hatte (9,8), kommt mit aufgeladenem Akku aus dem Urlaub. Zur Entlastung verpflichtete Real gerade für 30 Millionen Euro den 21 Jahre alten kroatischen Defensivspieler Mateo Kovačić von Inter Mailand. Nicht gerade ein Stareinkauf, aber der Mann könnte noch sehr nützlich sein. Toni Kroos spielt laut dem Sportblatt „Marca“ eine so wichtige Rolle in Benítez‘ Konzept, dass der Klub alles tun will, um seine Kräfte zu schonen. Und wer weiß, vielleicht erlebt man in der neuen Saison ja auch wieder einen etwas offensiveren Kroos?

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