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Premiere für Advocaat : Ergebnis gut, Spiel schlecht, General mürrisch

  • -Aktualisiert am

Hinter vorgehaltener Hand: Advocaat gibt Anweisungen Bild: REUTERS

Beim Nachspiel zum 1:1 der Gladbacher bei Aufsteiger Mainz 05 machte Advocaat am Samstag auf Anhieb deutlich, daß er nicht nach Deutschland gekommen ist, um an einem Popularitätswettbewerb teilzunehmen.

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          Als er nichts mehr sagen wollte, kam Dick Advocaat ins Reden - auf holländisch. Entspannt und ab und zu sogar mit einem Hauch von Humor erzählte der Niederländer vier nach Mainz gereisten Landsleuten aus dem von ihm nicht über die Maßen geschätzten Berufsstand der Journalisten, wie er seinen Einstand als Bundesliga-Trainer empfunden habe.

          Deutsche Reporter, die auch noch ein, zwei Zusatzfragen gehabt hätten, verwies der "kleine General", wie sie den holländischen Fußballehrer daheim nennen, auf die soeben beendete Pressekonferenz. Dort habe er sich, sagte Advocaat, hinreichend ausführlich zum Spiel und zu seiner Premiere als Coach von Borussia Mönchengladbach geäußert.

          Advocaat predigt "den einfachen Fußball"

          Beim Nachspiel zum 1:1 der Gladbacher bei Aufsteiger Mainz 05 machte Advocaat am Samstag auf Anhieb deutlich, daß er nicht nach Deutschland gekommen ist, um an einem Popularitätswettbewerb teilzunehmen. Was allein für ihn zählt, sind die Resultate seiner Mannschaft und die Ergebnisse seiner Arbeit auf dem Trainingsplatz.

          Advocaat predige "den einfachen Fußball", urteilt Christian Hochstätter, der Sportdirektor des Tabellendreizehnten, nach den ersten Eindrücken über den Nachfolger von Holger Fach, "die komplizierten Dinge läßt er weg". Das ist im Augenblick auch besser so bei diesem Jahrgang des fünfmaligen deutschen Meisters, dessen Spielweise im mit 20.300 Zuschauern wieder einmal ausverkauften Bruchwegstadion exakt zur aktuellen Plazierung des Klubs am Rande der Abstiegsplätze paßt.

          „Fußballspielen ist auch sehr wichtig"

          Wie der auf Disziplin und Gehorsam genau achtende Advocaat vor allem in der ersten Halbzeit immer wieder Spieler seines Teams zu sich winkte und ihnen wie ein Platzanweiser zu verstehen gab, wo ihr Feld zum Beackern von Ball und Gegner sei, erklärte mehr als tausend Worte danach. Zumal Advocaat schon angekündigt hat, sich bei seinem neuen Arbeitgeber nicht rhetorisch zu verausgaben. Zwei Pressetermine pro Woche, mehr haben die an tägliche Wasserstandsmeldungen gewöhnten Kollegen am Niederrhein von diesem Mann der Tat nicht zu erwarten.

          In Mainz kam der Fußball-Pragmatiker aus einem Land, das den "Fußball total" erfand und die Schönheit des Spiels zuzeiten höher als dessen Effektivität einschätzt, kurz und präzise auf den Punkt. "Das Ergebnis ist gut, der Fußball war schlecht", lautete einer der wenigen Kernsätze, die Advocaat zu dem vor allem in der ersten Hälfte schlichten Kick seiner Elf fand. Zur knappen Erläuterung seiner These erlaubte er sich noch die Zusatzbemerkung: "Wir verlieren zuviel den Ball und müssen dann viel arbeiten, um uns den Ball zurückzuholen. Arbeit ist wichtig, aber das Fußballspielen ist auch sehr wichtig."

          Klopp denkt notorisch positiv

          In Mainz, wo das geduldige Publikum ein über weite Strecken qualitativ minderwertiges Duell zwischen einem tapfer kämpfenden Neuling und einem verkrampft bemühten Ligaliebling geboten bekam, war der ansehnlichste Spielzug der ersten Halbzeit auch ein groteskes Gemeinschaftswerk zwischen dem Mainzer Paßlieferanten Niclas Weiland und dem Gladbacher Torschützen Vaclav Sverkos (13.). Dagegen war der den Verhältnissen entsprechende Ausgleich der Mainzer ein gewöhnlicher Kopfballtreffer von Innenverteidiger Nikolce Noveski (58.) nach einem Eckstoß von Antonio da Silva.

          Daß Advocaats notorisch positiv denkender Kollege Jürgen Klopp auch den bisher unattraktivsten Auftritt seiner durch Verletzungen geschwächten Mannschaft zum Anlaß nahm, die innige Mainzer Fußballfamiliengeschichte fortzuspinnen, gehört zum Marketingkonzept dieses Neulings ohne jede Berührungsangst. "Egal, wer von uns spielt", verkündete Gemeindeprediger Klopp programmatisch, "Hauptsache, er trägt ein Mainz-05-Trikot - und dann geht die Post ab."

          Ziege warnt vor falschen Schlüssen

          Daß Advocaat jemals ähnliche Leitsätze hinausposaunte, ist unvorstellbar. Der in den Niederlanden nicht überaus beliebte Trainer ist ja als Weltmann nach Mönchengladbach geholt worden, damit er den einst auch wegen ihres atemraubenden Kombinationsfußballs gefeierten Borussen ein Stück sportlicher Klasse zurückerobere. Die große Lösung mit dem "kleinen General" hat Vereinspräsident Rolf Königs, ein erfolgreicher Unternehmer und sportlicher Businessplaner, angepeilt und deshalb den Lehrherrn Advocaat verpflichtet, der zweimal Bondscoach war und mit dem PSV Eindhoven und den Glasgow Rangers Titel in Serie gewann.

          Der Vorsatz, endlich heraus aus der Provinz zu kommen, ist gefaßt und eine erste personelle Konsequenz gezogen worden. Ob Advocaat der Mann sein wird, diese Borussia aus den Niederungen der Tabelle heraus zu lichten Höhen zu führen, bleibt eine spannende Frage. Ausgerechnet der Gladbacher Kapitän Christian Ziege, Europameister 1996 und international herumgekommen wie sein Chef, hat in Mainz alle Superoptimisten eindringlich vor falschen Schlüssen gewarnt: "Nur weil wir ein neues Stadion, ein neues Trainingsgelände und einen neuen Trainer haben, sind wir noch nicht im Uefa-Cup."

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