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Englands Transferschluss : Eine neue Deadline mit Folgen

  • -Aktualisiert am

Einkauf angeblich abgeschlossen: Jürgen Klopp war schon tätig, Loris Karius könnte noch den Abschied aus Liverpool anstreben. Bild: dpa

Die Vereine der englischen Premier League haben die frühe Deadline für ihre Kaderplanung so gewollt. Aber die Sache hat für sie auch einen Haken.

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          In der Premier League müssen sie bekanntlich nicht so genau aufs Geld schauen. Der FC Liverpool zum Beispiel hat gerade den Brasilianer Alisson zum teuersten Torwart der Welt gemacht: 72,5 Millionen Euro inklusive möglicher Boni bezahlen die „Reds“ für ihn an die AS Roma. Insgesamt hat der Verein von Trainer Jürgen Klopp damit in diesem Sommer schon mehr als 180 Millionen Euro ausgegeben. West Ham United will mit Neuzugängen im Wert von 95 Millionen Euro eine weitere Saison für die Tonne verhindern. Und selbst Außenseiter Huddersfield Town steht rund 50 Millionen Euro für neue Spieler.

          Das sind Beträge, mit denen so mancher Bundesliga-Verein außerhalb des elitären Zirkels um Bayern München nicht mal ansatzweise mithalten kann. Der teuerste Zugang in der Geschichte des SC Freiburg war Admir Mehmedi für sechs Millionen Euro; Mainz 05 hat für Jean-Philippe Mateta gerade acht Millionen Euro ausgegeben und damit mehr als jemals zuvor.

          Allerdings: In diesem Sommer gilt in der Premier League zum ersten Mal eine neue Regel, für deren Einführung sich die 20 Klubs im vergangenen September mehrheitlich entschieden haben. Deutlich früher als bisher, schon am Nachmittag des 9. August, also einen Tag vor dem ersten Spiel der neuen Saison, müssen die Kader der Klubs in Englands erster Liga feststehen. Weitere Einkäufe sind nach diesem Stichtag nicht mehr erlaubt.

          So sollen Hängepartien wie zu Beginn der vergangenen Saison verhindert werden, als zum Beispiel Alex Oxlade-Chamberlain am dritten Spieltag mit dem FC Arsenal gegen den FC Liverpool krachend verlor – und sich dem Gegner vier Tage später in einem Deadline-Day-Deal anschloss.

          Profitiert das Ausland von der englischen Resterampe?

          Das Ganze hat aber einen Haken. Zumindest aus Sicht der englischen Vereine. Denn ins Ausland dürfen die Spieler der Premier League auch nach dem 9. August noch wechseln. In Deutschland, Spanien und Frankreich haben die Vereine drei Wochen länger Zeit, an ihren Kadern für die neue Saison zu feilen; in Italien können sie bis zum 17. August einkaufen. Das führt zu einer Schieflage auf dem Markt, von der vor allem die ausländischen Vereine profitieren könnten.

          Denn die Verhandlungsposition der englischen Topklubs verschlechtert sich nach dem 9. August rapide. Wenn ein Premier-League-Verein etwa seine Kaderplanung  für die Saison abgeschlossen hat und noch Personal loswerden will, dann dürfte er nach dem Stichtag Schwierigkeiten haben, den Preis für die jeweiligen Spieler künstlich hoch zu halten. Die Konkurrenz im Ausland wie auch in der zweitklassigen englischen Championship kann gezielt abwarten, bis die Preise purzeln – und dann mit niedrigen Angeboten einsteigen. Und sollte etwa einer der reichen spanischen Topklubs einen Star aus der Premier League herauskaufen, dann hätte der abgebende Verein bis zum Winter nicht mehr die Möglichkeit, die Lücke zu schließen.

          Die Premier-League-Bosse stehen also vor der Aufgabe, bis zum 9. August sowohl ihre Wunschspieler einzukaufen als auch solche zu verkaufen, von denen sie glauben, dass sie ihre Dienste nicht länger benötigen werden. Gemessen daran ist in England noch nicht sonderlich viel passiert in diesem Sommer. Liverpool hat – Stand jetzt – deutlich mehr ausgegeben als die gesamte Konkurrenz.

          Was macht Karius?

          Jürgen Klopp sagte zuletzt aber, seine Kaderplanung sei damit abgeschlossen. Bei vielen anderen Vereinen dürfte es in den kommenden Tagen bis zum Saisonstart noch hektisch werden. Der „Guardian“ zitierte zu dem Thema Leon Angel von der Beratungsagentur Base Soccer: „Es wird wie im Januar werden, wenn alles in den letzten zehn Tagen passiert.“ Einige Vereine seien auch wegen der Weltmeisterschaft in diesem Jahr schwer in die Gänge gekommen: „Ich glaube, manche Klubs haben noch nicht richtig geschnallt, dass sie nur noch ein paar Wochen Zeit haben.“

          Liverpool hat bisher das meiste Geld ausgegeben: Alisson wurde dadurch der bislang teuerste Torwart der Welt.
          Liverpool hat bisher das meiste Geld ausgegeben: Alisson wurde dadurch der bislang teuerste Torwart der Welt. : Bild: Reuters

          Bei der Abstimmung im vergangenen September haben fünf Klubs gegen das frühere Ende der Transferphase gestimmt: Manchester City, Manchester United, Crystal Palace, Watford und Swansea. Es sei zwar eine hübsche Idee, mit Beginn der Spielzeit Sicherheit zu haben. Aber das funktioniere nur dann, wenn auch die anderen Ligen mitzögen, hieß es damals. Für ihre Sichtweise spricht zum Beispiel das Theater um Philippe Coutinho zu Beginn der vergangenen Saison. Der FC Barcelona wollte ihn, Coutinho wollte wechseln, Liverpool wollte ihn behalten – mit dem Effekt, dass Coutinho in den ersten vier Ligaspielen wegen angeblicher Rückenschmerzen nicht zur Verfügung stand, was ihm Beobachter als Druckmittel gegen Liverpool auslegten.

          Coutinho wechselte schließlich im Winter. Solche Interessenskonflikte wird man mit einem nur für England geltenden frühen Transferschluss nicht verhindern. Den Fürsprechern sei es aber ohnehin um die „Integrität des Wettbewerbs untereinander“ gegangen, wie es Premier-League-Chef Richard Scudamore nach der Abstimmung formulierte. Arsène Wenger, der damalige Trainer des FC Arsenal, soll aus demselben Grund sogar die Abschaffung des Winter-Transferfensters gefordert haben, was aber nie zur Diskussion gestanden habe.

          Vor dem Hintergrund von Alissons Wechsel zum FC Liverpool mehren sich nun die Gerüchte um Loris Karius. Klopp hat Alisson bereits zu seiner neuen Nummer eins erklärt, weshalb der deutsche Torwart sich nun angeblich nach Alternativen umsieht. „Es ist natürlich nicht perfekt für mich“, wurde Karius zu seiner neuen Situation zitiert: „Ich kann noch nicht sagen, was ich machen werde. Aber es ist ja noch etwas Zeit.“ Sollte er innerhalb der Premier League wechseln wollen, wäre es jetzt noch eine Woche.

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